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DER TEUFELSKREIS UND DIE SUCHE NACH DEM AUSWEG

Ja, die Sommerferien waren entspannt. Eine Jugendfreizeit mit der katholischen Kirchengemeinde, die meine Tochter sogar als Teamerin begleitete, ein paar entspannte Tage im Saarland mit vielen guten Gesprächen und reichlich Bewegung an der frischen Luft, dann zwei Wochen „gammeln“ zu Hause. Das Kind ärgerte sich sogar, dass ihre Schule erst am Dienstag startete und wurde dafür glühend von ihrer Schwester beneidet. Eine gehörige Portion Aufregung stellte sich an dem Wochenende vor Schulbeginn schon ein, aber das musste ja nichts Negatives sein. Es fühlte sich eher so an, wie das Kribbeln im Bauch in der Warteschlange einer Achterbahn. Etwas unwohl war ihr bei dem Gedanken an den Mittwoch, denn da fand nach altem Stundenplan immer der sogenannte „Werkstatttag“ statt, der sie schon sehr beanspruchte.

Der erste Schultag kam, der Wecker klingelte, wir saßen beim Frühstück. Geschnatter überall. Die Kleine ging zum Bus, die Große fuhr ich auf dem Weg ins Büro an der Schule vorbei. So schön, so gut. Als mein Handy so gegen halb schellte, rechnete ich zwar mit einer Statusmeldung, aber dass sie so ausfiel, hat mich geschockt. Ein völlig aufgelöstes, schluchzendes Kind am anderen Ende. Nur weil ich ihre Nummer sah, wusste ich überhaupt, wer da dran war, denn reden konnte sie nicht. Nach schier unendlichen Minuten beruhigenden Zuredens konnte sie mir endlich erzählen, was sie so aus der Fassung gebracht hatte. Die Schule hatte mit dem berüchtigten Werkstatttag begonnen, der gleich bis drei Uhr nachmittags gehen sollte. Die Angst vor der Überforderung, unterzuckert, weil zu wenig gefrühstückt, die ganze Aufregung, all das ließ sie hyperventilieren, es drehte sich, ihr wurde schlecht, die Toilette schien der einzig sichere Ort in der ganzen Schule zu sein. Sie hatte sich dorthin geflüchtet, nachdem auch noch der Lehrer sie um ein Gespräch gebeten hatte. Eine klassische Panikattacke, neu für das Kind. Es gelang mir, sie soweit zu beruhigen, dass sie die Kabine verlassen konnte und zurück zu den anderen ging. Und obwohl sich das Gespräch mit dem Lehrer als ganz harmlos erwies, gelang es ihr nicht mehr, sich auf irgendetwas zu konzentrieren und die Panik schwappte immer wieder wie eine Welle über sie. Nach einem erneuten, tränenreichen Telefonat gab sie auf und fuhr nach Absprache mit dem Lehrer nach Hause. Als ich nachmittags nach Hause kam, sah es so aus, als wäre es eine einmalige Angelegenheit gewesen und am Mittwoch Morgen ging sie auch wieder und blieb den ganzen Vormittag. Beruhigt schwieg mein Handy. Bis zum frühen Nachmittag. Wieder dieses herzergreifende, verzweifelte Schluchzen … Mama, es hört nicht auf … WAS? … es hört nicht auf zu Bluten! Sie hatte sich geritzt, saß jetzt in der Badewanne, versuchte mit Handtüchern die Blutung zu stillen. Ich ließ alles stehen und liegen und fuhr heim. Es sah schlimmer aus als es war, doch der Schock auf beiden Seiten saß tief. Warum … war die Frage, die wir lange versuchten zu klären. Der Gedanke, versagt zu haben, weil es am Dienstag in der Schule nicht geklappt hat und die Angst, es wieder nicht zu schaffen, das musste als Erklärung vorerst reichen. Der „Ritzdruck“ wie sie es nannte, war einfach übermächtig geworden. Und alle erlernten Skills aus Klinikzeiten halfen nicht.

Donnerstag Morgen sah ich mich in Zeiten von vor den Ferien zurückversetzt. Keinerlei Reaktion, als ich sie weckte. Ansonsten verlief der Tag ruhig. Freitag das selbe Spiel und ich war wohl nicht die Einzige, die das Wochenende herbei sehnte. Es kam zu spät, denn mittags riss mich wieder ein Anruf aus der trügerischen Ruhe. Das gleiche Spiel wie am Mittwoch, noch mehr, noch tiefer, noch mehr Auflösung beim Kind. Ja, wir bekamen die Wunden in den Griff, aber die Seele hatten tiefere Macken davon getragen. Endlose Gespräche am Wochenende, doch wir drehten uns im Kreis.

