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DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (17)

In diese Krankenhauszeit fiel auch das letzte der offiziellen Outings. Fred, der eine katholische Schule in der Nachbarschaft besuchte, hatte ja bis jetzt darum gebeten, in der Schule nichts von Janas Veränderungen zu erzählen. Jetzt wollte sich Gustav, unser Kleiner, auch an dieser Schule bewerben und so kamen wir nicht mehr darum herum, auch dort reinen Wein einzuschenken. Bis auf ein paar engere Freunde von Fred wusste noch niemand Bescheid. An einem Tag der offenen Tür suchten wir das Gespräch mit der Schulpsychologin. Wir baten sie darum, den Direktor darauf vorzubereiten, dass wir neben dem üblichen Bewerbungsgespräch noch ein weiteres Anliegen auf dem Herzen hätten. Als es dann zu diesem Gespräch mit dem Schulleiter kam, haben wir ihn vorsichtig davon in Kenntnis gesetzt, dass sich an unserer Familiensituation in absehbarer Zeit etwas sehr Gravierendes verändern würde. Wir schenkten ihm komplett reinen Wein ein und er zeigte sich sehr beeindruckt, wie offen wir mit diesem Thema umgingen. Und als wir andeuteten, dass wir das Outing in Freds Klasse gerne anlässlich eines Elternabends machen würden, war er begeistert. Er sagte von sich aus, dass er gerne die Lehrerschaft im Vorfeld darüber informieren würde. Ich war sehr überrascht, dass es gerade an einer katholischen Schule so komplikationslos vonstatten ging, war ich doch klare Ablehnung von Seiten des Rektors der Grundschule gewohnt. Als ich ihm davon erzählte, war er schier entsetzt.

Als der erwähnte Elternabend nahte, erfuhren wir, dass Fred auch noch eine neue Klassenlehrerin bekommen würde, ein ganz junge Frau. Sie rief uns im Vorfeld an und wir unterhielten uns sehr intensiv. Sie schlug vor, die Eltern zwar an diesem Abend über die Veränderungen zu informieren, sie aber gleichzeitig zu bitten, den Kindern noch nichts zu sagen. Das sollten wir als Paar vor der Klasse machen. Leider war Jana noch in der Hautklinik, als der Elternabend stattfand. Also musste ich da alleine durch und ich hatte ganz schön Muffensausen. Mein Anliegen wurde als letzter Tagesordnungspunkt behandelt. Es waren tatsächlich alle Kinder mit mindestens einem Elternteil vertreten. Also fing ich an zu erzählen. Bis zum Schluss herrschte Mucksmäuschenstille. Als ich fertig war, war ich schweißgebadet. Was dann kam, verschlug mir den Atem. Die Eltern standen auf und applaudierten mir! Nicht eine einzige negative Bemerkung kam auf, im Gegenteil, alle Eltern waren damit einverstanden, dass Jana und ich die Kinder in einer eigenen Unterrichtsstunde über alles informieren sollten.

Es wurde eine Extranachmittagsstunde angesetzt. Im Normalfall hieß das für die Schüler, dass sie irgendwas angestellt hatten und sich nun einen Rüffel abholen mussten. Entsprechend demotiviert kamen sie auch in den Klassenraum, sie wussten ja nicht worum es tatsächlich ging. Jana war zwischenzeitlich aus der Klinik entlassen worden und übernahm diesmal das Reden selbst. Etwas zögerlich am Anfang, doch dann immer freier, erzählte sie alles, von dem Wunsch, der Hormontherapie, der bevorstehenden Operation. Aber auch von den Ängsten, die Fred hatte, Angst vor Mobbing und Ausgrenzung. Dann durften die Kinder Fragen stellen. Jana sagte ihnen, sie sollten keine Scheu haben, sondern von der Seele weg fragen. Die erste Frage wurde erstaunlicher Weise mir gestellt. Ein Schüler fragte doch tatsächlich mich, wie es mir in dieser Situation denn so ginge. Das war ich von Erwachsenen gewohnt, nicht aber von Kinder bzw. Jugendlichen. Ich war ehrlich in meiner Antwort, sagte, dass das Alles für mich auch nicht einfach sei, dass ich mir mein Leben natürlich anders vorgestellt hatte, dass wir es aber gemeinsam versuchen wollten. Es gab auch Fragen zur Hormontherapie, wie sie wirkt und zur anstehenden Operation. Jana ließ keine unbeantwortet.

