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DIE ACHTERBAHNFAHRT MIT DER ANGST AUF DEM NEBENSITZ …

Der Moment, in dem klar war, dass das Kind in der Klinik bleiben würde, war für uns beide sehr emotional. Bei mir schwankte es zwischen „endlich wird ihr geholfen“ und „wie geht es jetzt nur weiter“. Die Therapeutin hatte sie gefragt, ob sie denn überhaupt damit einverstanden sei, hier zu bleiben. Ihre Antwort lautete ja. Doch als dann der Augenblick kam, in dem sie auf die Station sollte, weinte sie heftig. Angst, Verunsicherung … es schlug so vieles über ihr zusammen. Nach ein paar aufklärenden Gesprächen mit den Betreuern auf der Station gingen wir auf ihr Zimmer und dann musste ich gehen. Es war ein Dienstag, kein regulärer Besuchstag, doch man gestattet mir, abends wieder zu kommen, um ihr Kleidung und was man noch so brauchte, zu bringen. Das Handy wurde ihr abgenommen. Es gab ein Stationstelefon, das jeden Abend für zwei Stunden freigeschaltet wurde und auf dem alle Eltern ihre Kinder dann erreichen konnten. Die Osterferien hatten gerade begonnen. Die ersten Tage durfte ich sie nicht besuchen. An zwei der Osterfeiertage konnte ich sie zur Probe tagsüber nach Hause holen, ging es gut, stand zu einem späteren Zeitpunkt auch einem ganzen Wochenende zu Hause nichts im Weg. Es war nicht verwunderlich, dass sie sich die ersten Tag sehr verlassen und wie sie sagt „seltsam“ dort fühlte. Am dritten Tag nahm sich eine Mitpatienten ihrer an und machte sie mit der Station, den Gepflogenheiten dort und auch den anderen Jugendlichen bekannt. Sie fieberte den abendlichen Telefonaten entgegen, manchmal flossen dann auch Tränen. Während alle direkt nach den Ferien zurück in die Klinikschule gingen, musste sie noch auf der Station bleiben. Die Stunden, die sie dann alleine war, verbrachte sie lesend. In der zweiten Schulwoche ging es auch für sie los. Aufregung, Angst, Unsicherheit begleiteten sie auf dem Weg in die Schule, hatte sie doch monatelang schlechte Erfahrungen gesammelt. Die ersten Tage verbrachte sie abwartend, noch zurückhaltender als sonst, bis sie sicher war, dass es in dieser Schule ganz anders zuging. Der erste Schritt war getan. Nachmittags standen unterschiedliche Therapiestunden auf dem Plan. Von Einzelgesprächen über Gruppenstunden bis hin zu reiner Beschäftigungstherapie, alles, nur nicht alleine grübelnd auf dem Zimmer verbringen. Durch intensive Gespräche, die sich unter anderem um ihre Stärken und Schwächen, Ängste und Nöte drehten, wurde Stück für Stück ihr Selbstbewusstsein und ihr Selbstwertgefühl hervorgelockt. Kleine Aufgaben wie telefonisch Pizza bestellen, gemeinsames Kochen organisieren oder probeweise Bewerbungen schreiben gaben ihr zunehmend Sicherheit, vor allem im Umgang und der Kommunikation mit anderen (fremden) Menschen. Da es in der Schule so gut klappte und sie schnell den versäumten Stoff nachholte, Anerkennung für ihre Leistung erhielt, sank die Angst/Panik davor nach und nach.

Ihre zunehmende Sicherheit zeigte sich für mich auch. Konnte sie am Anfang ihres Klinikaufenthaltes freitags nicht schnell genug nach Hause kommen und sonntags nur mürrisch wieder hingebracht werden, so verzögerte sich bald die Abfahrt am Freitag immer weiter nach hinten, bis wir praktisch vor die Tür gekehrt wurden. Und am liebsten wäre sie am Sonntag schon wieder mittags dort gewesen. Das Telefonieren wurde zum Dauerlachen. Sie freute sich zwar, wenn ich anrief, alberte aber nebenbei mit ihren Freunden rum und hörte nur mit halbem Ohr zu.

