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DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (17)

In diese Krankenhauszeit fiel auch das letzte der offiziellen Outings. Fred, der eine katholische Schule in der Nachbarschaft besuchte, hatte ja bis jetzt darum gebeten, in der Schule nichts von Janas Veränderungen zu erzählen. Jetzt wollte sich Gustav, unser Kleiner, auch an dieser Schule bewerben und so kamen wir nicht mehr darum herum, auch dort reinen Wein einzuschenken. Bis auf ein paar engere Freunde von Fred wusste noch niemand Bescheid. An einem Tag der offenen Tür suchten wir das Gespräch mit der Schulpsychologin. Wir baten sie darum, den Direktor darauf vorzubereiten, dass wir neben dem üblichen Bewerbungsgespräch noch ein weiteres Anliegen auf dem Herzen hätten. Als es dann zu diesem Gespräch mit dem Schulleiter kam, haben wir ihn vorsichtig davon in Kenntnis gesetzt, dass sich an unserer Familiensituation in absehbarer Zeit etwas sehr Gravierendes verändern würde. Wir schenkten ihm komplett reinen Wein ein und er zeigte sich sehr beeindruckt, wie offen wir mit diesem Thema umgingen. Und als wir andeuteten, dass wir das Outing in Freds Klasse gerne anlässlich eines Elternabends machen würden, war er begeistert. Er sagte von sich aus, dass er gerne die Lehrerschaft im Vorfeld darüber informieren würde. Ich war sehr überrascht, dass es gerade an einer katholischen Schule so komplikationslos vonstatten ging, war ich doch klare Ablehnung von Seiten des Rektors der Grundschule gewohnt. Als ich ihm davon erzählte, war er schier entsetzt.

Als der erwähnte Elternabend nahte, erfuhren wir, dass Fred auch noch eine neue Klassenlehrerin bekommen würde, ein ganz junge Frau. Sie rief uns im Vorfeld an und wir unterhielten uns sehr intensiv. Sie schlug vor, die Eltern zwar an diesem Abend über die Veränderungen zu informieren, sie aber gleichzeitig zu bitten, den Kindern noch nichts zu sagen. Das sollten wir als Paar vor der Klasse machen. Leider war Jana noch in der Hautklinik, als der Elternabend stattfand. Also musste ich da alleine durch und ich hatte ganz schön Muffensausen. Mein Anliegen wurde als letzter Tagesordnungspunkt behandelt. Es waren tatsächlich alle Kinder mit mindestens einem Elternteil vertreten. Also fing ich an zu erzählen. Bis zum Schluss herrschte Mucksmäuschenstille. Als ich fertig war, war ich schweißgebadet. Was dann kam, verschlug mir den Atem. Die Eltern standen auf und applaudierten mir! Nicht eine einzige negative Bemerkung kam auf, im Gegenteil, alle Eltern waren damit einverstanden, dass Jana und ich die Kinder in einer eigenen Unterrichtsstunde über alles informieren sollten.

Es wurde eine Extranachmittagsstunde angesetzt. Im Normalfall hieß das für die Schüler, dass sie irgendwas angestellt hatten und sich nun einen Rüffel abholen mussten. Entsprechend demotiviert kamen sie auch in den Klassenraum, sie wussten ja nicht worum es tatsächlich ging. Jana war zwischenzeitlich aus der Klinik entlassen worden und übernahm diesmal das Reden selbst. Etwas zögerlich am Anfang, doch dann immer freier, erzählte sie alles, von dem Wunsch, der Hormontherapie, der bevorstehenden Operation. Aber auch von den Ängsten, die Fred hatte, Angst vor Mobbing und Ausgrenzung. Dann durften die Kinder Fragen stellen. Jana sagte ihnen, sie sollten keine Scheu haben, sondern von der Seele weg fragen. Die erste Frage wurde erstaunlicher Weise mir gestellt. Ein Schüler fragte doch tatsächlich mich, wie es mir in dieser Situation denn so ginge. Das war ich von Erwachsenen gewohnt, nicht aber von Kinder bzw. Jugendlichen. Ich war ehrlich in meiner Antwort, sagte, dass das Alles für mich auch nicht einfach sei, dass ich mir mein Leben natürlich anders vorgestellt hatte, dass wir es aber gemeinsam versuchen wollten. Es gab auch Fragen zur Hormontherapie, wie sie wirkt und zur anstehenden Operation. Jana ließ keine unbeantwortet.