Im Anschluss an diese Stunde beruhigten alle Mitschüler Fred hinsichtlich seiner Ängste. Ihr Verhalten ihm gegenüber würde sich nicht verändern. Das kam von Herzen und ist auch bis heute so. Möge sich mancher Erwachsene davon eine Scheibe abschneiden.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (16)

Ich habe ja schon von Janas Neurodermitis und ihren Krankenhausaufenthalten erzählt. Trotz der jetzt laufenden Hormontherapie litt sie nach wie vor an solchen Attacken. An einem Wochenende stand sie dann mal wieder völlig verzweifelt vor mir, zeigte mir ihre blutigen Beine und da stand fest, wir kamen um einen Besuch in der Notaufnahme nicht mehr vorbei. Wer schon einmal in der Notaufnahme, bzw. beim notärztlichen Dienst am Klinikum war, der weiß, dass es dort selten genau den Facharzt gibt, den die jeweilige Erkrankung erfordern würde. Als dann der junge Mann in Jogginghose und ausgeleiertem Shirt vor uns stand, wäre nicht nur Jana am liebsten wieder rückwärts raus, sondern ich auch. Er warf einen Blick auf die zerschundenen Beine und meinte: „Das haben Sie aber auch nicht erst seit gestern.“ Da mussten wir ihm wohl Recht geben. Er wusste noch nichts von Janas Transsexualität, wir erzählten ihm lediglich von der jahrelangen Kortisonbehandlung und den Ausbrüchen der letzten Monate. Wider Erwarten schien er nicht ganz ahnungslos, jedenfalls war er sich sehr schnell sicher, dass es sich dabei nicht um eine reine Neurodermitis handele, sondern diese gepaart sei mit psychischen Problemen. Auch hier konnten wir ihm  nicht widersprechen. Er riet dringend zu einer erneuten Vorstellung in der Hautklinik mit begleitender psychologischer Behandlung. Also hieß es Montagmorgen auf in die Hautklinik, wohl wissend dass Jana dort bleiben musste, was aufgrund ihrer sehr schlechten Erfahrungen bezüglich der Unterbringung in einem Männerzimmer, obwohl ihr ein Einzelzimmer versprochen wurde, wohl kaum umsetzbar war.

Wir schlugen also in der Hautklinik auf, hatten eine sehr einfühlsame Ärztin im Aufnahmegespräch. Trotzdem entschieden wir uns erst mal nichts von Janas Transsexualität zu sagen. Als Jana dann einmal aus dem Zimmer gehen musste, fragte mich die Ärztin, was denn los sei. Ich brach in Tränen aus, konnte einfach nicht mehr. Und erzählte ihr von der Transsexualität meiner Frau, von den schlechten Erfahrungen, die wir in genau dieser Klinik gemacht haben. Ich nahm kein Blatt vor den Mund und sagte klar, dass es natürlich besser für Jana sei, hier im Krankenhaus zu bleiben, dass sie es aber psychisch nicht verkraften würde, wieder in einem Männerzimmer untergebracht zu werden. Die Hormone hatten Wirkung gezeigt, auch äußerlich. Sie hatte Brüste entwickelt, wurde im Ganzen ein bisschen runder, weicher, die Gesichtszüge etwas entspannter, nicht mehr so markant. Die Ärztin fiel aus allen Wolken und organisierte sofort ein Einzelzimmer für Jana und dazu die Möglichkeit, mit dem Klinikpsychologen Gespräche zu führen. Außerdem ordnete sie eine Therapieumstellung für die Haut an. Das Kortison wurde nach und nach reduziert, dafür gab es andere Medikamente, die die Hautstruktur nicht zusätzlich belasteten. Jana blieb eine längere Zeit in der Klinik. Wir sahen endlich – zumindest was die Haut betraf – ein Licht am Ende des Tunnels. Noch in der Klinik trat eine deutliche Verbesserung der Haut ein  und zu Hause setzte sich der Erfolg fort.

