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GEMARKUNGSGANG WEITERSTADT – INFOS AM LAUFENDEN KILOMETER

Seit vielen Jahren initiiert die Stadt Weiterstadt im Januar einen Rundgang durch die Gemarkung. Vor einigen Jahren wurde ein Weiterstädter Rundwanderweg ausgezeichnet, der nun als Grundlage für den meist zehn Kilometer langen Gemarkungsgang dient.

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In diesem Jahr waren Start und auch Ziel in Weiterstadts Ortskern am Marktplatz. Bürgermeister Ralf Möller begrüßte rund 250 Bürgerinnen und Bürger, namentlich einige Kommunalpolitiker, bevor sich die Menge in Bewegung setzte, begleitet von der Stadtpolizei und dem Roten Kreuz. Von der Darmstädter Straße ging es rechts ab Richtung B42, die überquert wurde und entlang des Steinbrücker Hofes führte die Strecke zum Gewerbegebiet West.

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Nach etwa einem Drittel der Strecke gab es die erste informative Pause am Regenrückhaltebecken. Darin wurde, um den Platz sinnvoll zu nutzen, eine von acht Solaranlagen errichtet. Von dort aus wird auch mittels Pumpanlagen der Grundwasserspiegel reguliert, also aktives Grundwassermanagement betrieben. Eine ehemalige Pumpanlage der Firma Merck dient heute als Druckerhöhungsanlage, die bei zu hoher Wasserentnahme den Druck in den Leitungen erhöhen kann. Überschüssiges Grundwasser wird generell mittels mehrerer Pumpanlagen entweder in den Westwald gepumpt oder in Gräben im Waldgebiet Triesch, wo es dann versickert. Seit die Firma Merck aufgrund einer Produktionsanlagenumstellung nicht mehr so viel Grundwasser benötigt, stieg der Spiegel in regenreichen Zeiten so sehr an, dass Keller in Teilen von Braunshardt und Weiterstadt nass wurden. Auch hiergegen steuert das Grundwassermanagement aktiv an. Es ist kaum vorstellbar, aber unter dem unscheinbaren Becken befinden sich Anlagen von der Höhe eines Zweifamilienhauses!

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Möller erläuterter bei dieser Pause auch, dass sich hier im Gewerbegebiet West das Letzte der noch freien Gewerbegrundstücke befände. Wenn auch dieses verkauft sei, müsse man überlegen, wo weitere Gewerbegebiete ausgeschrieben werden könnten.

Von besonderem Interesse für die Weiterstädter waren auch seine Erklärungen zur geplanten ICE Neubaustrecke bzw. zu den möglichen Streckenführungen der Verbindungsrouten mit der Bestandsstrecke, die ziemlich genau an der Raststelle des Gemarkungsganges vorbeiführen würde. Scherzhaft meinte Möller, dass ein möglicher Neubau des Stadions des SV 98 Darmstadt, der vor einigen Monaten an dieser Stelle im Gespräch war, die Bahnstreckenführung wohl verhindern könne.

Anschließend machte sich die Wandergruppe weiter auf den Weg in Richtung Darmbach, an dem entlang es dann in Richtung Gehaborner Hof ging.

Hier sorgte die Freiwillige Feuerwehr Weiterstadt für einen kleinen Imbiss. Markus Mager, dessen Familie den Gehaborner Hof von der Stadt Darmstadt erworben hatte, in deren Besitz er ca. 120 Jahre war, gab einen kurzen Abriss über die Geschichte des Hofes, der namentlich erstmalig 1163 als Gut Gebenbrunnen erwähnt wurde. Johann Wolfgang Goethe und Johann Heinrich Merck, dessen Nachkommen den Weltkonzern Merck gründeten, waren wohl die berühmtesten Besucher der großen Hofreite, die im Besitz der Stadt Darmstadt zunehmend verfiel. Der Familie Mager dient sie erst einmal als Außenlager. Für Leben auf dem alten Gehöft sorgen ein Reitverein und ein paar Alpakas, die als Streicheltiere gehalten werden.