Die kommende Woche war mit Terminen und Telefonaten angefüllt. Anruf bei der Psychiaterin in der Klinik, ob es nicht sinniger wäre, die Medikamentendosis zu erhöhen. Das wurde weit weg gewiesen, so ein Wiedereinstieg nach den Ferien sei schwierig, ich sei schon die dritte Mutter, die anrief, das würde wieder. Aha. Ein Telefonat mit der behandelnden Psychologin in der Klinik verlief sehr hitzig. Ich solle keinen Druck auf das Kind ausüben, um sie nicht mehr zu belasten und im übrigen wäre sie inzwischen in einem Alter, wo sie für sich selbst Verantwortung übernehmen müsse. Aha. Und außerdem hätten wir ja der Erhöhung der Medikation nicht zugestimmt. Moment mal, das war andersrum. Ach so, ja, das kann bei einer Übergabe schon mal schiefgehen. Sehr vertrauenswürdig, wirklich. Maria erhielt den Tipp, sich zusammenzureißen und einfach mal zu gehen. Ja klar. Wieder Telefonat mit dem Psychiater, der eigentlich nicht zuständig war, aber die Kollegin war krank. Von ihm bekamen wir eine Adresse von einem niedergelassenen Psychotherapeuten, der seine Praxis erst vor vier Wochen eröffnet hatte. Sofortige Nachfrage brachte meinem Kind tatsächlich einen Termin für Freitag ein. Zwischendurch noch ein Treffen mit den Damen der Einzelfallbetreuung, da hier das Personal wechselte. Nun gut, wurde aber von meiner Tochter so akzeptiert, was mich beruhigte. Zwischendurch Atteste vom Hausarzt besorgen, damit die Fehlstunden in der Schule nicht zu sehr anwuchsen. Dann Kontaktaufnahme mit dem Klassenlehrer, der wie immer unendlich hilfsbereit war und wieder nicht vergaß, dem Kind und mir viel Kraft zu wünschen.

Leider änderte sich am morgendlichen Ritual nichts. Kein Schulbesuch möglich, aber wenigstens blieben die Tage unblutig. Der Ritzdruck wurde durch Putz-und Aufräumorgien zu Hause abgebaut. Jeden Morgen spielte sich bei uns da gleiche ab. Ich weckte sie und redete ihr gut zu, es doch zu probieren, würde sie auch in die Schule fahren. Und sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Mittags entschuldigte sie sich für ihr Verhalten, doch ändern konnte sie es nicht. Was würde ich dafür geben, wenn sie die vielen Hände, die sich ihr entgegenstreckten, die Brücken, die ihr gebaut wurden, nur annehmen könnte. Mit jedem Tag nicht in der Schule würde es schwieriger werden, die Kluft zu überwinden. Sie wusste das. Und konnte es nicht ändern. Für Außenstehende schwer zu akzeptieren.

Dann kam der Freitag mit dem Termin beim Psychotherapeuten. Es war zwar nur ein einführendes Gespräch, doch ich merkte, die Chemie zwischen den beiden stimmte. Sie bekam gleich mehr Termine und die ersten Tipps. Schule könnte man auch für zwei Stunden besuchen. Wenn es um acht nicht klappte, dann vielleicht im zehn. Aber bitte jeden Tag probieren. Am Montag Morgen sprach sie immerhin schon wieder morgens mit mir, die Tür blieb auf, die Jalousie oben. Die Angst, dass das Telefon wieder schellt, schwächt sich langsam ab. Da ist er wieder … der zarte blaue Schimmer ganz am Ende des Horizontes.

AUCH ELTERN BRAUCHEN HILFE!

Hier mal ein paar Worte in eigener Sache, als Mutter eines Kindes mit psychischen Problemen:

Wenn ein Kind krank ist, egal wie alt es ist, dann will man als Mama helfen, alles tun, damit es ihm wieder besser geht. Kann man ein Pflaster draufkleben, ein bisschen Salben auftragen, mal pusten und Heile heile Gänschen singen, ist das schnell erledigt und zeigt Wirkung. Mama hat geholfen! Ein paar tröstende Worte, vielleicht ein Medikament, ein Arztbesuch, all das kann zur Genesung beitragen. Es gibt eine Lösung, einen Plan … Möglichkeiten, auch bei chronischen Erkrankungen.

Manifestiert sich die Krankheit aber in der Psyche, ist Hilfe nicht immer so leicht zu gewähren, wird die Not der Betroffenen von Außenstehenden oft nicht erkannt. Da wird eher noch Druck auf alle Beteiligten ausgeübt, als würde das Unverständnis nicht schon reichen.