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (15)

In die Zeit der Hormontherapie fiel auch die Erstkommunion unseres jüngsten Sohnes Gustav. Dass Jana bei dieser Gelegenheit auch Jana blieb und nicht in Matthias zurückschlüpfte, war selbstredend. Allerdings war der Pfarrer noch nicht eingeweiht und davor bammelte es uns etwas. Der katholische Glaube lässt da ja nicht allzu viel Spielraum. Wir holten uns Schützenhilfe bei einem Freund, der damals schon die Jugendfreizeit nach dem Outing bei den Kindern so unglaublich einfühlsam begleitet hatte. Gemeinsam traten wir also diesen Gang an, bewaffnet mit einer Flasche Wein und etwas zum Knabbern, so dass dieses Beichtgesprächgefühl erst gar nicht aufkommen konnte, sondern wir uns in netter Runde zum Plaudern trafen. Der Pfarrer hörte aufmerksam zu. Danach schwieg er ein Weilchen, während wir nervös auf seine Reaktion warteten. Völlig entspannt und locker kam seine Antwort: „Sie sind eine Familie, sie stehen zusammen, sie erziehen die Kinder im katholischen Glauben. Es ist doch alles gut! Außerdem hatten wir schon einmal einen solchen Fall in der Gemeinde. Sie sitzt jeden Sonntag in der vorletzten Reihe rechts“. Damit hatte ich gewiss nicht gerechnet!

Ganz so friedlich blieb die Reaktion meiner Familie leider nicht. Meine Mutter hatte große Probleme, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass sie dann mit einem Mann in Frauenkleidung in der Kirchenbank sitzen müsse. Auch der Rest war nicht begeistert. Immerhin konnte man zu Hause die Tür zu machen und keiner sah mehr etwas. Jetzt gab es auf einmal furchtbar viel Öffentlichkeit und das in einer vollbesetzten Kirche anlässlich einem der bedeutendsten Sakramente, die es für die Katholiken gibt. Am allerschlimmsten verhielt sich mein Bruder, der Jana gegenüber eh schon so ablehnend reagiert hatte. Er sagte klipp und klar, wenn sie in Frauenkleidung in die Kirche käme, ginge er nicht mit. Das war umso härter für Gustav, da es sich dabei um seinen Patenonkel handelte. Auch ich fühlte mich total zerrissen, war schließlich mit allen zerstritten. Für mich stand die Befindlichkeit des Jungen ganz klar im Vordergrund. Es war sein großer Tag und alle anderen lagen sich wegen einem albernen Kleidungsstück in den Haaren. Zwar fand sich kleidungstechnisch ein Kompromiss, nämlich ein eleganter, aber dezenter Hosenanzug, doch schien es so, als würde es meinen Bruder nicht beeindrucken. Für mich stand fest, wer mich vor die Wahl stellt, der zieht in diesem Fall den Kürzeren. Bei einem Telefonat sagte er mir dann: „Du und die Kinder sind hier jeder Zeit willkommen, aber Matthias nur, wenn er als Matthias kommt.“ Meinem Vorsatz folgend „Kids first“ antwortete ich ihm: „Dann werden wir uns wohl nicht wiedersehen.“  Die Interventionsversuche seiner Frau blieben scheinbar auch erfolglos. Erst knapp zwei Wochen vor der Kommunion kam dann das Signal, dass sie kommen würden. Wir waren um Gustavs Willen einverstanden.

