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DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (18)

Jana nahm nun schon eine Weile die Hormone. Man kann sich das in etwas so vorstellen, dass sie jetzt in eine Art Pubertät kam. Alles, was die Biofrau von klein auf mitmacht und lernt, musste Jana nun als Erwachsene erleben. Nach und nach legte sie das männliche Gehabe ab. Innerlich auf weiblich gestimmt, wurde sie ganz sanft und sehr emotional. Das hatte zur Folge, dass sie sehr nah am Wasser baute und die Tränen schon mal flossen, wenn es niedliche Tierfilme im Fernsehen gab. Auch ihre Haare hatten inzwischen eine akzeptable weibliche Länge angenommen. Gingen wir nun zum Beispiel shoppen, dann sah man den unvoreingenommenen Betrachtern an, dass gedanklich ihre Kugel in Richtung „da kommen zwei Frauen“ viel. Das machte es für uns natürlich entspannter.

Endlich war auch der Zeitpunkt gekommen, vor Gericht den Antrag auf Vornamen-und Personenstandsänderung zu stellen. Dazu musste sie zwei Gutachten einreichen. Es gab die Möglichkeit, dass sie entweder zwei Psychologen vorschlug, was inzwischen immer öfters vom Gericht anerkannt wurde, oder aber das Gericht bestimmte die Gutachter. Ihr erster Vorschlag wurde sofort anerkannt, den zweiten wollte das Gericht erst noch prüfen. Zum Glück kam aber auch dieser dann durch. Leider muss man diese Gutachten selbst zahlen, dafür kommt weder die Krankenkasse auf, noch greift hier der Hilfsfond von Amts wegen.

Den zweiten Psychologen fand Jana damals über eine Selbsthilfegruppe, er war ihr also fremd. Obwohl ich nicht wusste, ob ich mit hinein durfte, fuhr ich mit dorthin. Zu meiner Überraschung fand der Psychologe es toll, dass ich dabei war. Schließlich gehöre ich ja dazu, meinte er. Aus dem angesetzten 2-Stungen-Termin wurden dann ohne viel Mühe vier Stunden. Auch mir wurden Fragen gestellt, aber der sympathische Herr erzählte auch viel von sich, so dass die Zeit wie im Flug verging.

Zu Janas großer Erleichterung hat das Gericht beide Gutachten anerkannt und setzte den Termin für Ende Oktober fest. Was für sie ein wahrer Freudentag war, ließ mich mal wieder in ein Loch fallen. Ich war depressiv ohne Ende, denn mit diesem förmlichen Akt war Janas Entscheidung endgültig und nur schwer rückgängig zu machen. Und obwohl es nur um einen neuen Ausweis ging – ich sprach sie ja schon lange mit Jana an – traf es mich hart. Jana hingegen machte sich extra fein mit neuem Kleid und Schuhen. Nach dem Gerichtstermin kam sie freudestrahlend nach Hause, zog, wie bei uns üblich, die Schuhe vor der Tür aus und stürmte in die Wohnung, Lebensfreude pur. Und mir fiel nichts Besseres ein, als ihr an den Kopf zu werfen, wie gut es doch sei, dass sie die Schuhe jetzt ausgezogen hätte, das alles sei mir jetzt doch irgendwie zu weiblich! Kaum waren die Worte aus meinem Mund gepoltert, tat es mir unendlich leid, wusste ich doch genau, wie sehr ich Jana damit verletzte.

Das Urteil wurde Jana mit der Post zugestellt. Normalerweise hätte sie 14 Tage warten müssen, bis es rechtskräftig ist, da so lange die Einspruchsfrist währt. Aber sie war so ungeduldig, dass sie gleich losstürmte und sämtliche Behördengänge anging. Es musste ja nun alles geändert werden, vom Personalausweis angefangen, über sämtliche Karten, Versicherungen usw. Der Mann „Matthias“ hörte praktisch auf zu existieren und den gab es jetzt auch nicht mehr. Selbst die Geburtsurkunde wurde entsprechend geändert und im Geburtsregister gab es einen Vermerkt, der aber unter Verschluss steht. Lediglich in den Geburtsurkunden der Kinder blieb der Name Matthias stehen. Das Anrecht der Kinder steht über dem Recht der Person.

Man stelle sich vor, bis 2011 mussten Ehen, in denen ein Partner eine Geschlechtsangleichung vornahm, geschieden werden. Aber ein Präzedenzfall, der bis zum Bundesgerichtshof ging, brachte auch dort Klärung. Die Gesetzgebung wurde geändert. Heute leben wir als gleichgeschlechtliches Ehepaar, mit allen Rechten und Vergünstigungen, die wir auch vorher hatten. Im Gegensatz zu den anderen homosexuellen, eingetragenen Lebenspartnerschaften, die ja in vielerlei Hinsicht noch jede Menge Hürden zu überwinden haben.