Mal frei von meiner Seele weg gebrüllt, heißt das:

Wo sind denn die Experten, Besserwisser, Kluge-Ratschläge-Erteiler …

  • Wenn ich morgens am Bett meiner Tochter sitze und versuche, sie mit Engelszungen dazu zu überreden, einen Anlauf für die Schule zu starten.
  • Wenn mir meine Hilflosigkeit bewusst wird, weil sie noch nicht einmal in der Lage ist zu sagen: Mama lass mich in Ruhe. Sondern sich wie ein Embryo unter der Bettdecke zusammenrollt.
  • Wenn diese Hilflosigkeit mich überrollt und die Kaffeetasse in meinen Händen zittern lässt und die Tränen anfangen zu laufen.
  • Wenn die Sorge um ihre (schulische/berufliche) Zukunft mich wie ein gefangener Tiger im Käfig durch die Wohnung wandern lässt.
  • Wenn bei jedem Telefonklingeln das Adrenalin in die Adern schießt, weil es ja das Kind sein könnte, das wieder Blut überströmt vom Ritzen zu Hause sitzt.
  • Wenn die Angst um meinen Job mir Magenschmerzen bereitet, weil ich mehrfach in der Woche alles stehen und liegen lassen muss, um nach Hause zu meiner Tochter zu fahren.
  • Wenn die Gestaltung der eigenen Freizeit sich irgendwann nur noch darum dreht, das Kind zu beschäftigen, damit es auf positive Gedanken kommt.
  • Wenn die kleine Schwester aus Angst um die Große weint.
  • Wenn die Kraft nachlässt, selbst die kleinsten Alltagshandlungen zu erledigen, weil alle Energie in diesen Gedankenkreisel „Was – Wenn – Wie“ fließt.
  • Wenn der Vater seinem Kind Sätze wie „Kommst du jetzt in die Klapse?“ und „Tabletten darfst du nicht nehmen, die machen abhängig und verändern dich!“ straffrei an den Kopf wirft und sich dann beschwert, dass sie ihn nicht mehr sehen will.
  • Wenn das Familiengericht mögliche Hilfe durch Beschlüsse unmöglich macht, weil oben erwähnter Erzeuger in hysterischer Eifersucht zum UNwohl der Kinder handelte.
  • Wenn diese vernichtende Welle über mich rollt, ich versuche mit meinen Gefühlen, dem Verstand und der Seele das zarte Pflänzchen der Hoffnung zu schützen und zu düngen.
  • Wenn teuer bezahlte Experten nichts Besseres auf Lager haben, als Ratschläge zu geben, die wir selbst erarbeitet habe und schon wochenlang befolgen.
  • Wenn keiner der um Hilfe Gebetenen sich zuständig fühlt und man von einem zum anderen durchgereicht wird.
  • Wenn das Hamsterrad immer schneller wird und ich Angst habe, ins Trudeln zu geraten.

WO SEID IHR DANN!!??

Sorry, musste mal sein.

Ich habe jetzt von einer Kollegin einen Flyer einer Angehörigengruppe bekommen, die ich besuchen werde. Vielleicht gibt mir der Austausch mit ihnen die nötige Kraft, diese never ending story mit hoch erhobenem Haupt weiter zu betreiben.

STOLPERN – FALLEN – LIEGEN BLEIBEN … die Dunkelheit findet dich schon!

Viele Monate hatte das Kind nicht so einen glücklichen Eindruck gemacht. Endlich die Anerkennung, die ihr so lange verwehrt geblieben war. Die schulischen Leistungen stiegen permanent, lachend nannte sie sich selbst einen Streber. Es hagelte Einser. Und jeden Mittag sprudelte es nur so aus ihr heraus. Sie erzählte in den ersten Wochen des neuen Schuljahres mehr (Positives) aus der Schule, als in den vergangenen neun Jahren zusammen. Kein Problem mehr mit dem morgendlichen Aufstehen, keines mit Hausaufgaben oder Lernen. Es lief wie am Schnürchen. Sie war Teil einer intakten Klassengemeinschaft. Der einzige Punkt, der sie störte, brachte mich zum Schmunzeln: Sie verabscheute es, wenn sie aufgrund der Tatsache, dass sie ein Mädchen ist, in irgendeiner Weise bevorzugt wurde.

Dann kam der Moment, in dem eine Verkettung unglücklicher Umstände alles zum Einsturz brachte. Eine durchgemachte Nacht um für die Lieblingsband zu voten, der Ärger über die eigene Unfähigkeit, am nächsten Morgen in die Schule zu gehen, heftig einsetzende Schmerzen, weil natürlich gerade jetzt auch noch die Periode losging und die unbedachte Bemerkung eines guten Freundes. Ein teuflischer Cocktail, der den sicheren Boden unter den Füßen erweichen ließ und die Dunkelheit dazu brachte, langsam aber sicher von unten nach oben zu wandern. Mit der ersten Selbstverletzung (tiefes Ritzen) seit Monaten wollte sie wohl die aufkommende Leere vertreiben. Doch das Versagen, das Übertreten ihrer selbst aufgestellten Regeln, ließ den wankenden Boden zu Treibsand werden. Langsam aber sicher – scheinbar unaufhaltsam – versank sie in einer Lethargie, die nichts mit Schulangst zu tun hatte, die sie später selbst als die große Leere bezeichnete.