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Frisch gestärkt setzte sich der Tross dann quer durch das Waldgebiet Triesch, entlang des gleichnamigen Rückhaltebeckens, Richtung Naturschutzgebiet Löser und Justizvollzugsanstalt (JVA) in Bewegung. Vor den Toren der JVA wurde abermals Halt gemacht. Die JVA erlangte 1993 Berühmtheit, als die 3. Generation der RAF den fast fertiggestellten Neubau durch einen Sprengstoffanschlag so stark beschädigte, dass das damals als Untersuchungshaftanstalt geplante Gefängnis erst vier Jahre später in Betrieb gehen konnte.

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Inzwischen hat sich die JVA zu einem der größten Arbeitgeber in Weiterstadt entwickelt, hier finden 300 Menschen Beschäftigung. Seit 2011 ist es eine Justizvollzugsanstalt für den Vollzug von Freiheitsstrafen ab 24 Monaten für männliche Gefangene. Jüngst kam sie wieder in die Schlagzeilen, als es darum ging, dass hier auch die sogenannte anschließende Sicherheitsverwahrung von Straftätern etabliert werden sollte. Inzwischen ist die JVA ein Gefängnis mit der höchsten Sicherheitsstufe, ein Hochsicherheitsgefängnis. Seit Januar diesen Jahres ist hier auch die gemeinsame Überwachungsstelle der Länder für Träger von sogenannten elektronischen Fußfesseln untergebracht. Deutschlandweit gibt 95 solcher Straftäter, meist schwere Gewalt-oder Sexualstraftäter. In Hessen sind es derzeit zwölf.

Möller machte hier noch einen kleinen Exkurs zu den in Weiterstadt geplanten drei Hundewiesen. Denn zwischen JVA und Kompostierungsanlage wird eine entstehen. Die anderen werden in Braunshardt am Feldweg in Verlängerung der Georgenstraße sowie in Gräfenhausen am Ortseingang in Richtung Wixhausen sein. Sie erhalten eine komplette Umzäunung, so dass Hunde frei laufen gelassen werden können. Für das Sauberhalten sind die Hundehalter selbst verantwortlich. Das Dutzend mitlaufende Vierbeiner schien die Ankündigung schwanzwedelnd zu begrüßen!

Weiter ging es erneut über die B42 Richtung Braunshardter Tännchen und den Sportanlagen des SV 1910 Weiterstadt. Wie versprochen ging der Bürgermeister auch hier noch einmal auf die mögliche Streckenführung der Verbindungsschleife von der Bestandsstrecke zur Neubaustrecke ein. Sehr anschaulich schilderte er die Tatsache, dass es bei einer der Streckenführungen sein könnte, dass diese direkt durch das beliebte Naherholungsgebiet führe und auch den Sportplatz betreffen könne. Da die Strecke ohne Weichen geplant werden müsste, hieße das im Klartext, dass die Gleise für beide Richtungen mittels riesiger Bauwerke in einer Höhe von ca. 15 Metern in die Landschaft eingepasst würden. Er erinnerte an die IG Neubaustrecke, die sich im letzten Jahr gründete und die sich an entsprechender Stelle dafür stark macht, dass Weiterstadt von solchen Maßnahmen verschont bleibt. Möller forderte alle Anwesenden auf, doch Mitglied zu werden. Die Mitgliedschaft ist kostenfrei! Hier geht es zum Mitgliedsantrag

Möller ging an dieser Stelle noch einmal auf die Campus Idee rund um die Albrecht-Dürer-Schule (ADS) ein. Hier könnten die ADS, die Sportanlagen, die Jugendförderung und eine auf dem Gelände der ADS vom Kreis geplante fünfte Grundschule für Weiterstadt ein weitläufiges Zentrum für Kinder und Jugendliche bilden. Geplant ist auch eine zentrale Küche für die Mittagsversorgung aller Weiterstädter Schulen. Der Klein-Gerauer-Weg soll dann zur Sicherheit der Schulkinder zur verkehrsberuhigten Fahrradstraße werden.