Zum Schluss dieses Teils möchte ich noch einmal kurz auf die Katholische Kirche eingehen. Ich hatte ja schon erzählt, dass uns unser Gemeindepfarrer herzlich behandelt hatte und mit Janas Entscheidung keinerlei Probleme hatte. Im Allgemeinen steht die Katholische Kirche ja oft in der Kritik bezüglich ihres Umgangs mit Lebensgemeinschaften jenseits der „normalen“ Ehe, dem Umgang mit Verhütung und ähnlichen Dingen. Doch in einem Fall wie dem unseren sagt das Bischöfliche Amt, dass eine Person nach einer Geschlechtsangleichung tatsächlich noch fast alle Sakramente empfangen darf. Ausgeschlossen sind lediglich die Priesterweihe und das Sakrament der Ehe. Denn in der Ehe sieht die Katholische Kirche tatsächlich die Institution, die dazu da ist, gemeinsam Kinder zu zeugen und im Katholischen Glauben zu erziehen.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (5)

Mein Mann und ich hatten es aus unterschiedlichen Gründen vorgezogen, unseren gemeinsamen Therapeuten zu verlassen. Ich wendete mich diesmal an eine Dame. In der ersten Stunde ging sie gleich aufs Ganze und fragte mich, warum ich Angst vor einer Trennung hätte, ob es finanzielle Sorgen wären. Ich bekam eine Hausaufgabe auf. Sie bestand darin, mich schlau zu machen, wo ich gegebenenfalls finanzielle Unterstützung bei einer Trennung erhalten könnte und für mich abzuklären, ob ich mit all dem, was dann unter dem Strich zur Verfügung stehen würde, meine beiden Kinder und mich über die Runden bringen könnte. Also recherchierte ich, frage nach, machte mich schlau. Das Ergebnis lautet: Ja, wir würden es schaffen, es würde eng, aber ja, es ginge. Im Verlauf dieser Hausaufgabe wurde mir aber noch etwas klar: egal ob ich mit den Kindern gehen konnte oder nicht, ich WOLLTE nicht! Was ich brauchte, war Hilfestellung dabei, aus der momentanen Situation eine für mich Lebbare zu machen. Eine die mich nicht kaputt machte. Das war wohl der Moment, in dem ich mich zum ersten Mal, seit Beginn dieses – sagen wir mal – Dilemmas, voll auf mich konzentrierte. Ein komplett neues Gefühl, aber nicht schlecht, fand ich jedenfalls.

Auch Matthias wandte sich an einen anderen Therapeuten, den er in einem der von ihm genutzten Foren fand und bei dem er wieder erstaunlich schnell einen Termin bekam. Er ging davon aus, dass der Neue da weitermachte, wo der Alte aufgehört hatte, doch da lag er falsch. Das ging ihm natürlich nicht schnell genug, wollte er doch endlich mit der ersehnten Hormonbehandlung anfangen. Entsprechend Druck baute er auf, nicht nur bei der Therapie sondern auch bei mir. Während ich in meinen Foren noch mit anderen Betroffenen darüber diskutierte, ob es nicht doch eine Kompromisslösung geben könnte, war er schon meilenweit entfernt von allem Anderen als der „Komplettlösung“. Er rannte mir einfach davon, dachte ich immer öfter, und ich kam nicht hinterher, mir ging die Puste aus. Irgendwann bekam er das dann auch mal zu hören. Allerdings nicht von mir, sondern in einer Diskussionsrunde in einem von uns beiden genutzten Forum. Da hieß es klipp und klar, er solle das Tempo rausnehmen, weil er so seine Frau nicht mitnehmen würde. Große Hoffnung, dass es Wirkung zeigen würde, machte ich mir nicht.