Es hatte eine Weile gedauert, bis ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Auch meine Wachsamkeit hatte nachgelassen, lief doch alles so hervorragend. Außerdem kam es durchaus schon einmal vor, dass sie aufgrund starker Unterleibsschmerzen während ihrer Periode zwei, drei Tage nicht in die Schule gehen konnte. Und dass sie mit dem frisch verletzten Arm nicht in die dreckige Werkstatt wollte, war ja auch verständlich. Denn wenn ich spätnachmittags nach Hause kam, wirkte sie zwar gedämpft, aber meine Alarmsensoren schlugen noch nicht an. Kopfschmerzen, eine heftige Erkältung, aus einer Woche wurden zwei, wenn auch durch einen der Donnertagsfeiertage abgekürzte Schulwoche. Erst in der dritten Woche wurde ich hellhörig, vielleicht weil ihr die Ausreden ausgingen. Am Wochenende hatte ich bereits beobachtet, dass sie höchstens noch aufstand, um auf die Toilette zu gehen, etwas zu trinken oder eine Klitzekleinigkeit zu essen. Ansonsten hielt sie sich in ihrem Zimmer auf – eigentlich nichts Besonderes – aber die Jalousien waren den ganzen Tag unten, sie las ihre geliebten Mangas nicht mehr, hörte im Höchstfall noch KPOP um sich dann über negative Fankritiken bis in den Weinkrampf hinein aufzuregen.

Zuerst vermutete ich die Rückkehr der Schulangst. Mit allen Mitteln versuchte ich aus ihr heraus zu bekommen, was denn die Ursache für ihr Verhalten sein könne. Die Aussage „weiß ich doch selbst nicht!“ machte mich rasend. Inzwischen weiß ich, dass es tatsächlich so ist. Das Kind hat sich den Kopf zermartert und fand doch nur Leere. Aber bis es bei mir klick gemacht hat, oh mein Gott, es hat gedauert. Mit allen Mitteln habe ich versucht, sie aus dem Bett zu holen. Das ging von Betteln und Versprechungen machen, bis hin zu heftigem Geschreie und Tobsuchtsanfällen meinerseits einschließlich Verboten. Zuckerbrot und Peitsche. Nichts half. Das Resultat war nur noch weiterer Rückzug. In dieser heißen Phase hatten wir unser Halbjahresgespräch mit dem Jugendamt und den Einzelfallbetreuern vom Verein Mäander, die Maria seit ihrem ersten Klinikaufenthalt zur Seite standen. Auch das war ein heftiges Gespräch, das Kind relativ verstockt, ich vor Wut in Tränen aufgelöst. Im Laufe dieses Meetings sprach meine Tochter davon, dass der Gedanke, dass die Welt ohne sie viel besser zurechtkäme, zurückgekehrt sei. Da saßen wir alle mit einem Male senkrecht in den Stühlen. Vor Ort wurde eine Art Vertrag aufgesetzt, in dem sie quasi mit ihrer Unterschrift bestätigte, dass sie sich nichts antun würde. Nur ein Stück Papier, aber vielleicht half es ja. Mit dieser furchtbaren Aussage als „Druckmittel“ gelang es mir dann für den nächsten Tag einen Akuttermin in der psychiatrischen Ambulanz der Klinik zu bekommen, in der sie im vergangenen Jahr so viele Wochen verbracht hatte. Dieses Mal sprachen wir mit einer Psychiaterin, keiner Psychologin. Das kam mir wie ein Glückgriff vor. Nachdem sie sich alles angehört hatte, brachte sie eine medikamentöse Therapie ins Spiel. Ein neues Medikament, dass gerade bei Jugendlichen bessere Erfolge erzielte, als die herkömmlichen. Meine Tochter war damit einverstanden. Mit einer sehr geringen Dosierung wurde begonnen, zuvor klinische Untersuchungen wie EKG, LuFu und Blutwertbestimmung durchgeführt. Die Wirkung sollte in zwei bis sechs Wochen eintreten. Eine gefühlte Ewigkeit tat sich nichts. Zuhause wiederholten wir jeden Morgen das gleiche Ritual. Ich ging zweimal in ihr Zimmer um sie zu wecken, sie ignorierte mich zweimal. Doch mehr Versuche unternahm ich nicht. Auf der einen Seite sollte der Druck ihr gegenüber nicht noch größer werden, denn umso heftiger war bei ihr das Gefühl, wieder versagt zu haben, zum anderen war auch ich langsam am Ende meiner Kraft angekommen. Die Sommerferien waren fast erreicht, mit der Schule stand ich längst in regem Kontakt und war überglücklich, dass sie uns so unterstützten und den Rücken freihielten. Zwar ging das Kind noch nicht wieder in die Schule, aber sie nahm am Elternnachmittag teil, bei dem es um die Klassenfahrt im nächsten Schuljahr ging und war immer noch Teil der Klassen-WhatsApp-Gruppe. Holte sogar ihr Zeugnis selbst in der Schule ab und freute sich wahnsinnig über eine Karte ihrer Lehrer und noch mehr über ein Schulshirt auf dem alle Klassenkameraden unterschrieben hatten, samt Klassenfoto. Wir sahen in diesen kleinen Aktionen einen blauen Streifen am Horizont. Für meine beiden Töchter sollte es in der ersten Woche auf Freizeit nach Ameland gehen. Kurz davor MUSSTE meine Große morgens um sechs aufstehen, weil sie als Teamerin verpflichtet war, beim Beladen des LKWs zu helfen. Ich machte mir wenig Hoffnung, dass das klappen würde, hatte mit den Betreuern schon darüber gesprochen. Also morgens das übliche Ritual: Reingehen, Wecken, Umdrehen, Rausgehen. Ich kam nicht aus dem Zimmer. Sie sprang aus dem Bett und schrie mich an, ob ich nicht endlich aufhören könnte, sie mitten in der Nacht zu wecken. Ich blieb stehen, drehte mich um und lachte schallend, bis mir die Tränen kamen. Reichlich perplex starrte sie mich an. Als ich wieder Luft bekam erklärte ich ihr, dass ich mich noch nie so sehr darüber gefreut hätte, dass sie mich anschreit, wie heute. Endlich eine Reaktion, endliche offen gezeigte GEFÜHLE!

