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DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (2)

Die etwa zehn jährige Ruhephase nahm ein jähes Ende, als Matthias mir eines Tages eröffnete, dass er gerne eine Damenjeans haben möchte. Wie immer versuchte ich es erst mit plausiblen Gegenargumenten: Der Schnitt ist ganz anders, da passt du nicht rein. Doch ich stieß auf taube Ohren und auch auf meine Frage, was er denn damit wolle, erhielt ich keine zufriedenstellende Antwort. Notgedrungen sah ich mich gezwungen, ihn anders zu überzeugen und so nahm ich die Peinlichkeit auf mich und fuhr mit ihm shoppen. Natürlich passte keine der Hosen, die ich ihm mit hochrotem Kopf in die Kabine brachte. So traten wir die Heimfahrt ohne Hose an und ich dankte Gott, dass dieser Kelch an mir vorbei gegangen war, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Doch der scheinbare Sieg ließ mich nur ein paar Monate triumphieren, was er dann in die Schlacht warf, riss mir die Füße weg: Er wollte ein Polokleid und Sandalen! Die Diskussionen eskalierten. „Du hast sie doch nicht mehr alle, DAS kannst du draußen NIE anziehen!“ schrie ich ihn an, während mir zeitgleich bewusst wurde, dass meine Ausredenschubladen definitiv nicht die benötigte Auswahl parat hielten und ich endlich meine Augen Millimeter für Millimeter öffnen musste. In meiner Verzweiflung habe ich schon selbst angefangen, den gewünschten Dress zu suchen, nur um das Deckmäntelchen der Tarnung so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Bis mir in einer erneuten Debatte endgültig der Kragen platzte und ich ihn anfuhr: „Denk doch bitte mal darüber nach, WARUM  du das machst!?“ Dieser Satz brachte den Stein ins Rollen. Es kehrte kurzzeitig gespenstige Ruhe im Haus ein, während dessen Matthias sich überlegte, was er wirklich wollte, brauchte und wie er es in seinen Alltag integrieren konnte. Mein Abwehrpanzer bekam auch leichte Risse, ich war überzeugt, dass ich sein Anderssein im stillen Kämmerlein akzeptieren konnte. Redete mir ein, dass die Kinder ja nichts mitbekommen mussten, ich war ja schon versiert im Schönreden. Während einer erneut aufgeflammten Kleiderdiskussion platzte es dann endlich aus Matthias heraus: „Vielleicht will ich lieber eine Frau sein!“. Ich wollte alles hören, nur nicht die Wahrheit. Vor mir tat sich ein Loch auf, denn schlagartig wurde mir klar, was das bedeuten konnte. Egal wie es ausgehen würde, es war absolut lebensverändert. Für ihn, für mich, für die Kinder. Ich verfiel in eine Art Schockzustand, stand morgens auf,  ging zur Arbeit, erledigte diese mechanisch, immer begleitet von der Panik, dass man mir die neue Erkenntnis auf der Stirn ablesen könne. Ich dachte über die vergangenen gemeinsamen Jahre nach und erinnerte mich an eine Bemerkung einer Freundin, die Matthias Stimmungsschwankungen einmal als manisch depressiv bezeichnete. Jetzt kam es mir allerdings so vor, als hätte der MANN einmal im Monat schlichterdings seine Tage. Alle vier Wochen war er ein paar Tage lang unerträglich, dann wurde er wieder zum allerliebsten Kerl. Typisch Frau! Bedingt durch meinen Halbtagsjob hatte ich ein bisschen Freizeit. Die nutzte ich intensiv, um mich im Internet schlau zu machen. Ich recherchierte über Transvestiten, Cross-Dresser, Transsexuelle und alles, was damit zusammenhing. Die ersten beiden Varianten gefielen mir sehr gut, passten in mein Verdrängungsdenken. Verwandelten sich da doch die Protagonisten nur zeitweise, blieben den Rest der Zeit MÄNNER. Ich begann mir wieder einzureden, dass alles halb so schlimm sei, mein Mann nur einen Fetisch für Frauenkleider hätte. In den langen Gesprächen, die auf das nachdenkliche Schweigen folgte, bestätigte mich Matthias auch in diesen Gedanken. Auch er hatte sich schlau gemacht und wies eine Hormonbehandlung vehement von sich: „Ich tue doch meinem Körper nichts an!“. Beruhigt konnte ich ihm da ja versichern, dass es nicht transsexuell sei, sondern lediglich den intensiven Wunsch hege, seine innere Weiblichkeit auszuleben. Wir konnten uns allerdings noch nicht überwinden, die Kinder einzuweihen. Zwar hatten sie in den letzten Monaten sehr viel mitgemacht hatten. All die Streitereien, deren Ursache ihnen ja nicht bekannt war, all die emotionalen Hochs und Tiefs von Mama und Papa. Doch wir waren uns sicher, dass Matthias seine weiblichen Züge nur in ihrer Abwesenheit ausleben würde. Wie sehr wir uns darin täuschten, sollte uns ein paar Monate später mit großem Schreck in die Glieder fahren. Auch andere ließen wir erst einmal nicht hinter unsere zugezogenen Vorhänge schauen. Matthias war fürs Erste zufrieden und ich hatte meine Harmonie, meinen Frieden wieder. Auch wenn ich mich immer wieder fragen musste, ob ich es nicht schon vorher bemerkt hatte. Doch getreu dem Motto „Lass mich in Ruhe und mach“ hatte ich immer wieder ja zu den kleinen oder großen Veränderungen gesagt, mich der Schubladenausreden bedient und irgendwie meinen Frieden erhalten. Das ständige Streiten und Diskutieren war so anstrengend und ich betete inbrünstig, dass es jetzt ein Ende hätte. Doch nicht jedes Gebet wird erhört, dass lernte ich kurz danach