Im Anschluss an diese Stunde beruhigten alle Mitschüler Fred hinsichtlich seiner Ängste. Ihr Verhalten ihm gegenüber würde sich nicht verändern. Das kam von Herzen und ist auch bis heute so. Möge sich mancher Erwachsene davon eine Scheibe abschneiden.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (16)

Ich habe ja schon von Janas Neurodermitis und ihren Krankenhausaufenthalten erzählt. Trotz der jetzt laufenden Hormontherapie litt sie nach wie vor an solchen Attacken. An einem Wochenende stand sie dann mal wieder völlig verzweifelt vor mir, zeigte mir ihre blutigen Beine und da stand fest, wir kamen um einen Besuch in der Notaufnahme nicht mehr vorbei. Wer schon einmal in der Notaufnahme, bzw. beim notärztlichen Dienst am Klinikum war, der weiß, dass es dort selten genau den Facharzt gibt, den die jeweilige Erkrankung erfordern würde. Als dann der junge Mann in Jogginghose und ausgeleiertem Shirt vor uns stand, wäre nicht nur Jana am liebsten wieder rückwärts raus, sondern ich auch. Er warf einen Blick auf die zerschundenen Beine und meinte: „Das haben Sie aber auch nicht erst seit gestern.“ Da mussten wir ihm wohl Recht geben. Er wusste noch nichts von Janas Transsexualität, wir erzählten ihm lediglich von der jahrelangen Kortisonbehandlung und den Ausbrüchen der letzten Monate. Wider Erwarten schien er nicht ganz ahnungslos, jedenfalls war er sich sehr schnell sicher, dass es sich dabei nicht um eine reine Neurodermitis handele, sondern diese gepaart sei mit psychischen Problemen. Auch hier konnten wir ihm  nicht widersprechen. Er riet dringend zu einer erneuten Vorstellung in der Hautklinik mit begleitender psychologischer Behandlung. Also hieß es Montagmorgen auf in die Hautklinik, wohl wissend dass Jana dort bleiben musste, was aufgrund ihrer sehr schlechten Erfahrungen bezüglich der Unterbringung in einem Männerzimmer, obwohl ihr ein Einzelzimmer versprochen wurde, wohl kaum umsetzbar war.

Wir schlugen also in der Hautklinik auf, hatten eine sehr einfühlsame Ärztin im Aufnahmegespräch. Trotzdem entschieden wir uns erst mal nichts von Janas Transsexualität zu sagen. Als Jana dann einmal aus dem Zimmer gehen musste, fragte mich die Ärztin, was denn los sei. Ich brach in Tränen aus, konnte einfach nicht mehr. Und erzählte ihr von der Transsexualität meiner Frau, von den schlechten Erfahrungen, die wir in genau dieser Klinik gemacht haben. Ich nahm kein Blatt vor den Mund und sagte klar, dass es natürlich besser für Jana sei, hier im Krankenhaus zu bleiben, dass sie es aber psychisch nicht verkraften würde, wieder in einem Männerzimmer untergebracht zu werden. Die Hormone hatten Wirkung gezeigt, auch äußerlich. Sie hatte Brüste entwickelt, wurde im Ganzen ein bisschen runder, weicher, die Gesichtszüge etwas entspannter, nicht mehr so markant. Die Ärztin fiel aus allen Wolken und organisierte sofort ein Einzelzimmer für Jana und dazu die Möglichkeit, mit dem Klinikpsychologen Gespräche zu führen. Außerdem ordnete sie eine Therapieumstellung für die Haut an. Das Kortison wurde nach und nach reduziert, dafür gab es andere Medikamente, die die Hautstruktur nicht zusätzlich belasteten. Jana blieb eine längere Zeit in der Klinik. Wir sahen endlich – zumindest was die Haut betraf – ein Licht am Ende des Tunnels. Noch in der Klinik trat eine deutliche Verbesserung der Haut ein  und zu Hause setzte sich der Erfolg fort.

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (13)

Nachdem die großen emotionalen Hürden der Familien-Outings geschafft waren und auch Matthias Brüder es verhältnismäßig gut aufnahmen, dass sie jetzt wohl eine Schwester hatten, plätscherte die Zeit ein bisschen dahin. Nach wie vor ging Matthias zur Therapie, musste aber noch auf den Beginn der Hormonbehandlung warten. Natürlich gab es immer wieder Momente, wo Matthias sagte, es gehe gar nicht weiter und ich äußerte, ich wolle einfach nicht mehr. Doch es gelang uns, uns immer gegenseitig aus den jeweiligen Tiefs zu ziehen. Einen unschönen Rückschlag gab es, als Matthias einmal vom Frisör kam und in den eh noch relativ kurzen Haaren am Hinterkopf eine große Lücke prangte, weil sich der Frisör verschnitten hatte. Wütend stapfte er ins Badezimmer, griff nach dem Rasierer und schnitt sich alle Haare zurück auf raspelkurze 3 Millimeter. Ich stand völlig entsetzt im Badezimmer, in Tränen aufgelöst, denn ich wusste ja, was nun wieder auf mich zukommen würde …