Die Tabletten wirkten und uns standen sechs Wochen relativ entspannte Sommerferien ins Haus. Unsere Hoffnung wuchs …

DIE ACHTERBAHNFAHRT MIT DER ANGST AUF DEM NEBENSITZ …

Der Moment, in dem klar war, dass das Kind in der Klinik bleiben würde, war für uns beide sehr emotional. Bei mir schwankte es zwischen „endlich wird ihr geholfen“ und „wie geht es jetzt nur weiter“. Die Therapeutin hatte sie gefragt, ob sie denn überhaupt damit einverstanden sei, hier zu bleiben. Ihre Antwort lautete ja. Doch als dann der Augenblick kam, in dem sie auf die Station sollte, weinte sie heftig. Angst, Verunsicherung … es schlug so vieles über ihr zusammen. Nach ein paar aufklärenden Gesprächen mit den Betreuern auf der Station gingen wir auf ihr Zimmer und dann musste ich gehen. Es war ein Dienstag, kein regulärer Besuchstag, doch man gestattet mir, abends wieder zu kommen, um ihr Kleidung und was man noch so brauchte, zu bringen. Das Handy wurde ihr abgenommen. Es gab ein Stationstelefon, das jeden Abend für zwei Stunden freigeschaltet wurde und auf dem alle Eltern ihre Kinder dann erreichen konnten. Die Osterferien hatten gerade begonnen. Die ersten Tage durfte ich sie nicht besuchen. An zwei der Osterfeiertage konnte ich sie zur Probe tagsüber nach Hause holen, ging es gut, stand zu einem späteren Zeitpunkt auch einem ganzen Wochenende zu Hause nichts im Weg. Es war nicht verwunderlich, dass sie sich die ersten Tag sehr verlassen und wie sie sagt „seltsam“ dort fühlte. Am dritten Tag nahm sich eine Mitpatienten ihrer an und machte sie mit der Station, den Gepflogenheiten dort und auch den anderen Jugendlichen bekannt. Sie fieberte den abendlichen Telefonaten entgegen, manchmal flossen dann auch Tränen. Während alle direkt nach den Ferien zurück in die Klinikschule gingen, musste sie noch auf der Station bleiben. Die Stunden, die sie dann alleine war, verbrachte sie lesend. In der zweiten Schulwoche ging es auch für sie los. Aufregung, Angst, Unsicherheit begleiteten sie auf dem Weg in die Schule, hatte sie doch monatelang schlechte Erfahrungen gesammelt. Die ersten Tage verbrachte sie abwartend, noch zurückhaltender als sonst, bis sie sicher war, dass es in dieser Schule ganz anders zuging. Der erste Schritt war getan. Nachmittags standen unterschiedliche Therapiestunden auf dem Plan. Von Einzelgesprächen über Gruppenstunden bis hin zu reiner Beschäftigungstherapie, alles, nur nicht alleine grübelnd auf dem Zimmer verbringen. Durch intensive Gespräche, die sich unter anderem um ihre Stärken und Schwächen, Ängste und Nöte drehten, wurde Stück für Stück ihr Selbstbewusstsein und ihr Selbstwertgefühl hervorgelockt. Kleine Aufgaben wie telefonisch Pizza bestellen, gemeinsames Kochen organisieren oder probeweise Bewerbungen schreiben gaben ihr zunehmend Sicherheit, vor allem im Umgang und der Kommunikation mit anderen (fremden) Menschen. Da es in der Schule so gut klappte und sie schnell den versäumten Stoff nachholte, Anerkennung für ihre Leistung erhielt, sank die Angst/Panik davor nach und nach.