To be continued soon …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (1)

Vor ein paar Wochen trat eine Freundin an mich heran und bat mich, ihre Geschichte aufzuschreiben. Die Geschichte von Rita, die einst Matthias lieben lernte, zwei Söhne mit ihm bekam und nun mit Jana, ehemals Matthias, verheiratet ist. Hier also die Gedanken und Gefühle von Rita, ihre verzweifeltes Schönreden den langsamen Veränderungen gegenüber, ihre innere Zerrissenheit, bis hin zur bedingungslosen Akzeptanz der Wahrheit. Um die Persönlichkeitsrechte, vor allem der Kinder, zu schützen, habe ich mit Absprache der Familie die Namen aller Beteiligten geändert.

Lest nun, was Rita zu erzählen hat:

Das Jahr 2000 symbolisierte für viele Menschen eine Art Neubeginn, so auch für mich. Dass es allerdings ein so gewaltiger Umbruch werden sollte, wurde mir erst Jahre später bewusst. Ich war eine ganz normale Frau um die 30, die in diesem Jahr ihre große Liebe kennenlernen durfte: Matthias. Wir waren uns schnell einig, dass wir zusammen gehören und so war die Geburt unseres ersten Sohnes Fred nur gut zehn Monate nach unserem Kennenlernen ein kalkuliertes Risiko und schließlich Anlass großer Freude. Denn wir waren ein ganz normales Mann-Frau-Paar, eine kleine Familie, wenn auch noch ohne Trauschein. Wir waren jung und experimentierfreudig, unser Sexleben war nie langweilig. Die ersten feinen Kratzer in dieser Normalität traten etwa ein halbes Jahr nach Freds Geburt auf. Heute denke ich, dass mir zu dieser Zeit langsam aber sicher die weibliche Seite an Matthias zunehmend auffiel, ich konnte es aber damals noch nicht so beschreiben. Anlass dafür war sein Wunsch, sich einen Damenbody zu kaufen. Wahrscheinlich habe ich sehr irritiert aus der Wäsche geschaut, war das doch etwas, das ich mir an seinem sportlichen Körper so überhaupt nicht vorstellen wollte. Doch seine Argumente überzeugten mich nach kurzer Diskussion. Er läge so angenehm eng am Körper an und kein Unterhemd könne aus der Unterhose rutschen, wenn er sich bei seiner Arbeit draußen viel bewegen müsse. Der Rücken bliebe gut geschützt. Nun, wie konnte ich mich diesem logischen Argument verschließen? Augen zu und durch, sagte ich mir. Man sieht es nicht, redete ich mir ein. Er trägt es nur auf der Arbeit, beruhigte ich mich selbst. Und ich sollte in den nächsten Jahren verdammt gut werden im Selbstberuhigen, meine Bedenken verschwanden Stück für Stück in Schubladen. Genauso wie die Nylonstrumpfhosen, die Matthias kurze Zeit später in sein Kleiderrepertoire aufnahm. Seine Begründung, er würde mit den Baumwollsocken in den Gummistiefeln draußen bei der Arbeit so schwitzen, war für mich absolut unlogisch. Kannte ich es doch eher anderes rum. Aber welche Frau versteht