Des Weiteren nutzten wir die Wartezeit und nahmen den alljährlichen Osterurlaub in Matthias Heimatort tief im Osten der Republik zum Anlass, dort von den anstehenden Veränderungen bei uns zu erzählen. Obwohl wir in dem Dorf keine Unbekannten waren, schließlich besuchten wir Matthias Eltern regelmäßig an Weihnachten, Ostern und im Sommer, hatten weder er noch ich dort wirkliche Freunde. Natürlich besuchten wir Bekannte regelmäßig, trotzdem war und blieb ich die „Wessi-Frau“, mit all den negativen Begleiterscheinungen. Dennoch machten wir uns die Mühe und zogen sozusagen von Haustür zur Haustür, um Gerede vorzubeugen und die Nachbarn direkt zu informieren. In der unmittelbaren Nachbarschaft gab es vornehmlich Menschen der älteren Generation. Wir waren überrascht, wie positiv gerade sie die Neuigkeit aufnahmen. Sie fanden es toll, wie entspannt wir darüber redeten. Doch der Schein trog. Heute spricht keiner mehr mit uns. Im Höchstfall bekommen wir auf unseren Gruß eine Antwort, oder einen dahin gelallten Satz, wenn wir sie an Silvester betrunken auf der Straße sehen. Lediglich zwei von Matthias ehemaligen Klassenkameradinnen standen noch hinter uns. Eine, die immer schon etwas exotisch war, sah die Neuigkeit eher als Bestätigung dessen an, was sie wohl schon immer geahnte. Sie lud uns zu einer kleinen Party ein. Da sie nicht dauerhaft in dem kleinen Ort lebte, konnte sie nicht wissen, dass ihre offene Art nicht Jeder sein Eigen nannte. So wurde dieser Abend kein Vergnügen für uns. Wir kamen uns vor wie ein Ausstellungsstück. Im Grunde genommen wollten alle nur ihre Neugierde befriedigen, um dann davon überzeugt zu sein, dass Matthias unmögliche noch alle Tassen im Schrank haben könne. Es fielen sogar Bemerkungen wie „Früher hätte man solchen Leuten die Scheibe eingeschlagen!“. Es machte einfach keinen Spaß, sich mit diesem verlogenen, sturen und verstocktem Volk länger als nötig abzugeben.

In meinem Freundeskreis lief es dagegen wesentlich entspannter. Es gab überhaupt keine prinzipielle Ablehnung. Der Kontakt zu ihnen ist zwar auch nicht so intensiv, denn uns trennen einige hundert Kilometer, trotzdem wollte ich sie nicht im Dunkeln lassen, um sie vielleicht beim nächsten Besuch vor vollendete Tatsachen stellen zu müssen.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal etwas zurückblicken. Natürlich hatte sich Matthias im Hinblick auf die ersehnte Geschlechtsangleichung und auch, weil es davor im sogenannten Alltagstest gefordert ist, auf die Suche nach einem möglichen, weiblichen Vornamen gemacht. Zwar sprach ich ja in den vergangenen Episoden immer schon von Jana, doch der Weg dahin war weit. Matthias recherchierte im Internet und besprach jeden seiner ausgesuchten Namen mit mir. Ich war überrascht, welche er sich aussuchte. Wenn ich ihn mir so ansah und versuchte, den Namen mit seinem Erscheinungsbild zu assoziieren, kamen sie mir oft so Püppchen-haft vor. Doch letztendlich fand er ja dann einen. Es dauerte aber bis zu diesem Zeitpunkt, ehe ich es schaffte, ihn so anzureden und auch das Geschlechtspronomen entsprechend anzupassen. Trotzdem gelang es mir nicht immer. Wenn Matthias gut drauf war, machte es ihm nichts aus, ging es ihm allerdings schlechter, forderte er es vehement ein. Doch ich gewöhnte mich daran und sprach schließlich auch in seiner Abwesenheit von Jana und „sie“. Er weigerte sich schon eine ganze Weile, Herrenkleidung zu tragen. Seine Kleidung kam inzwischen ausschließlich aus der Damenabteilung, sie war nicht unbedingt auffällig, sondern dezent damenhaft und nicht sofort als solche zu erkennen und damit alltagstauglich und nicht überzeichnet.