Diese Situation hat mir so unendlich weh getan. Ich konnte nicht verstehen, wie sich Erwachsene so streiten konnten, wo es doch ausschließlich um die Bedürfnisse eines kleinen Jungen gehen sollte. In solchen und ähnlichen Situationen fand ich Trost in meinem Glauben und in der Kirche. Ich war immer schon ein gläubiger Mensch, wenn auch kein fleißiger Kirchgänger. Doch jetzt spendete sie mir die nötige Ruhe und es schien so, als bekäme ich durch Predigten, Psalme oder anderen Texten immer die richtige Antwort auf meine drängenden Fragen an Gott, wenn ich eine Heilige Messe besuchte. Besonders angetan hatte es mir zu dieser Zeit das Lied „Geh unter der Gnade“ … es passte mit jedem Satz, mit jedem Wort auf meine Situation.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (14)

Die lange Zeit des Wartens hatte endlich ein Ende. Nach zähem Kampf, unter anderem mit Janas Therapeuten, bekam sie die Zusage zur Hormontherapie. Man sah die Indikation als gegeben. Damit hatten wir den sogenannten Alltagstest, der für alle Betroffenen und Angehörigen der reinste Horror ist, erst einmal hinter uns.

Um diesen Horror mal deutlich zu machen, erkläre ich den Begriff „Alltagstest“ kurz: Der Gesetzgeber sieht vor, dass die Betroffenen ein Jahr lang ihr gewünschtes Geschlecht leben, sowohl privat als auch beruflich. Das heißt, ohne Hormone und ohne gesellschaftliche Rechte. Sie befinden sich also rechtlich und körperlich noch im ursprünglichen Geschlecht. Damit ist dann auch verbunden, wie in Janas Fall, dass sie nicht die Damentoilette benutzen durfte, obwohl sie Damenkleidung trug. Auch im Schwimmbad sind Damenumkleiden und Duschen tabu. Da blieb nur die Herrenumkleide oder der Verzicht auf das Schwimmbad.

Mit Sicherheit war dieser Alltagstest-Stress auch ein Grund, warum Janas Neurodermitis von Tag zu Tag schlimmer wurde. Ich musste jeden Tag das Bett frisch geziehen, weil sie sich blutig gekratzt hatte, wo immer sie auch dran kam. Zu allem Überfluss setzte sich auf die offenen Wunden noch eine Infektion, so dass sie um einen Krankenhausaufenthalt nicht herum kam. Der Haken daran war, dass sie in ein Männerzimmer einquartiert werden sollte, womit sie absolut nicht einverstanden war. Nur mit Hilfe eines Deals konnten das Klinikpersonal und ich sie überzeugen zu bleiben. Ausgemacht wurde, dass sie, sobald ein Einzelzimmer frei würde, dort hinein verlegt würde und sie als Frau in den Klinikakten geführt würde. Etwas entspannter ging es bei einem weiteren Klinikaufenthalt, diesmal in Mainz, zu. Hier gab es sofort Einzelzimmer und die Akzeptanz, eine Frau zu sein.

Die grundsätzliche Situation änderte sich für Jana ins Positive, als dann nach der Bewilligung für die Hormontherapie tatsächlich auch mit der Behandlung angefangen wurde. Hier wird unterschieden zwischen dem sogenannten sanften Weg, wo der Betroffenen lediglich Östrogene erhält, aber keine Testosteronblocker und dem harten Weg, sprich Östrogene und Testosteronblocker. Jana wählte zunächst den sanften Weg, die Dosis der Östrogene war auch noch sehr gering und trotzdem tat es ihr unendlich gut. Sie beschrieb es mit den Worten „mein Kopf wird auf einmal so frei“. Und tatsächlich wirkte sie wie ausgewechselt. Anfangs hielt ich das alles für reine Einbildung und fragte mich, warum sie nicht schon längst ihre sanfte Natur gezeigt hatte. Doch wie sehr ich da fehl lag und welche Wirkung die Hormone tatsächlich auf Jana hatten, verstand ich erst bei der ersten Kontrolluntersuchung. Hier stellte die behandelnde Ärztin einen zu hohen Östrogengehalt fest und setzte die eh schon sehr geringe Dosis noch weiter herab. Die Folgen waren Jana sehr schnell anzumerken, sie wurde wieder launisch, fühlte sich unzufrieden, ja irgendwie unfertig. Die Wochen bis zum nächsten Termin zogen sich in die Länge. Auf mein Drängen kontaktierte Jane schließlich die Ärztin, denn wir konnten nicht ausschließen, dass hier eine Fehlmessung vorlag. Das Östrogen wird als Salbe auf die Arme aufgetragen und genau dort wurde ja auch die Blutentnahme gemacht. Der vorgezogene Kontrolltermin bewies dann auch, dass ihre Hormonwerte absolut in den Keller gefallen waren. Die Dosis wurde angepasst und Besserung ließ nicht lange auf sich warten.