schon männliche Logik? Soll er doch bei der Arbeit tragen, was er will, sieht ja keiner. Also bekannte Schublade auf, Nylons und Bedenken rein, schnell zu damit! Doch es sollte nicht lange dauern, bis ein weiteres Kleidungsstück Einzug in diese Schublade hielt. Allerdings schien es sich zumindest gedanklich ziemlich sperrig anzufühlen. Diskussionen und Gebettel ebneten aber schließlich auch den Weg für den Badeanzug. Ja richtig, Matthias, ein begeisterter Schwimmer, bestand darauf, es fortan in einem Badeanzug zu tun! Ich versuchte ihn zu schocken, indem ich spielerisch seinem Wunsch entsprechen wollte, wenn er im Gegenzug dazu bereit war, den Einteiler erstmals im Schwimmbad seines kleinen Heimatortes einzuführen. Da wo ihn jeder kannte. Seine sofortige Zustimmung prallte als selbstgebastelter Schock ungeschützt auf mich zurück. Und nun? Ok, nach endlosen Diskussionen gab ich um des lieben Friedens willen nach und füllte die Ausredenschublade mit einem illusorischen „Bestimmt nur einmal!“. Wir ließen eine maßangefertigte Schwimmbekleidung herstellen, mit Stehkragen und breiten Trägern, ähnlich denen, die MANN vor 100 Jahren trug. Der Besuch am heimatlichen Badesee verlief glimpflich und so ließ ich mich überreden, mit ihm ins örtliche Schwimmbad zu gehen. Ich hoffte so sehr, dass die Blicke, die Bemerkungen, ihn vielleicht von weiteren Eskapaden abbringen würden, doch es kam natürlich anders. Die Blicke waren da, das Getuschel auch. Schließlich nahm irgendjemand all seinen Mut zusammen und fragte, warum Matthias diesen Badeanzug trüge. Schützenhilfe kam von unerwarteter Seite. Eine Freundin hatte die absolut logische Erklärung zur Hand: Matthias sei doch übersät mit diesen unschönen Aknenarben, bestimmt sei ihm das unangenehm und so könne er sie gut abdecken. Juhu! Ausrede angenommen, eingepackt, Schublade auf, rein damit! So gestärkt, ließ der Wunsch nach einem Damensportbadeanzug natürlich nicht mehr lange auf sich warten. Die Streitigkeiten gingen wieder los. Wie kann man Aknenarben, geschweige denn einen ganzen Mann in einem Damenbadeanzug verstecken? Sein Gebettel: Nur einmal … und meine Argumentation: ich will das nicht in der Öffentlichkeit, die Kinder werden geärgert … prallten unreflektiert aufeinander. Doch wie so oft gab ich um der Harmonie wegen nach. Und wie so oft blieb es nicht bei dem einen Mal. Und je selbstverständlicher es wurde, je weniger die Blicke wurden, desto besser konnte ich es ertragen. Es gab mir Sicherheit und Entspannung, ich tat es als Tic ab, wollte nicht weiter darüber nachdenken. Ist ja alles ganz normal. Die Ausredenschubladen quollen inzwischen über. Ich wurde … betriebsblind. Die folgenden Jahre der getarnten Normalität gaben mir scheinbar recht.