Auch wenn es für mich nach außen hin zur Selbstverständlichkeit wurde, Jana und „sie“ zu sagen, blieb es innerlich noch immer ein Kampf. Gedanken wie „Was verliere ich da alles“ spukten ständig in meinem Kopf herum, mal mehr, mal weniger.

Wie gesagt, ich hatte mir die weibliche Anrede inzwischen angewöhnt, aber natürlich sagten die Kinder noch Papa zu Jana. Das wollte sie nun auch abstellen. Ich war entsetzt und strikt dagegen, dass sie den Kindern den Papa nehmen wollte. „Du darfst ihnen den Papa nicht nehmen, musst für sie Papa sein, egal in welchem Körper du steckst!“, versuchte ich zu argumentieren. Es kam zum Streit am Küchentisch, laut genug, so dass die Kinder es mitbekamen. Unsere kleinen Diplomaten retteten ihre Eltern aus der vertrackten Situation und beschlossen einfach, anstatt Papa von nun an Papalina zu sagen. So fanden sie einen Weg, sich selber daran zu gewöhnen. Inzwischen sagen sie längst Jana.

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (12)

Am Tag der Feier waren wir ganz schön aufgeregt. Matthias war nicht geschminkt, seine Haare ja auch noch ziemlich kurz und so waren wir ziemlich sicher, dass keiner, der nicht eingeweiht war, Verdacht schöpfen würde. Vielleicht mit Ausnahme einer Tante, die einmal bei Gerry Weber gearbeitet hat. Doch es blieb ruhig und meine Mutter entspannte sich zusehends. Sie bezeichnete Matthias Kleidung als fairen Kompromiss, alle waren zufrieden.

Anlässlich einer anderen Familienfeier, erst vor wenigen Wochen, als schon alle Verwandten informiert waren, kam justament diese Tante auf Matthias zu und lobte ihn – da schon Jana – wie gut er doch jetzt aussähe. Sie könne sich gar nicht mehr vorstellen, dass da mal ein Mann drin steckte. Bei dieser Gelegenheit erwähnte sie auch, dass sie tatsächlich an diesem 50. Geburtstag meiner Geschwister schon eingeweiht gewesen wäre. Meine Mutter hatte jemanden zum Reden gesucht und sich für sie entschieden. Eine gute Wahl!

Die nächste Herausforderung bestand nun, es genauso erfolgreich den Schwiegereltern zu verkaufen. Wir fuhren immer zwischen Weihnachten und Neujahr zu ihnen und ich bestand darauf, dass wir es ihnen im Vorfeld mitteilen sollten, oder zumindest vorwarnen. Ich bereitete also auch meine Schwiegermutter am Telefon darauf vor, dass ihr Sohn ihr bei unserem nächsten Besuch etwas mitteilen werde. Wie Mütter und Schwiegermütter nun mal sind, gab auch sie keine Ruhe und meinte, sie könne jetzt bis Weihnachten kein Auge zu tun, wenn wir ihr nicht endlich sagen würde, worum es ginge. Ich versuchte Matthias zu animieren, es seiner Mutter selbst mitzuteilen, doch er hatte Bedenken, es am Telefon zu tun und wirkte unsicher. Also blieb es doch wieder an mir hängen, trotz aller schlechten Erfahrungen mit dieser Art von Outing bei meiner Mutter. Als ich ihr reinen Wein eingeschenkt hatte, war erst mal Ruhe am anderen Ende der Leitung. Dann kam ein „Tja, dann isses so. Ich kann es ja eh nicht mehr ändern.“ Sie schien ihren Sohn in der Tat sehr gut zu kennen. Vielleicht fielen ihr da die kleinen Begebenheiten in seiner Kindheit ein. Zum Beispiel als sie in seinem Bett ihren Badeanzug fand, den sie dann kommentarlos verschwinden ließ. Auf jeden Fall schien sie nicht sonderlich beeindruckt, bestand aber darauf, es dem Vater erst zu sagen, wenn wir da wären. Zwischenzeitlich telefonierten wir noch recht oft. Sie fing an Fragen zu stellen und wir beantworteten sie gerne und ausführlich.

Als wir dann vor Ort waren, empfing uns dann die Schwiegermutter allerdings mit der Ankündigung, dem Vater doch erst mal nichts zu sagen. Sie war der festen Überzeugung, dass er damit nicht umgehen könne und es auch nicht akzeptieren würde. Da Matthias, ähnlich wie bei der Familienfeier meiner Geschwister, wieder ziemlich unisex gekleidet war, fiel dem Vater auch nichts weiter auf. Sein einziger Kommentar bezog sich auf die Frisur seines Sohnes. Das seien aber heftige Haare, meinte er. Dabei wäre es wohl in den Augen der Meisten lediglich eine etwas aus dem Ruder geratene Kurzhaarfrisur.