Ihre zunehmende Sicherheit zeigte sich für mich auch. Konnte sie am Anfang ihres Klinikaufenthaltes freitags nicht schnell genug nach Hause kommen und sonntags nur mürrisch wieder hingebracht werden, so verzögerte sich bald die Abfahrt am Freitag immer weiter nach hinten, bis wir praktisch vor die Tür gekehrt wurden. Und am liebsten wäre sie am Sonntag schon wieder mittags dort gewesen. Das Telefonieren wurde zum Dauerlachen. Sie freute sich zwar, wenn ich anrief, alberte aber nebenbei mit ihren Freunden rum und hörte nur mit halbem Ohr zu.

Nach den ersten, erfolgreichen Schritten nahm sie mit ihren Therapeuten das nächste Ziel in Angriff. Denn neben der Schulangst quälte sie noch etwas: Sie war unglücklich mit und in ihrem Körper. Schwankend zwischen „ich will lieber ein Junge sein“ und „ich bin ein Mädchen“, unsicher zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlt, war halt manchmal einfach alles falsch. Aber wie sollte sie in diesem Chaos der (hormonellen) Gefühlswelt Sicherheit für sich finden? Mit den Therapeuten diskutierte sie die Möglichkeit einer Hormontherapie. Von ihren Mitpatienten bekam sie handfestere Tipps: einfach mal ein Herrenparfüm oder -Deo ausprobieren, anstatt Mädchenslips doch mal Boxershorts testen. An einem Wochenende gingen wir gemeinsam shoppen. Es tat ihr gut und brachte eine gewisse Ruhe in ihr Chaos. Bis heute hält sie daran fest, Männerkleidung und Düfte gehören nun zu ihrem Alltag. Auch wenn sie für ihre KPOP Jungs schwärmt, so fühlt sie sich doch eher zu Mädchen hingezogen. Die Tatsache, dass sie im Alltag aber besser mit Jungs zurecht kommt, macht das alles nicht gerade einfacher.

Nach vielen Wochen vollstationärem Aufenthalt stand irgendwann die Entscheidung an, dass sie nur noch teilstationär bleiben sollte. Das hieß, morgens hinfahren, die Schule besuchen, nachmittags Therapieangebote und abends nach Hause. Ein Taxi holte und brachte sie. Eines war für sie aber sicher: Auf die alte Schule wollte sie auf keinen Fall mehr. Da sich das Schuljahr langsam seinem Ende entgegenneigte, schlug man uns vor, dass sie an der Klinikschule ihren Hauptschulabschluss machen sollte. Leistungstechnisch war das kein Problem, aber die alte Schule legte uns Steine in den Weg, wo es nur ging. Ehemals auf dem Realschulzweig der Schule, könne sie keinen Hauptschulabschluss machen, hieß es von dort. Viele Telefonate mit dem Schulamt – der Schulamtsleiter und ich hatten sozusagen eine Standleitung – ermöglichten es dann doch. O-Ton Schulamtsleiter: Sind wir doch einfach froh, dass sie einen Abschluss machen kann, wer hätte damit gerechnet. Der kleine Dienstweg machte es möglich und so beendete meine Tochter ihre vorläufige Schullaufbahn mit einem grandiosen Hauptschulabschluss. Ein weiteres positives Ergebnis des Klinikaufenthaltes war es, dass sie sich im klaren darüber geworden war, was sie später einmal machen wollte. Automechatronikerin. Doch ein Hauptschulabschluss würde nicht ausreichen für eine Lehrstelle, dessen waren wir uns ziemlich sicher. Also bewarb sie sich an einer Berufsfachschule mit Metallverarbeitung als Schwerpunkt. Die Bewerbung zu schreiben war das eine, sie abzugeben das andere. Mit zitternden Knien betrat sie die Schule, die Bewerbungsfrist war längst abgelaufen, aber wir probierten unser Glück. Zu ihrem großen Entsetzen befand sich der für ihren Zweig zuständige Jahrgangsstufenleiter im Sekretariat der Schule und schleppte uns gleich zu einem Gespräch in sein Büro. Blass, zitternd, sprachlos saß sie da. Ich machte den Anfang, sie taute in dem Moment auf, wo sie hörte, dass sie wohl das einzige Mädchen in der Klasse sei. Die erste Hürde war also genommen, jetzt konnte sie etwas entspannter in den Urlaub fahren. Die Ferien verliefen gut, von Selbstverletzungen oder schlimmeren Gedanken keine Rede mehr. Sieht man mal von der Tatsache ab, dass sie auf Krücken aus dem Urlaub kam, weil sie sich die Kniescheibe luxiert hatte. Mit eben diesen Krücken bewaffnet musste sie dann auch ihren ersten Schultag antreten. Oh mein Gott, wir fühlten uns beide wie bei der Einschulung in die Grundschule, am liebsten wäre ich mitgegangen zum Händchen halten. Tapfer, wenn auch leichenblass sah ich sie im Gebäude verschwinden. Den ganzen Morgen ließ ich das Handy nicht aus dem Auge. Doch das war völlig unnötig. Besser konnte sie es nicht treffen. Überwältigt von so viel Freundlichkeit der anderen in der Klasse erzählte sie mir mittags ungläubig, dass die Jungs ihr die Tür aufgehalten hatten und ihr sogar den Rucksack tragen wollten. Ich saß da und hätte am liebsten vor Rührung geheult.