Neben all den emotionalen und geistigen Problemen, die wir in dieser Zeit so wälzten, gab es aber auch noch ganz bodenständige. Zum Beispiel das der passenden, alltagstauglichen Damenbekleidung für Matthias. Wir nahmen uns vor, zum wiederholten Male seinen innigen Wunsch nach einer Damenjeans anzugehen. Im örtlichen Einkaufszentrum gab es einen kleinen, nicht gerade preiswerten, dafür aber gut sortierten Jeansladen. Den beglückten wir. Da standen wir also in dem engen Shop und als eine junge Verkäuferin, so Anfang 20, auf uns zukam, sagte ich mein Sprüchlein auf: „Wir hätten gerne eine Damenjeans für meinen Mann.“ Sollte die junge Dame irritiert gewesen sein, so überspielte sie es gut. Souverän fragte sie nach seiner Konfektionsgröße. Die Herrengröße konnte ich ihr natürlich nennen, aber was das für eine Damengröße sein könnte, wusste ich nicht. Die Angestellte schien ihr Handwerk zu verstehen. Denn bereits kurz nachdem ich Matthias in der Umkleide geparkt hatte, schleppte sie Hose um Hose herbei. Nach ca. einem halben Dutzend vergeblicher Versuche kam mein Mann schließlich Freude strahlend hinter dem Vorhang hervor und verkündete, diese passe wie angegossen. Ein Blick auf das Preisschild ließ mir kurzfristig das Blut in den Adern gefrieren, doch was soll´s dachte ich. Endlich Erfolg gehabt! Ich hatte schon das Portemonnaie in der Hand, als mein Blick auf einen Angebotstisch mit wesentlich preiswerteren Hosen in der Nähe der Kasse fiel. Ich frage die Verkäuferin, was es denn mit diesen auf sich hätte. Sie schaute mich entgeistert an und meinte, dass seien doch DAMENJEANS! „Ja gute Frau“, hob ich an, „genau das wollten wir doch. Was hat er denn jetzt für eine?“  „Eine HERRENJEANS natürlich!“, kam es pikiert zurück. Während wohl alle Beteiligten noch mit den Augen rollten, trollte sich Matthias wieder in sein kleines Verlies und harrte der Hosen, die da kommen sollten. Wie durch ein Wunder war mein Mann auch hier erfolgreich. Und zum großen Verdruss der Verkaufskraft passte ihm sogar in eine Kleidergröße kleiner als ihr selbst. Derweil sie wohl noch mit ihrem Schicksal haderte, zogen wir beide Freude strahlend davon. War schon ein skurriles Gefühl, öffentlich in einem Geschäft eine FRAUENjeans für meinen MANN gekauft zu haben. Unsere Freude über diesen Erfolg währte aber nur kurze Zeit. Etwa eine Woche später rief mich eine von meinen eingeweihten Freundinnen an und erzählte, wir stünden in der Zeitung. Ich verstand nicht genau, was sie meinte. Dann schickte sie mir den Link zu dem entsprechenden Artikel. Es ging ganz allgemein um Einzelhandel. Angestellte wurden mit ihren unglaublichsten Erlebnissen zitiert. Und wie der Teufel es so wollte, war unsere Jeansverkäuferin auch unter den Genannten. Allerdings hatte sie die Tatsachen so verdreht, dass sie schließlich als Heldin da stand und wir die dummen Kunden waren. Noch dazu war es offensichtlich, dass es dabei nur um uns gehen konnte, denn in unserer kleinen Stadt gibt es nicht so viele Männer mit einer öffentlichen Vorliebe für Damenbekleidung. Es  hat nicht viel gefehlt und ich wäre wie eine Löwin brüllend in diesen Laden gestürmt, um der Lady was von Diskretion und Ähnlichem zu erzählen. Wir beteten inbrünstig, dass niemand auf die Idee kam, zum Beispiel unsere Kinder darauf anzusprechen.

To be continued …

TRANSGENDER … MODEERSCHEINUNG ODER ERSEHNTE BEFREIUNG

Seit einigen Jahren nehmen die Pressemeldungen zu diesem Thema rapide zu. Es erweckt den unangebrachten Eindruck, dass es sich hierbei lediglich um eine Modewelle handelt, IN sein um jeden Preis. Typisch für unsere Gesellschaft. Die wahre Dramatik dahinter sieht kaum jemand. Doch für das dezente Aufweichen dieses Tabus ist die Zeit längst überfällig. Nur schleppend geht das Einfügen der Betroffenen in unseren Kulturkreis voran. So trat das deutsche Transsexuellengesetz erst 1980 in Kraft, dabei definierte der Sexualforscher Magnus Hirschfeld vom Berliner Institut für Sexualforschung den Begriff Transsexualität bereits 1923. Er führte in seinem Institut auch die ersten Geschlechtsumwandlungs- bzw. – anpassungsoperationen durch. Wer sich für eine bewegende Geschichte aus dieser Zeit interessiert, sollte „The Danish Girl“ von David Ebershoff lesen. Das Buch basiert auf dem Lebensbericht der dänischen Malerin Lili Elbe, der 1931 zuerst in Dänisch erschienen ist.