Matthias machte es sehr betroffen, dass seine Mutter der Meinung war, sein Vater solle nichts von seiner neuen Lebensweise erfahren. Dementsprechend angeschlagen war die Stimmung. Auf dem Weg nach Hause mussten wir fortwährend darüber nachdenken, wie es jetzt wohl weiter gehen würde.

Als wir das nächste Mal an Ostern zu ihnen fuhren, setzte Matthias sich durch und sagte seiner Mutter auf den Kopf zu, dass er es diesmal seinem Vater vermitteln würde. Ich konnte ihm anmerken, unter welchem Druck er deshalb stand und wie sehr er inzwischen unter der Heimlichtuerei litt. Als wir pünktlich zum Kaffee die Treppe runter kamen, empfing uns meine Schwiegermutter am Ende der Stufen. Mit den Worten „Ich habe es dem Vater schon gesagt!“ nahm sie Matthias die Möglichkeit, es ihm mit seinen Worten zu vermitteln. Das darauffolgende Gespräch gestaltete sich demzufolge entsprechend schwierig. Sein Vater schwieg sich komplett aus und stellte überhaupt keine Fragen. Man merkte ihm an, dass er die Neuigkeit erst mal verdauen musste. Es dauerte eine ganze Weile bis er auftaute. Inzwischen ist es tatsächlich so, dass der alte Herr damit recht gut umgeht, während seine Frau sich immer mehr zurückzieht und vor allem Matthias deutlich ihren Unmut spüren lässt. Auf jeden Fall war die komplette Familie endlich eingeweiht und uns beiden fiel ein ordentlicher Felsbrocken vom Herzen, dass wir diese Hürde erfolgreich genommen hatten.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (11)

Nach so viel hilfreichem Info-Input dank des ersten Live-Treffens mit einer anderen betroffenen Familie in der gleichen Situation, lebte es sich vor allem für mich um einiges entspannter. Doch nun stand für Matthias und mich ein wirklich schwerer Gang an. Unserer Familien wussten ja noch von rein gar nichts. Zwar bestand kaum die Gefahr, dass sie es zufällig erfahren würden, denn sie wohnten weit genug weg. Das große „Aber“ war aber der runde Geburtstag meiner Zwillingsgeschwister. Matthias wollte auf gar keinen Fall in Herrenkleidung dort erscheinen. Ich versprach mir von der Tatsache, dass mein Bruder schwul ist und auch mit einem gleichgeschlechtlichen Partner verheiratet ist, einen kleinen Vorteil und vermutete ihn auf meiner bzw. unserer Seite. Also rief ich ihn im Vorfeld an, unteranderem um mit ihm abzusprechen, wie wir es am besten unserer Mutter vermitteln könnten, denn der Umstand, dass mein Bruder andere Männer liebt, ist für sie bis heute ein schwieriges Thema. Er teilte meine Bedenken diesbezüglich und so einigten wir uns darauf, dass Matthias und ich sie im Vorfeld der Geburtstagsfeier besuchen würden, um sie schonend darauf vorzubereiten. Ich rief sie an, um einen Termin mit ihr auszumachen. Doch sie bohrte so lange, bis ich ihr am Telefon reinen Wein einschenken musste. Ihre Reaktion war vorhersehbar: Sie war entsetzt. Es sei unmöglich, ich müsse mich doch jetzt von Matthias trennen. Wie käme er überhaupt auf diese verrückte Idee und warum habe er dann erst eine Familie gegründet und zwei Kinder in die Welt gesetzt. So die Kurzfassung ihrer Tirade. Dennoch ließ sie sich auf einen Gesprächstermin ein und ich war schon froh, dass sie nicht gesagt hat, dass Matthias nie wieder einen Fuß über ihre Schwelle setzen solle. Daraufhin war uns zumindest eines klar: Wir mussten zu jedem persönlich hinfahren und es ihm sagen. Telefonisches Outing erwies sich als Horror.

Also machten wir uns auf den Weg, meine Mutter und auch meine Geschwister zu besuchen. Zwar war auch mein homosexueller Bruder nach wie vor der ganzen Sache relativ offen gegenüber eingestellt, dennoch äußerte er Bedenken, dass es für ihn schwer vorstellbar sei, dass Matthias es nicht früher gewusst oder gemerkt habe. Auch er machte ihm unterschwellige Vorwürfe, dass er eine Familie gegründet habe und Kinder in die Welt gesetzt habe. Dennoch riet er ihm, zu machen was er wolle. Mir gab er mit auf den Weg, gegebenenfalls die Reißleine zu ziehen, denn noch sei ich ja jung genug.