Es begannen viele Monate der Ruhe. Wie sich herausstellen sollte eine trügerische Ruhe, denn Angst, Unsicherheit und das schwarze böse Loch fanden ein unerwartetes Schlupfloch zurück in ihre kleine Welt.

 

MOBBING – PSYCHOTERROR FÜR OTTO-NORMAL-VERBRAUCHER

Meine Tochter bat mich, ihre Geschichte aufzuschreiben. Sie hofft, dass der eine oder andere Betroffene darin ein bisschen Hilfe finden kann. Da die Geschichte sehr lang ist, werden es etwa drei Teile.

Was mit „Ausdotzen“ im Kindergarten anfängt, sich durch kleine, aber wachsende Bösartigkeiten in der Grundschule zeigt und oftmals als Gruppenhetze in der weiterführenden Schule zu finden ist, hält als subtil hinterhältiger Psychoterror dann Einzug ins Berufsleben. Sensible Menschen sind oft davon betroffen. Solche, die scheuen, sich zu wehren oder Angst davor haben, es an entsprechender Stelle zu sagen. Klassische Opfermentalität nennt das die Fachpresse. Von den Tätern spricht kaum jemand. Nicht selten bleiben sie unerkannt oder verschont, denn „ist doch gar nicht so schlimm. Stell dich nicht so an!“ ist ein Satz, mit dem Pädagogen, Kollegen, Vorgesetzte und leider auch manche Eltern sich gerne herausreden. Bis es zu spät ist. Es kann Jeden treffen.

Uns hat es getroffen. Meine Tochter war damals 13 Jahre alt, als es anfing. Von Natur aus ruhig, zurückhaltend und schweigsam, vom Erscheinungsbild auffällig, weil immer die Größte in der Klasse, kein typisches Mädchen halt. Robust und doch gleichzeitig hochsensibel, ausgestattet mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und absolut harmoniebedürftig. Hochintelligent, aber zu still, um es anderen auf die Nase zu binden.

Die ersten Anzeichen schob ich auf die Pubertät. Keinen Bock auf Schule, Aufsässigkeit zu Hause, Leistungsabfall. Dazu kam ziemlicher psychischer Druck durch einen hysterischen Vater, der Sorgerechtsstreitigkeiten vor Gericht, Jugendamt und sogar Polizei zerrte – samt Kind.

In der Schule hieß es, nein, alles gut, das vergeht wieder, da müssen alle Eltern mal durch. Na ok, ich hoffte, dass die Große aus dem Gröbsten raus sein würde, wenn die jüngere Tochter nachlegte.