To be continued …

 

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (13)

Nachdem die großen emotionalen Hürden der Familien-Outings geschafft waren und auch Matthias Brüder es verhältnismäßig gut aufnahmen, dass sie jetzt wohl eine Schwester hatten, plätscherte die Zeit ein bisschen dahin. Nach wie vor ging Matthias zur Therapie, musste aber noch auf den Beginn der Hormonbehandlung warten. Natürlich gab es immer wieder Momente, wo Matthias sagte, es gehe gar nicht weiter und ich äußerte, ich wolle einfach nicht mehr. Doch es gelang uns, uns immer gegenseitig aus den jeweiligen Tiefs zu ziehen. Einen unschönen Rückschlag gab es, als Matthias einmal vom Frisör kam und in den eh noch relativ kurzen Haaren am Hinterkopf eine große Lücke prangte, weil sich der Frisör verschnitten hatte. Wütend stapfte er ins Badezimmer, griff nach dem Rasierer und schnitt sich alle Haare zurück auf raspelkurze 3 Millimeter. Ich stand völlig entsetzt im Badezimmer, in Tränen aufgelöst, denn ich wusste ja, was nun wieder auf mich zukommen würde …

Des Weiteren nutzten wir die Wartezeit und nahmen den alljährlichen Osterurlaub in Matthias Heimatort tief im Osten der Republik zum Anlass, dort von den anstehenden Veränderungen bei uns zu erzählen. Obwohl wir in dem Dorf keine Unbekannten waren, schließlich besuchten wir Matthias Eltern regelmäßig an Weihnachten, Ostern und im Sommer, hatten weder er noch ich dort wirkliche Freunde. Natürlich besuchten wir Bekannte regelmäßig, trotzdem war und blieb ich die „Wessi-Frau“, mit all den negativen Begleiterscheinungen. Dennoch machten wir uns die Mühe und zogen sozusagen von Haustür zur Haustür, um Gerede vorzubeugen und die Nachbarn direkt zu informieren. In der unmittelbaren Nachbarschaft gab es vornehmlich Menschen der älteren Generation. Wir waren überrascht, wie positiv gerade sie die Neuigkeit aufnahmen. Sie fanden es toll, wie entspannt wir darüber redeten. Doch der Schein trog. Heute spricht keiner mehr mit uns. Im Höchstfall bekommen wir auf unseren Gruß eine Antwort, oder einen dahin gelallten Satz, wenn wir sie an Silvester betrunken auf der Straße sehen. Lediglich zwei von Matthias ehemaligen Klassenkameradinnen standen noch hinter uns. Eine, die immer schon etwas exotisch war, sah die Neuigkeit eher als Bestätigung dessen an, was sie wohl schon immer geahnte. Sie lud uns zu einer kleinen Party ein. Da sie nicht dauerhaft in dem kleinen Ort lebte, konnte sie nicht wissen, dass ihre offene Art nicht Jeder sein Eigen nannte. So wurde dieser Abend kein Vergnügen für uns. Wir kamen uns vor wie ein Ausstellungsstück. Im Grunde genommen wollten alle nur ihre Neugierde befriedigen, um dann davon überzeugt zu sein, dass Matthias unmögliche noch alle Tassen im Schrank haben könne. Es fielen sogar Bemerkungen wie „Früher hätte man solchen Leuten die Scheibe eingeschlagen!“. Es machte einfach keinen Spaß, sich mit diesem verlogenen, sturen und verstocktem Volk länger als nötig abzugeben.