Bei meiner Mutter entwickelte es sich entspannter als erwartet. Sie hielt das alles für eine fixe Idee und meinte, das würde schon wieder. Nun, das kam mir sehr bekannt vor und wusste, dass sie im Unrecht war. Dieses eine Treffen reichte auf jeden Fall nicht aus, um sie davon zu überzeugen, dass Matthias seinen Weg gehen würde, bis zum Ende.

Wir besuchten auch die Zwillingsschwester meines schwulen Bruders. Ihre einzige Reaktion war, sie verstehe es zwar nicht, aber wir müssten ja wissen, was wir wollten. Sie würde Matthias auf jeden Fall auch in Zukunft nicht der Tür verweisen. Aber auch sie konnte nicht wirklich verstehen, dass Matthias erst eine Familie gründete und dann mit so einer Sache kam. Ich ahnte schon, dass auch sie das Thema nicht so einfach akzeptieren würde.

Dann gab es da noch den mittleren Bruder. Auch ein schwieriger Fall. Er hörte sich an, was wir ihm mitzuteilen hatten. Sagte wenig dazu. Irgendwann kam dann ganz nüchtern, er könne und wolle damit nicht umgehen. Wir sollten machen was wir wollten, doch bitte ihn da raus halten. Ich hielt es für eine Reaktion unter dem ersten Schock. Ich wusste ja, dass es nicht einfach werden würde, doch wir hatten immer ein sehr enges Familienverhältnis. Leider wurde meine Hoffnung, nach dem Motto, hier steht deine Tochter, eure Schwester, die braucht euch jetzt, nicht wirklich erfüllt. Aber wie gesagt, immerhin gab es auch keine klare Ablehnung. Bei  schwierigen Themen bedarf es eben viel Überzeugungsarbeit und noch mehr Verständnis für die andere Seite.

Die Geburtstagfeier rückte näher und wie nicht anders zu erwarten, kam es dann doch noch einmal zu Diskussionen. Matthias erklärte klipp und klar, dass er nicht gewillt sei, noch einmal Anzug und Krawatte zu tragen. Ich konnte förmlich hören, wie die ganze Familie scharf die Luft einzog. Die Bedenken, dass man ja über uns und sie reden könne, weil ja auch Onkel und Tanten kamen, waren ihnen allen auf die Stirn geschrieben. Der Zwillingsbruder kam am schnellsten wieder zu Stimme und formulierte dann den Kompromiss, dass Matthias ja nicht unbedingt in Highheels und Mini kommen müsse, es gäbe ja auch dezentere Varianten. Matthias sah das ein und entschied sich für ein unauffälliges, ab dennoch nicht minder weibliches Outfit zusammengesetzt aus Hose, Bluse und Pullover. Dennoch schoss in mir der Gedanke hoch, wenn ich jetzt vor die Wahl gestellt werden: Matthias oder Familie, für wen würde ich mich wohl entscheiden?!

Nun, wir zogen erst mal los, um Matthias für die Feierlichkeit einzukleiden. Bei Gerry Weber wurden wir fündig. Als ich mal einen kurzen Moment zum Verschnaufen vor die Ladentür trat, kam die Verkäuferin hinterher und sprach mich an. „Gell, Sie haben ganz viel Angst“, stellte sie fest. Ich erläuterte ihr die Situation. Da nahm sie mich feste in den Arm und sagte mit absoluter Überzeugung in der Stimme: “Sie schaffen das!“ Oh mein Gott, tat das gut!

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (10)

Hier einmal ein kleines Erlebnis, dass uns in einer sehr schwierigen Phase sehr viel Mut und Durchhaltevermögen gegeben hat:

Matthias Outing als Jana zog immer größere Kreise. Und damit auch der Kontakt zu Paaren in ähnlicher Situation. So erzählte uns eine Nachbarin, dass sie mit einem Pärchen bekannt ist, bei dem der einstmals männliche Part den gleichen Weg wie Matthias ihn einschlagen wollte, gegangen ist. Mit dem Unterschied, dass sie die Geschlechtsangleichung bereits erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Vorher waren sie eine „normale“ Familie mit Kind, so wie wir und es funktionierte auch weiterhin, trotz gelegentlicher Probleme. Matthias und ich nahmen den Kontakt auf. Es war eben doch ein Unterschied, ob man Hilfe und Informationen nur aus Selbsthilfegruppen oder Foren erhielt, oder einmal die Möglichkeit hatte, live mit Betroffenen zu reden.