Dann fing das Bauchweh an. Jeden Morgen. Wir stellten das Frühstück um, es nützte nichts. Oft konnte sie erst zur zweiten Stunde in die Schule oder ich musste sie gleich nach Unterrichtsbeginn wieder holen. Der Kinderarzt konnte keine Ursache finden. Kurze Zeit später trudelten die ersten Briefe aus der Schule ein, unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht, fehlende Hausaufgaben. Auf mein intensives Drängen erzählte sie mir dann von den Nickeligkeiten in der Schule. Für die meisten wäre es wahrscheinlich Kinderkram gewesen, aber ich kannte ja meine Tochter. Sie nahm sich das zu Herzen. Ich ging davon aus, dass ein kurzes Gespräch mit der Klassenlehrerin alles wieder ins Reine bringen würde. Doch da hörte ich nur, dass die Klasse doch so sozial sei und sie sich das gar nicht vorstellen könne. Meine Tochter solle mehr auf die Kinder zugehen, sich nicht ausgrenzen, das würde schon wieder. Hm, ok. Es wurde nicht. Mehr Fehlzeiten, mehr Briefe, neue Gespräche. Diesmal in der VIP Runde mit Schulleiter, Jahrgangsstufenleiterin, Elternbeiräten, Klassenlehrerin. Viele kluge Ratschläge, die ich längst probiert hatte, die aber nicht fruchteten. Weitere Talkrunden in denen ich nur hörte, dass die Klasse meiner Tochter die sozialste der ganzen Jahrgangsstufe sei. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken an die anderen. Zwischenzeitlich telefonierte ich mir die Finger wund nach Ansprechpartnern für Hilfe. Jugendamt sagte, ist Sache der Schule. Dort hieß es, das Jugendamt muss einen Begleiter stellen. Schallendes Gelächter im Jugendamt. An der Schule gäbe es doch einen Sozialarbeiter, der solle sich um das Kind kümmern. Klar, der hatte eine halbe Stelle mit ca. 1200 Kindern und wurde aufgrund der zunehmenden Zahl an traumatisierten Flüchtlingskindern ständig abgezogen. Therapieplätze sollte es erst nach Monaten Wartezeit geben, in der Ambulanz einer nahen Kinder-und Jugendpsychiatrie hatten wir immerhin nach zwei Wochen einen Termin. So lange hielt mich die Schulsekretärin irgendwie am Leben, mit der ich fast täglich telefonierte und die half wo immer es ging und gleichzeitig meiner Tochter als Anlaufstelle diente. Ein Hoch auf diese Perle!

Endlich nahte der Termin in der ambulanten Sprechstunde. Ein Anfang. Einmal im Monat zum Gespräch war nicht viel, aber wir hatten den Fuß in der Tür. Auf die Warteliste für die stationäre Aufnahme kam sie auch. Außerdem gab es ein Attest, mit dem sie aufgrund ihrer psychologischen Erkrankung vom Regelunterricht befreit sei, so sie denn nicht daran teilnehmen könne. Gut. Aber irgendwann muss ja das Verpasste nachgeholt werden.

Ihr seelischer Zustand verschlimmert sich immer mehr. Das harmloseste war das Frustfressen. Sie begann sich zu ritzen. Erst die Arme, wenig nur. Dann immer mehr. Die Beine kamen dazu. Danach war sie immer völlig aufgelöst, doch wenigstens sprach sie dann über ihren Kummer. Am liebsten wäre ich in die Schule gerannt und hätte Kinder samt Lehrkörper geschüttelt. Doch von dort kam nur der Rat, wenn das Kind so große Probleme hätte, tja dann solle es doch die Schule wechseln. Klar, Problemkinder wird man gerne los. Vor allem wenn die Eltern etwas renitent sind. Ist nicht gut für die Statistik.

Die Wartezeit auf den ersten Gesprächstermin überbrückten wir mit allen möglichen Untersuchungen, die einwandfrei erwiesen, dass das Krankheitsbild keine klinische Ursache hat, sondern rein Kopf bedingt war. In der Ambulanz erfolgten dann neben den Gesprächen diverse Tests. Unter anderem ein Intelligenztest, der ihr überdurchschnittliche Begabung auf fast allen Gebieten bescheinigte, aber der auch manifestierte, dass sie sozial auf schwachen Beinen stand, nicht ausreichend Selbstvertrauen hatte, dringend für sich ihre Werte definieren müsste und sich nicht für Andere in Not stark macht, sondern ihr Augenmerk auf sich lenken MUSS. In dieser Zeit schrieb sie mir einen herzergreifenden Brief – schreiben war einfach leichter, als reden – in dem sie über ihre Gefühle sprach. Die Tränen schossen mir in die Augen, als ich zu der Stelle kam, an der sie davon erzählte, dass sie am liebsten nicht mehr auf dieser Welt wäre. Ich scannte den Brief ein und schickte ihn an die Psychologin der Ambulanz. Keine Reaktion. Fand ich merkwürdig. Dann kam wieder so ein Test-Tag in der Ambulanz. Die Dame dort schien den richtigen Riecher zu haben, denn sie brachte mein Kind dazu, über den Brief zu reden, während ich mit ihrer Psychologin im Elterngespräch war.

Dann ging es ganz schnell. Eine kurze Absprache unter den Kolleginnen, ein paar Telefonat und das Kind blieb als Notfall gleich da. Stationär. Für Wochen.

Endlich Hilfe! Ein blauer Schimmer am grauen Horizont.

Fotokredit: Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de