Mit all diesen Informationen im Gepäck startete der müde Lindwurm schließlich zur Schlussetappe, die ihr Ziel im Weiterstädter Bürgerzentrum fand. Hier wartete die Feuerwehr mit vielen fleißigen Helfern bereits mit Gulaschsuppe, Nudeln mit Tomatensauce und Getränken auf die Heimkehrer.

Während fleißig gelöffelt wurde, nahm der Bürgermeister die Gelegenheit wahr, um sich bei allen zu bedanken. Außerdem wies er darauf hin, dass in diesem Jahr die  „Tour der Hoffnung“  in Weiterstadt Halt machen würde. Seit mehr als 30 Jahren sammeln hier radelnde Freiwillige, darunter viel Prominenz, Geld für die Unterstützung krebskranker Kinder und deren Eltern.

PEST ODER CHOLERA – ICE ODER STADION

Unsere Stadt, die mitten im Rhein-Main-Ballungsraum liegt, entwickelt sich erfreulich gut. Trotz Lärmfinger des Flughafen Frankfurts, der eine Bebauung in großen Teilen einschränkt, trotz Autobahnen rechts und links, trotz (Groß-)Städten wie Frankfurt oder Darmstadt, bleibt immer noch genug Platz für die Landwirtschaft. Hin und wieder fällt auch noch ein Fleckchen für neu zu erschließende Baugebiete ab, wie erst kürzlich der sogenannte Apfelbaumgarten 2.

Wir können auch über die Größe unserer Gewerbegebiete nicht klagen. Die daraus resultierende Umsatzsteuer gibt uns die Möglichkeit, vieles umzusetzen, zu dem andere Kommunen nicht in der Lage sind.

Casus Knaxus ist, wie in vielen Ballungsgebieten und gut frequentierten Mittelzentren, die Überlastung der Verkehrsadern. Das gilt nicht nur für Straßen, sondern auch für das Schienennetz. A5, A67 und auch die B42 sind ständig überlastet, ausgewichen wird dann auf ortsinterne Straßen, sehr zum Ärger der Anwohner. Im Zuge eines Ausbaus des Schienenetzes im Bundesverkehrswegeplan 2030 ist eine transnationale Verbindung zwischen Genua und Rotterdam geplant. Die Bestandsstrecke Mainz-Aschaffenburg soll an diese Neubaustrecke angebunden werden. Dafür gibt es mehrere Varianten. Des weitern schwebt unser kleiner „großer“ Nachbar gerade auf dem Höhenflug und träumt von einem eigenen ICE-Anschluss. Die kritische Anschlussvariante, gepaart mit dem Neubau einer Güterverkehrstrasse zur Entlastung der Bestandsstrecken, würde Weiterstadt hart treffen. Neben dem erheblich erhöhten Lärmpegel und großer Entwichlungseinschränkungen auf noch freien Flächen, würde das sehr beliebte Naherholungsgebiet „Braunshardter Tännchen“ mit ziemlicher Sicherheit durch den Schienenstrang zerschnitten und damit unbrauchbar für die örtliche Freitzeitgestaltung.

Teil zwei des Höhenfluges ist ein neues Stadion für den Traditionsverein SV Darmstadt 98. Wobei hier die Darmstädter an und für sich nicht allzu viel Schuld trifft. Die meisten Heiner würden wohl lieber ihr alteingesessenes Bölle behalten, es sei denn, sie wohnen direkt nebenan. Doch der DFB macht einen Stadionneubau zur Auflage für die Lizenz, egal ob in der 1. oder in der 2. Liga. Seit Monaten gibt es Spekulationen über den geplanten Standort des neuen Stadions für die Lilien. Inzwischen hat die Stadt Darmstadt zusammen mit dem SV98 vier Standorte in und um Darmstadt ausgemacht, die in  Frage kämen. Wie man in gut informierten Kreisen unter der Hand munkelt, gehört der Weiterstädter Standort zu den Favoriten. Welcher grüne Darmstädter Bürgermeister, der in diesem Jahr wieder gewählt werden möchte, würde auch zwei Standorte favorisieren, für die hektarweise Wald abgeholzt werden muss. Fakt ist, dass das Areal, welches für den Stadionneubau auserkoren ist, fast vollständig im Besitz der Stadt Darmstadt ist, sich aber auf Weiterstädter Gemarkung befindet. Heißt im Klartext, dass ohne die Erlaubnis Weiterstadts dort keine Bagger rollen würden. Fakt ist weiterhin, dass weder die Stadt Darmstadt, noch der SV98 eine offizielle Anfrage an den Weiterstädter Bürgermeister gestellt hat. Fakt ist auch, dass unser Bürgermeister prophylaktisch mehrere Bedingungen daran geknüpft hat, auch nur darüber nachzudenken, ob so ein Riesenbau auf diesem Gelände errichtet werden kann. Und letzter Fakt ist, dass dieser Eventuell-Stadionneubau sich nahezu genau dort befindet, wo die neuen Bahntrassen geplanter Weise entlanglaufen sollen.