Über die Ursachen von Transgender/Transsexualität gibt es keine klare Erkenntnis, allenfalls Spekulationen. Denn Theorien, die z.B. belegen sollen, dass es eine körperliche Ursache hat, werden von anderen Theorien genauso glaubhaft widerlegt. Zwar gibt es für den medizinischen Bereich eine ICD-10 Codierung, doch das heißt nicht, dass es eine Krankheit ist. Sie dient vor allem als statistisches Merkmal zur Einleitung notwendiger Behandlung begleitender Erkrankungen wie etwa psychischer Probleme, Suchterkrankungen oder auch psychosomatischer Beschwerden. Leider verbirgt sich hinter der deutschen Verwaltungsgründlichkeit mal wieder ein großer Stolperstein. Denn nur wer sich zu Transsexualität bekennt, also der festen Überzeugung ist, nicht mit dem richtigen Geschlecht zu leben, kann von der Krankenkasse Leistungen erwarten. Transgender allerdings, die genau genommen mit der ihrem Geschlecht zugeteilten Rolle in der Gesellschaft nicht einverstanden sind, kommen nicht in den Genuss dieser Leistungen. Dabei ist es für die Betroffenen immer eine unglaublich starke innere Notwendigkeit, sich nach ihren Gefühlen zu richten. Nur so können sie ihre geistige und seelische Gesundheit, die meistens schon in jahrelangen Eigenzweifeln bis zum Coming Out gelitten hat, neu erlangen.

Auch wenn im deutschen  Sprachgebrauch Transgender die meist genutzte Bezeichnung in diesem Themenfeld ist, kann sie im Höchstfall als Oberbegriff dienen. Theoretisch fallen darunter nämlich nur Diejenigen, die mit der ihnen zugeordneten gesellschaftlichen Rolle nicht konform gehen. Jene, die den Ursprung ihrer Probleme im aktuellen Geschlecht sehen, werden unter dem Begriff transsexuell zusammengefasst, natürlich mit vielen Abstufungen. Doch wie so typisch für unsere Gesellschaft, impliziert in der deutschen Sprache der Wortbestandteil „sex“ oftmals etwas ganz anderes. Transsexualität hat allerdings überhaupt nichts mit der sexuellen Orientierung, sexuellen Vorlieben oder gar sexueller Stimulation oder Fetisch zu tun. Sehr schön nachzulesen sind die Begriffsdefinitionen hier: Begrifflichkeiten . Transidentität ist eine alternative Begriffswahl, die vor allem bei unseren Nachbarn in Österreich genutzt wird.

Nach so vielen trockenen Informationen möchte ich nicht versäumen, ein paar alltags taugliche nachzuliefern. In welchem Alter erste Anzeichen für eine der vielen Formen des Transgender-Daseins auftreten, ist absolut unterschiedlich. Doch nur weil ein Kindergartenjunge sich eine Puppe zu Weihnachten wünscht oder ein Schulmädchen gerne an Autos rumschraubt, heißt das noch lange nicht, dass sie homosexuell, transsexuell oder transgender sind. Denn kindliche Neugierde gibt es auch noch! In der Pubertät kann es eine vorübergehende, Hormon bedingte Identitätskrise sein. Dem haltlosen Teenager offen und vor allem verständnisvoll entgegen zu kommen, hilft ihm, seinen richtigen Weg zu finden. Es gibt viele Anlaufstellen, bei denen Jugendliche sich auch alleine Informationen oder sogar Hilfe holen kann. Etwa in Frankfurt im  KUSS 41 . Auch in Darmstadt erweitert der Verein Vielbunt  nach dem Einzug in die  Oetinger Villa  sein Angebot. Erkennt man erst im Erwachsenenalter, dass Körper und Geist nicht zusammenpassen, hat man oft schone eine lange Leidenszeit hinter sich. Unstimmigkeiten im Alltag, Schwierigkeiten im Beruf, vielleicht Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen … nicht sofort wird klar, was die Ursache ist und dann braucht man auch den Mut, sich zu offenbaren, es zuzulassen. Eventuell eingebunden in eine Familie trifft die Entscheidung ja auch eigentlich unbeteiligte Menschen. Immer wieder wird über den Werdegang so Betroffener berichtet, den Hindernissen und Steinen im Alltag, hat er/sie eine Entscheidung getroffen, dem Unverständnis wenn man sich outet, die Blicke, wenn man vorsichtig beginnt, Kleidung und Körper anzupassen. Nicht leicht, bestimmt nicht. Doch kaum ein Außenstehender weiß, wie es bei den unfreiwillig Mitgehangen-Mitgefangenen aussieht, den Ehemännern – und –frauen, den Kindern, Lebensgefährten ….

Deshalb möchte ich einmal genau diese Seite aufzeichnen. Dazu darf ich die Geschichte einer zweifachen Mutter erzählen, deren Mann nun Frau ist. Ich danke ihr und der ganzen Familie jetzt schon einmal für das Vertrauen, dass mir entgegengebracht wurde und für die Erlaubnis, die andere – IHRE –  Seite authentisch beleuchten zu dürfen.

In diesem Sinne … schaut ab und zu rein und seht nach, ob es was Neues gibt!