Nach den ersten, erfolgreichen Schritten nahm sie mit ihren Therapeuten das nächste Ziel in Angriff. Denn neben der Schulangst quälte sie noch etwas: Sie war unglücklich mit und in ihrem Körper. Schwankend zwischen „ich will lieber ein Junge sein“ und „ich bin ein Mädchen“, unsicher zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlt, war halt manchmal einfach alles falsch. Aber wie sollte sie in diesem Chaos der (hormonellen) Gefühlswelt Sicherheit für sich finden? Mit den Therapeuten diskutierte sie die Möglichkeit einer Hormontherapie. Von ihren Mitpatienten bekam sie handfestere Tipps: einfach mal ein Herrenparfüm oder -Deo ausprobieren, anstatt Mädchenslips doch mal Boxershorts testen. An einem Wochenende gingen wir gemeinsam shoppen. Es tat ihr gut und brachte eine gewisse Ruhe in ihr Chaos. Bis heute hält sie daran fest, Männerkleidung und Düfte gehören nun zu ihrem Alltag. Auch wenn sie für ihre KPOP Jungs schwärmt, so fühlt sie sich doch eher zu Mädchen hingezogen. Die Tatsache, dass sie im Alltag aber besser mit Jungs zurecht kommt, macht das alles nicht gerade einfacher.

Nach vielen Wochen vollstationärem Aufenthalt stand irgendwann die Entscheidung an, dass sie nur noch teilstationär bleiben sollte. Das hieß, morgens hinfahren, die Schule besuchen, nachmittags Therapieangebote und abends nach Hause. Ein Taxi holte und brachte sie. Eines war für sie aber sicher: Auf die alte Schule wollte sie auf keinen Fall mehr. Da sich das Schuljahr langsam seinem Ende entgegenneigte, schlug man uns vor, dass sie an der Klinikschule ihren Hauptschulabschluss machen sollte. Leistungstechnisch war das kein Problem, aber die alte Schule legte uns Steine in den Weg, wo es nur ging. Ehemals auf dem Realschulzweig der Schule, könne sie keinen Hauptschulabschluss machen, hieß es von dort. Viele Telefonate mit dem Schulamt – der Schulamtsleiter und ich hatten sozusagen eine Standleitung – ermöglichten es dann doch. O-Ton Schulamtsleiter: Sind wir doch einfach froh, dass sie einen Abschluss machen kann, wer hätte damit gerechnet. Der kleine Dienstweg machte es möglich und so beendete meine Tochter ihre vorläufige Schullaufbahn mit einem grandiosen Hauptschulabschluss. Ein weiteres positives Ergebnis des Klinikaufenthaltes war es, dass sie sich im klaren darüber geworden war, was sie später einmal machen wollte. Automechatronikerin. Doch ein Hauptschulabschluss würde nicht ausreichen für eine Lehrstelle, dessen waren wir uns ziemlich sicher. Also bewarb sie sich an einer Berufsfachschule mit Metallverarbeitung als Schwerpunkt. Die Bewerbung zu schreiben war das eine, sie abzugeben das andere. Mit zitternden Knien betrat sie die Schule, die Bewerbungsfrist war längst abgelaufen, aber wir probierten unser Glück. Zu ihrem großen Entsetzen befand sich der für ihren Zweig zuständige Jahrgangsstufenleiter im Sekretariat der Schule und schleppte uns gleich zu einem Gespräch in sein Büro. Blass, zitternd, sprachlos saß sie da. Ich machte den Anfang, sie taute in dem Moment auf, wo sie hörte, dass sie wohl das einzige Mädchen in der Klasse sei. Die erste Hürde war also genommen, jetzt konnte sie etwas entspannter in den Urlaub fahren. Die Ferien verliefen gut, von Selbstverletzungen oder schlimmeren Gedanken keine Rede mehr. Sieht man mal von der Tatsache ab, dass sie auf Krücken aus dem Urlaub kam, weil sie sich die Kniescheibe luxiert hatte. Mit eben diesen Krücken bewaffnet musste sie dann auch ihren ersten Schultag antreten. Oh mein Gott, wir fühlten uns beide wie bei der Einschulung in die Grundschule, am liebsten wäre ich mitgegangen zum Händchen halten. Tapfer, wenn auch leichenblass sah ich sie im Gebäude verschwinden. Den ganzen Morgen ließ ich das Handy nicht aus dem Auge. Doch das war völlig unnötig. Besser konnte sie es nicht treffen. Überwältigt von so viel Freundlichkeit der anderen in der Klasse erzählte sie mir mittags ungläubig, dass die Jungs ihr die Tür aufgehalten hatten und ihr sogar den Rucksack tragen wollten. Ich saß da und hätte am liebsten vor Rührung geheult.