So führte auch ich mit der Transidenten ein sehr offenes Telefonat, in dem wir auch intime Themen nicht aussparten. Es beruhigte mich schon zu hören, dass man nach solchen Phasen, die wir in letzter Zeit durchgemacht hatten, damit rechnen konnte, dass es irgendwann wieder im Einklang miteinander weitergehen würde. Noch hilfreicher – gerade für mich – war aber dann das Gespräch mit der Partnerin. Ihre Worte „Ja, das geht. Man kann damit leben!“ haben mir viel Mut gegeben und sehr gut getan. Sie kannte die Momente noch zu gut, wenn die Betroffenen anfangen, sich zu finden und auszuprobieren, sich alles nur noch um ihre Transsexualität dreht. Es gab mir das Gefühl, ich stehe da nicht alleine mit, es ist tatsächlich normal.

Da wir uns so gut verstanden und das Pärchen auch einen Sohn hatte, vereinbarten wir ein Treffen in einem Café. Im Vorfeld impfte ich unsere Kinder, die Erwachsenen nicht mit zu vielen Fragen zu bedrängen, sondern sich eher an den Sohn zu halten. Seine Erfahrungen waren für die beiden bestimmt auch verständlicher. Matthias, die Jungs und ich waren zuerst am Treffpunkt und warteten gespannt auf die andere Familie. Als sich dann die Tür öffnete, wollten wir erst gar nicht glauben, dass DAS die erwarteten Personen waren. Dort kamen tatsächlich zwei völlig natürlich wirkende Frauen, im Schlepptau einen Jugendlichen. Ja, die eine war ja schon operiert, aber trotzdem, ich hätte auf Anhieb nicht sagen können, welche der Beiden mal als Mann auf die Welt gekommen ist. Nun, damit konnte ich auf jeden Fall später leben, denn dann würde es keine abschätzenden Blicke mehr geben. Matthias bekam an diesem Nachmittag die Gelegenheit, sehr viele Fragen zu stellen. Es ging um Ärzte, Therapien, Hormone und vieles mehr. Und auch ihm tat es gut zu sehen, wie sich alles entwickeln könnte.

Auf dem Nachhauseweg riss Gustav uns aus den Gedanken. Er sagte: „Mama, gut, dass du gesagt hast, wir sollen die Erwachsenen nicht löchern. Ich hätte bestimmt die Falsche angesprochen!“ Lachend musste ich ihm zustimmen, denn auch ich hatte ja Probleme, die Transidente von ihrer Partnerin zu unterscheiden. Sie sah einfach so perfekt aus.

Leider haben wir inzwischen den Kontakt zu diesem Paar verloren. Sie hätten sich mit Sicherheit auch gewundert, wie aus der damals noch sehr männlichen Teilzeit-Jana eine Ganztagsfrau wurde.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (8)

Der Sommerurlaub mit der Familie wurde dann doch nicht so schlecht, wie es zu Anfang schien, auch wenn die Sätze „Jana ist traurig, Jana musste zu Hause bleiben“ immer wieder mal fielen.

Es war tatsächlich so, dass in diesem Sommer das große Outing begann, auch wenn bei uns noch eine gewisse Unsicherheit herrschte, wie es überhaupt weitergehen würde und was die nächsten Schritte waren. Viele dieser Outings blieben an mir hängen. Ich kannte die Leute einfach besser, hatte den größeren Zugang und war ja auch mehr zu Hause. So übernahm ich zum Beispiel die Nachbarn im Haus. Den Vermieter allerdings überließ ich Matthias. Na ja, jedenfalls den ersten Schritt, ich musste dann gewaltig Hilfestellung leisten, weil er es so kryptisch formulierte, dass die armen Leute nur Bahnhof verstanden. Matthias fing damit an, dass er den Vermietern mitteilte, es würde sich was bei uns verändern. Prompt kam die Frage zurück, ob wir uns trennen würden. Auf sein schlichtes Nein wurde dann spekuliert, ob wir noch ein Kind bekommen. Als auch hier von seiner Seite nur ein Nein kam, griff ich helfend ein. Rätselraten war bei diesem ernsten Thema nicht so angebracht. Erfreulicher Weise begegnete uns niemand mit Skepsis, zumindest nicht offen. Was sie hinter unserem Rücken tuschelten, wussten wir natürlich nicht, war uns aber auch vordergründig egal. Vielmehr waren die Meisten neugierig und bombardierten uns mit Fragen.