In meinem Freundeskreis lief es dagegen wesentlich entspannter. Es gab überhaupt keine prinzipielle Ablehnung. Der Kontakt zu ihnen ist zwar auch nicht so intensiv, denn uns trennen einige hundert Kilometer, trotzdem wollte ich sie nicht im Dunkeln lassen, um sie vielleicht beim nächsten Besuch vor vollendete Tatsachen stellen zu müssen.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal etwas zurückblicken. Natürlich hatte sich Matthias im Hinblick auf die ersehnte Geschlechtsangleichung und auch, weil es davor im sogenannten Alltagstest gefordert ist, auf die Suche nach einem möglichen, weiblichen Vornamen gemacht. Zwar sprach ich ja in den vergangenen Episoden immer schon von Jana, doch der Weg dahin war weit. Matthias recherchierte im Internet und besprach jeden seiner ausgesuchten Namen mit mir. Ich war überrascht, welche er sich aussuchte. Wenn ich ihn mir so ansah und versuchte, den Namen mit seinem Erscheinungsbild zu assoziieren, kamen sie mir oft so Püppchen-haft vor. Doch letztendlich fand er ja dann einen. Es dauerte aber bis zu diesem Zeitpunkt, ehe ich es schaffte, ihn so anzureden und auch das Geschlechtspronomen entsprechend anzupassen. Trotzdem gelang es mir nicht immer. Wenn Matthias gut drauf war, machte es ihm nichts aus, ging es ihm allerdings schlechter, forderte er es vehement ein. Doch ich gewöhnte mich daran und sprach schließlich auch in seiner Abwesenheit von Jana und „sie“. Er weigerte sich schon eine ganze Weile, Herrenkleidung zu tragen. Seine Kleidung kam inzwischen ausschließlich aus der Damenabteilung, sie war nicht unbedingt auffällig, sondern dezent damenhaft und nicht sofort als solche zu erkennen und damit alltagstauglich und nicht überzeichnet.

Auch wenn es für mich nach außen hin zur Selbstverständlichkeit wurde, Jana und „sie“ zu sagen, blieb es innerlich noch immer ein Kampf. Gedanken wie „Was verliere ich da alles“ spukten ständig in meinem Kopf herum, mal mehr, mal weniger.

Wie gesagt, ich hatte mir die weibliche Anrede inzwischen angewöhnt, aber natürlich sagten die Kinder noch Papa zu Jana. Das wollte sie nun auch abstellen. Ich war entsetzt und strikt dagegen, dass sie den Kindern den Papa nehmen wollte. „Du darfst ihnen den Papa nicht nehmen, musst für sie Papa sein, egal in welchem Körper du steckst!“, versuchte ich zu argumentieren. Es kam zum Streit am Küchentisch, laut genug, so dass die Kinder es mitbekamen. Unsere kleinen Diplomaten retteten ihre Eltern aus der vertrackten Situation und beschlossen einfach, anstatt Papa von nun an Papalina zu sagen. So fanden sie einen Weg, sich selber daran zu gewöhnen. Inzwischen sagen sie längst Jana.

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (12)

Am Tag der Feier waren wir ganz schön aufgeregt. Matthias war nicht geschminkt, seine Haare ja auch noch ziemlich kurz und so waren wir ziemlich sicher, dass keiner, der nicht eingeweiht war, Verdacht schöpfen würde. Vielleicht mit Ausnahme einer Tante, die einmal bei Gerry Weber gearbeitet hat. Doch es blieb ruhig und meine Mutter entspannte sich zusehends. Sie bezeichnete Matthias Kleidung als fairen Kompromiss, alle waren zufrieden.

Anlässlich einer anderen Familienfeier, erst vor wenigen Wochen, als schon alle Verwandten informiert waren, kam justament diese Tante auf Matthias zu und lobte ihn – da schon Jana – wie gut er doch jetzt aussähe. Sie könne sich gar nicht mehr vorstellen, dass da mal ein Mann drin steckte. Bei dieser Gelegenheit erwähnte sie auch, dass sie tatsächlich an diesem 50. Geburtstag meiner Geschwister schon eingeweiht gewesen wäre. Meine Mutter hatte jemanden zum Reden gesucht und sich für sie entschieden. Eine gute Wahl!