Es begannen viele Monate der Ruhe. Wie sich herausstellen sollte eine trügerische Ruhe, denn Angst, Unsicherheit und das schwarze böse Loch fanden ein unerwartetes Schlupfloch zurück in ihre kleine Welt.

 

SCHULSEKRETÄRIN … BERUFSBILD: PERLE!

Mein ganzer Respekt gilt jenen Damen – ich habe noch nie erlebt, dass ein Herr diese Herausforderung angenommen hat – die das Sekretariat einer Schule ihr Arbeitsreich nennen! Sekretärinnen im Allgemeinen sind ja schon kaum zu ersetzen, aber wer neben dem Kollegium im Erwachsenenalter auch noch mehrere Hundert Schulkinder zu betreuen hat … da kann nur Zauberei im Spiel sein und ist eigentlich mit Geld nicht zu bezahlen.

Ich muss jetzt einfach mal eine Lanze für diese Perlen des alltäglichen Wahnsinns brechen, denn wir Mütter wären ohne sie aufgeschmissen. Abgesehen von den notwendigen administrativen Tätigkeiten sind sie doch für unsere Kinder oftmals Mama, Oma, Krankenschwester, Kummerkasten, Streitschlichter, Telefonzentrale und mindestens noch Tröster in Personalunion. Und für uns Eltern manchmal der letzte rettende Anker vor dem Abrutschen in die totale Verzweiflung über die Schulamtsbürokratie, Beschwerdestelle für Ungerechtigkeiten aller Art, Ersthelfer und Seelsorger der lieben Kleinen oder lebendiger Terminplaner. Und dann schämen sie sich auch noch, wenn sie mal eine Tafel Schokolade bekommen!

Was würden all die vielen Grundschulkinder mit großen oder kleinen Wehwehchen nur machen, wenn da nicht der rettenden Engel im Sekretariat säße und zumindest das bunte Pflaster anreichen kann oder mal ein Coolpack auf eine Beule hält. Da mutiert die Dame hinter dem Schreibtisch schnell mal zu Kuscheltier, das alle Sorgen vergessen lässt und die Welt zum bunten Strahlen bringt. Die älteren Schüler können sich auf ihr Knowhow in Sachen stimmungs-und hormonbedingte Pubertätsstörungen verlassen. Genauso wie auf ihr Anti-Mobbingmanagement, die sichere Handyverwahrungsstelle und die Verwaltung der Verloren-Gesucht-Gefunden Abteilung. Wenn Vertrauenslehrer oder schulinteren Sozialarbeiter mal keine Termine frei haben, dann weiß auch das Multitalent aus dem Sekretariat einen passablen, oft besser umzusetzenden Rat.

Und wir Eltern, ja wir finden in ihnen unser ganz persönliches Wikipedia in allen schulischen Angelegenheiten. Vom Flyer für Hilfeangebote und Kontaktstellen bei Problemen, bis hin zum Telefonverzeichnes maßgeblicher Stellen in der übergeordneten Behörde. Geht nicht … gibt´s da so gut wie nie!

Und so ganz nebenbei müssen sie ja auch noch ihren eigentlichen Job als Verwaltungsangestellte erledigen, für ständig im Stress befindliche, nie zu erreichende Schulleiter im Zweifelsfall ein vergessenes Geschenk zum Hochzeitstag organisieren und eine Schar manchmal wenig diplomatisch veranlagter, überforderter und gehetzter Lehrer in den Griff bekommen!

Also, wie gesagt: Mein Kompliment an diese ALLROUNDER im Alltag und in Krisensituationen und ein großes DANKE, das von Herzen kommt.