Wenn ich mich jetzt als Weiterstädterin zwischen Pest oder Cholera entscheiden müsste, also zwischen Bahntrasse und Stadion … ich würde nicht lange überlegen. Als Lilienfan, Selten-Bahnfahrerin und Anwohnerin des am meisten betroffenen Stadtteils Weiterstadt wäre ich definitiv für ein Stadion. Natürlich bringt auch ein Stadion mehr Verkehr und Lärm und vielleicht auch Dreck von durchwandernden Fan. Aber mal ehrlich, Lärm haben wir sowieso schon von der A5, der Verkehr ist an den meisten Samstagen und an Stoßzeiten eh schon heftig … und Straßen können nicht voller als voll sein. Und Dreck, na ja, die Kunden des nahen Einkaufszentrum meiden auch jetzt schon die Benutzung öffentlicher Mülleimer und präferieren die Abfallentsorgung auf Bürgersteigen oder Grünstreifen. Das ganz große ABER sind jedoch die Bedingungen, die der Weiterstädter Bürgermeister gestellt hat: Für etwaige Überlegungen einer eventuellen Genehmigung für den Stadionneubau muss es Garantien geben: Eine separate Autobahnabfahrt für das Stadion gibt (eine Zuführung der Fans über die B42 kommt nicht in Frage). Der Lärmschutz muss von ausgezeichneter Qualität sein. Die Infrastruktur rund um das Stadion wird komplett ausgebaut. Es gibt eine neue Straßenbahnlinie vom Darmstädter Bahnhof zum Stadion. Im Klartext heißt das, dass irgendjemand mindestens 60 Millionen Euro in die Hand nehmen muss, bevor die Stadt Weiterstadt darüber nachdenkt. Klingt nicht sehr wahrscheinlich, oder? Außerdem bezweifel ich, dass die Darmstädter so naiv sein werden, einen solchen Wirtschaftsfaktor auf unserer Gemarkung zu platzieren, dafür eine Menge Geld hinblättern und dann zusehen müssen, wie wir von der Gewerbesteuer profitieren. Hadert man doch bei den Nachbarn schon mit dem Einkaufzentrum in unserem Stadtteil. Sollte, allen Einwänden zum Trotz , Darmstadt doch um die benötigte Genehmigung bei uns ersuchen … seien wir doch mal ehrlich! Profitieren wir nicht auch in hohem Maße von dem Neubau? Die Infrastruktur in ein eventuell noch zu erschließendes Gewerbegebiet würde komplett auf Kosten anderer ausgebaut. Die Straßenbahnanbindung, die von einigen Weiterstädtern schon seit Jahren gewünscht wird, gäbe es umsonst. Die Fans, die alle vierzehn Tage zu den Heimspielen kämen, würden vielleicht auch das vor sich hindümpelnde  Einkaufszentrum mit vielen Leerständen und andere Einzelhandelsbetriebe im Dunstkreis des Stadions einen positiven Kick geben. Es gäbe mit Sicherheit auch das Stadion begleitende Gewerbeansiedlungen.

Also: PEST ODER CHOLERA … was hättet ihr lieber?

Das ich nicht ganz alleine mit meinen Gedanken zum Stadionneubau bin, könnt ihr auch hier nachlesen : boellen-weiterstadt