Die Kinder fuhren, wie schon mehrmals, mit der Kirchengemeinde zur Jugendfreizeit. In diesem Jahr erschien uns das besonders wichtig, damit sie ein bisschen Abstand von der neuen Situation daheim bekamen. Ihr Alltag erfuhr gerade genug Neuheiten, die Routine zumindest in dieser Hinsicht, war dringend nötig. Auch hier weiten wir die Betreuer ein, so dass sie in der Lage waren, im Notfall zu helfen und etwaigen Auffälligkeiten der beiden Jungs mit Verständnis entgegen zu treten.

Komplizierte wurde es da schon, bei der Frage wie wir dieses Thema an die Schulen, bzw. Elternschaften der Kinder hineintragen sollten. Wir waren uns einig, dass das Outing über die Eltern an die Kinder weitergegeben werden sollte, denn es erschien uns einfacher, die Situation einem Erwachsenen zu erklären, als unruhigen Kindern in einer Klasse  Der kleine Gustav nahm uns in dieser Hinsicht die Entscheidung ab. Er kam auf uns zu und meinte, wir sollten es so schnell wie möglich hinter ihn bringen, damit das Mobbing – mit dem der kleine Kerl anscheinend fest rechnete – so schnell wie möglich wieder aufhören würde. Es gab mir einen furchtbaren Stich, den Jungen so verängstigt zu sehen und gleichzeitig so mutig. Er wollte sich der Sache so früh wie möglich stellen.  Also wendete ich mich an die Schule und besprach mit dem Direktor die möglichen Schritte. Und dann kam der erste echte Schlag ins Gesicht: Der Mann, der sonst immer so offen und progressiv tat, entpuppte sich als Hemmschuh erster Güte. Sein ganzer Kommentar war, als ich ihn darum bat, das Outing auf einem Elternabend durchzuführen: „ Privat Probleme gehören nicht in die Schule, die haben zu Hause zu bleiben!“ Ich konnte so viel Ignoranz kaum fassen, zumal wir so unserem Anliegen keinen Schritt näher kamen. Nun, wenn es eben nicht direkt via Elternabend ging, mussten wir durch die Brust ins Auge treffen. Will sagen, ich trat an den Klassenelternbeirat heran, mit der Bitte einen Stammtisch einzuberufen. Natürlich informierte ich die Elternvertreter im Vorfeld warum und sie waren einverstanden. Wie das mit Stammtischen und oft auch Elternabenden so ist, sind meistens nur die Hälfte der Eltern da, aber das waren mehr als gar keine. Nach dem wir den Anwesenden unsere Lage und die damit verbundenen Veränderungen, die sich in den nächsten Monaten ergeben würden, erklärt hatten, entspann sich eine lebhafte Diskussion. Neben Anerkennung schlug uns hier das erste Mal direkte Ablehnung entgegen. Wir wurden tatsächlich aufgefordert, doch einfach weg zu ziehen, dann gäbe es ja für die Anderen keinen sichtbaren Wechsel von Matthias zu Jana. Ich konterte mit dem Argument, dass es in einer solchen Situation, die für die Kinder von einem großen emotionalen Umbruch geprägt ist, es nicht auch noch sinnvoll wäre, sie aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen. Da war erst mal Ruhe. Kaum zu glauben, aber manche Eltern hatten wohl wirklich Angst, dass bei einem Kontakt ihrer Sprösslinge mit Gustav eine Ansteckungsgefahr bestehe. Zum Glück war es im Endeffekt so, dass die Probleme in der Klasse des Kleinen sich sehr in Grenzen hielten. Außer einem gelegentlichen Kommentar eines  Klassenkammeraden á la „Du hast ja gar keinen Papa mehr!“ kamen eher unterstützende Bemerkungen wie „Du bist trotzdem unser Freund und brauchst dir keine Sorgen zu machen!“. Für mich sehr beruhigend!

Bei Fred sah ich der Angelegenheit gelassener ins Auge, denn er besuchte eine weiterführende Schule in der benachbarten Stadt. Hier kamen Kinder und damit auch die Eltern aus einem weiten Umkreis. Wir als Familie hatten nicht viel mit ihnen zu tun. Selbst die Tatsache, dass es sich um eine katholische Schule handelte entpuppte sich nicht als Schwierigkeit. Doch dazu erzähle ich später noch mehr, denn es sollte noch über ein Jahr dauern, bis wir hier aktiv wurden.

Von nun an konnten wir alle etwas befreiter leben. Allerdings stellte die zunehmend ausgelebte weibliche Seite von Matthias mich vor neue – vor allem emotionale – Herausforderungen. Jana drängte sich immer mehr in den Vordergrund  … Fast unser ganzes Leben drehte sich inzwischen ausschließlich um sie, so dass ich mir oft vorkam, als wäre ich auf´s Abstellgleis verfrachtet worden.

To be continued …