Die nächste Herausforderung bestand nun, es genauso erfolgreich den Schwiegereltern zu verkaufen. Wir fuhren immer zwischen Weihnachten und Neujahr zu ihnen und ich bestand darauf, dass wir es ihnen im Vorfeld mitteilen sollten, oder zumindest vorwarnen. Ich bereitete also auch meine Schwiegermutter am Telefon darauf vor, dass ihr Sohn ihr bei unserem nächsten Besuch etwas mitteilen werde. Wie Mütter und Schwiegermütter nun mal sind, gab auch sie keine Ruhe und meinte, sie könne jetzt bis Weihnachten kein Auge zu tun, wenn wir ihr nicht endlich sagen würde, worum es ginge. Ich versuchte Matthias zu animieren, es seiner Mutter selbst mitzuteilen, doch er hatte Bedenken, es am Telefon zu tun und wirkte unsicher. Also blieb es doch wieder an mir hängen, trotz aller schlechten Erfahrungen mit dieser Art von Outing bei meiner Mutter. Als ich ihr reinen Wein eingeschenkt hatte, war erst mal Ruhe am anderen Ende der Leitung. Dann kam ein „Tja, dann isses so. Ich kann es ja eh nicht mehr ändern.“ Sie schien ihren Sohn in der Tat sehr gut zu kennen. Vielleicht fielen ihr da die kleinen Begebenheiten in seiner Kindheit ein. Zum Beispiel als sie in seinem Bett ihren Badeanzug fand, den sie dann kommentarlos verschwinden ließ. Auf jeden Fall schien sie nicht sonderlich beeindruckt, bestand aber darauf, es dem Vater erst zu sagen, wenn wir da wären. Zwischenzeitlich telefonierten wir noch recht oft. Sie fing an Fragen zu stellen und wir beantworteten sie gerne und ausführlich.

Als wir dann vor Ort waren, empfing uns dann die Schwiegermutter allerdings mit der Ankündigung, dem Vater doch erst mal nichts zu sagen. Sie war der festen Überzeugung, dass er damit nicht umgehen könne und es auch nicht akzeptieren würde. Da Matthias, ähnlich wie bei der Familienfeier meiner Geschwister, wieder ziemlich unisex gekleidet war, fiel dem Vater auch nichts weiter auf. Sein einziger Kommentar bezog sich auf die Frisur seines Sohnes. Das seien aber heftige Haare, meinte er. Dabei wäre es wohl in den Augen der Meisten lediglich eine etwas aus dem Ruder geratene Kurzhaarfrisur.

Matthias machte es sehr betroffen, dass seine Mutter der Meinung war, sein Vater solle nichts von seiner neuen Lebensweise erfahren. Dementsprechend angeschlagen war die Stimmung. Auf dem Weg nach Hause mussten wir fortwährend darüber nachdenken, wie es jetzt wohl weiter gehen würde.

Als wir das nächste Mal an Ostern zu ihnen fuhren, setzte Matthias sich durch und sagte seiner Mutter auf den Kopf zu, dass er es diesmal seinem Vater vermitteln würde. Ich konnte ihm anmerken, unter welchem Druck er deshalb stand und wie sehr er inzwischen unter der Heimlichtuerei litt. Als wir pünktlich zum Kaffee die Treppe runter kamen, empfing uns meine Schwiegermutter am Ende der Stufen. Mit den Worten „Ich habe es dem Vater schon gesagt!“ nahm sie Matthias die Möglichkeit, es ihm mit seinen Worten zu vermitteln. Das darauffolgende Gespräch gestaltete sich demzufolge entsprechend schwierig. Sein Vater schwieg sich komplett aus und stellte überhaupt keine Fragen. Man merkte ihm an, dass er die Neuigkeit erst mal verdauen musste. Es dauerte eine ganze Weile bis er auftaute. Inzwischen ist es tatsächlich so, dass der alte Herr damit recht gut umgeht, während seine Frau sich immer mehr zurückzieht und vor allem Matthias deutlich ihren Unmut spüren lässt. Auf jeden Fall war die komplette Familie endlich eingeweiht und uns beiden fiel ein ordentlicher Felsbrocken vom Herzen, dass wir diese Hürde erfolgreich genommen hatten.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (10)

Hier einmal ein kleines Erlebnis, dass uns in einer sehr schwierigen Phase sehr viel Mut und Durchhaltevermögen gegeben hat:

Matthias Outing als Jana zog immer größere Kreise. Und damit auch der Kontakt zu Paaren in ähnlicher Situation. So erzählte uns eine Nachbarin, dass sie mit einem Pärchen bekannt ist, bei dem der einstmals männliche Part den gleichen Weg wie Matthias ihn einschlagen wollte, gegangen ist. Mit dem Unterschied, dass sie die Geschlechtsangleichung bereits erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Vorher waren sie eine „normale“ Familie mit Kind, so wie wir und es funktionierte auch weiterhin, trotz gelegentlicher Probleme. Matthias und ich nahmen den Kontakt auf. Es war eben doch ein Unterschied, ob man Hilfe und Informationen nur aus Selbsthilfegruppen oder Foren erhielt, oder einmal die Möglichkeit hatte, live mit Betroffenen zu reden.

So führte auch ich mit der Transidenten ein sehr offenes Telefonat, in dem wir auch intime Themen nicht aussparten. Es beruhigte mich schon zu hören, dass man nach solchen Phasen, die wir in letzter Zeit durchgemacht hatten, damit rechnen konnte, dass es irgendwann wieder im Einklang miteinander weitergehen würde. Noch hilfreicher – gerade für mich – war aber dann das Gespräch mit der Partnerin. Ihre Worte „Ja, das geht. Man kann damit leben!“ haben mir viel Mut gegeben und sehr gut getan. Sie kannte die Momente noch zu gut, wenn die Betroffenen anfangen, sich zu finden und auszuprobieren, sich alles nur noch um ihre Transsexualität dreht. Es gab mir das Gefühl, ich stehe da nicht alleine mit, es ist tatsächlich normal.

Da wir uns so gut verstanden und das Pärchen auch einen Sohn hatte, vereinbarten wir ein Treffen in einem Café. Im Vorfeld impfte ich unsere Kinder, die Erwachsenen nicht mit zu vielen Fragen zu bedrängen, sondern sich eher an den Sohn zu halten. Seine Erfahrungen waren für die beiden bestimmt auch verständlicher. Matthias, die Jungs und ich waren zuerst am Treffpunkt und warteten gespannt auf die andere Familie. Als sich dann die Tür öffnete, wollten wir erst gar nicht glauben, dass DAS die erwarteten Personen waren. Dort kamen tatsächlich zwei völlig natürlich wirkende Frauen, im Schlepptau einen Jugendlichen. Ja, die eine war ja schon operiert, aber trotzdem, ich hätte auf Anhieb nicht sagen können, welche der Beiden mal als Mann auf die Welt gekommen ist. Nun, damit konnte ich auf jeden Fall später leben, denn dann würde es keine abschätzenden Blicke mehr geben. Matthias bekam an diesem Nachmittag die Gelegenheit, sehr viele Fragen zu stellen. Es ging um Ärzte, Therapien, Hormone und vieles mehr. Und auch ihm tat es gut zu sehen, wie sich alles entwickeln könnte.

Auf dem Nachhauseweg riss Gustav uns aus den Gedanken. Er sagte: „Mama, gut, dass du gesagt hast, wir sollen die Erwachsenen nicht löchern. Ich hätte bestimmt die Falsche angesprochen!“ Lachend musste ich ihm zustimmen, denn auch ich hatte ja Probleme, die Transidente von ihrer Partnerin zu unterscheiden. Sie sah einfach so perfekt aus.

Leider haben wir inzwischen den Kontakt zu diesem Paar verloren. Sie hätten sich mit Sicherheit auch gewundert, wie aus der damals noch sehr männlichen Teilzeit-Jana eine Ganztagsfrau wurde.

 

To be continued …