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DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (18)

Jana nahm nun schon eine Weile die Hormone. Man kann sich das in etwas so vorstellen, dass sie jetzt in eine Art Pubertät kam. Alles, was die Biofrau von klein auf mitmacht und lernt, musste Jana nun als Erwachsene erleben. Nach und nach legte sie das männliche Gehabe ab. Innerlich auf weiblich gestimmt, wurde sie ganz sanft und sehr emotional. Das hatte zur Folge, dass sie sehr nah am Wasser baute und die Tränen schon mal flossen, wenn es niedliche Tierfilme im Fernsehen gab. Auch ihre Haare hatten inzwischen eine akzeptable weibliche Länge angenommen. Gingen wir nun zum Beispiel shoppen, dann sah man den unvoreingenommenen Betrachtern an, dass gedanklich ihre Kugel in Richtung „da kommen zwei Frauen“ viel. Das machte es für uns natürlich entspannter.

Endlich war auch der Zeitpunkt gekommen, vor Gericht den Antrag auf Vornamen-und Personenstandsänderung zu stellen. Dazu musste sie zwei Gutachten einreichen. Es gab die Möglichkeit, dass sie entweder zwei Psychologen vorschlug, was inzwischen immer öfters vom Gericht anerkannt wurde, oder aber das Gericht bestimmte die Gutachter. Ihr erster Vorschlag wurde sofort anerkannt, den zweiten wollte das Gericht erst noch prüfen. Zum Glück kam aber auch dieser dann durch. Leider muss man diese Gutachten selbst zahlen, dafür kommt weder die Krankenkasse auf, noch greift hier der Hilfsfond von Amts wegen.

Den zweiten Psychologen fand Jana damals über eine Selbsthilfegruppe, er war ihr also fremd. Obwohl ich nicht wusste, ob ich mit hinein durfte, fuhr ich mit dorthin. Zu meiner Überraschung fand der Psychologe es toll, dass ich dabei war. Schließlich gehöre ich ja dazu, meinte er. Aus dem angesetzten 2-Stungen-Termin wurden dann ohne viel Mühe vier Stunden. Auch mir wurden Fragen gestellt, aber der sympathische Herr erzählte auch viel von sich, so dass die Zeit wie im Flug verging.

Zu Janas großer Erleichterung hat das Gericht beide Gutachten anerkannt und setzte den Termin für Ende Oktober fest. Was für sie ein wahrer Freudentag war, ließ mich mal wieder in ein Loch fallen. Ich war depressiv ohne Ende, denn mit diesem förmlichen Akt war Janas Entscheidung endgültig und nur schwer rückgängig zu machen. Und obwohl es nur um einen neuen Ausweis ging – ich sprach sie ja schon lange mit Jana an – traf es mich hart. Jana hingegen machte sich extra fein mit neuem Kleid und Schuhen. Nach dem Gerichtstermin kam sie freudestrahlend nach Hause, zog, wie bei uns üblich, die Schuhe vor der Tür aus und stürmte in die Wohnung, Lebensfreude pur. Und mir fiel nichts Besseres ein, als ihr an den Kopf zu werfen, wie gut es doch sei, dass sie die Schuhe jetzt ausgezogen hätte, das alles sei mir jetzt doch irgendwie zu weiblich! Kaum waren die Worte aus meinem Mund gepoltert, tat es mir unendlich leid, wusste ich doch genau, wie sehr ich Jana damit verletzte.

Das Urteil wurde Jana mit der Post zugestellt. Normalerweise hätte sie 14 Tage warten müssen, bis es rechtskräftig ist, da so lange die Einspruchsfrist währt. Aber sie war so ungeduldig, dass sie gleich losstürmte und sämtliche Behördengänge anging. Es musste ja nun alles geändert werden, vom Personalausweis angefangen, über sämtliche Karten, Versicherungen usw. Der Mann „Matthias“ hörte praktisch auf zu existieren und den gab es jetzt auch nicht mehr. Selbst die Geburtsurkunde wurde entsprechend geändert und im Geburtsregister gab es einen Vermerkt, der aber unter Verschluss steht. Lediglich in den Geburtsurkunden der Kinder blieb der Name Matthias stehen. Das Anrecht der Kinder steht über dem Recht der Person.

Man stelle sich vor, bis 2011 mussten Ehen, in denen ein Partner eine Geschlechtsangleichung vornahm, geschieden werden. Aber ein Präzedenzfall, der bis zum Bundesgerichtshof ging, brachte auch dort Klärung. Die Gesetzgebung wurde geändert. Heute leben wir als gleichgeschlechtliches Ehepaar, mit allen Rechten und Vergünstigungen, die wir auch vorher hatten. Im Gegensatz zu den anderen homosexuellen, eingetragenen Lebenspartnerschaften, die ja in vielerlei Hinsicht noch jede Menge Hürden zu überwinden haben.

Zum Schluss dieses Teils möchte ich noch einmal kurz auf die Katholische Kirche eingehen. Ich hatte ja schon erzählt, dass uns unser Gemeindepfarrer herzlich behandelt hatte und mit Janas Entscheidung keinerlei Probleme hatte. Im Allgemeinen steht die Katholische Kirche ja oft in der Kritik bezüglich ihres Umgangs mit Lebensgemeinschaften jenseits der „normalen“ Ehe, dem Umgang mit Verhütung und ähnlichen Dingen. Doch in einem Fall wie dem unseren sagt das Bischöfliche Amt, dass eine Person nach einer Geschlechtsangleichung tatsächlich noch fast alle Sakramente empfangen darf. Ausgeschlossen sind lediglich die Priesterweihe und das Sakrament der Ehe. Denn in der Ehe sieht die Katholische Kirche tatsächlich die Institution, die dazu da ist, gemeinsam Kinder zu zeugen und im Katholischen Glauben zu erziehen.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (17)

In diese Krankenhauszeit fiel auch das letzte der offiziellen Outings. Fred, der eine katholische Schule in der Nachbarschaft besuchte, hatte ja bis jetzt darum gebeten, in der Schule nichts von Janas Veränderungen zu erzählen. Jetzt wollte sich Gustav, unser Kleiner, auch an dieser Schule bewerben und so kamen wir nicht mehr darum herum, auch dort reinen Wein einzuschenken. Bis auf ein paar engere Freunde von Fred wusste noch niemand Bescheid. An einem Tag der offenen Tür suchten wir das Gespräch mit der Schulpsychologin. Wir baten sie darum, den Direktor darauf vorzubereiten, dass wir neben dem üblichen Bewerbungsgespräch noch ein weiteres Anliegen auf dem Herzen hätten. Als es dann zu diesem Gespräch mit dem Schulleiter kam, haben wir ihn vorsichtig davon in Kenntnis gesetzt, dass sich an unserer Familiensituation in absehbarer Zeit etwas sehr Gravierendes verändern würde. Wir schenkten ihm komplett reinen Wein ein und er zeigte sich sehr beeindruckt, wie offen wir mit diesem Thema umgingen. Und als wir andeuteten, dass wir das Outing in Freds Klasse gerne anlässlich eines Elternabends machen würden, war er begeistert. Er sagte von sich aus, dass er gerne die Lehrerschaft im Vorfeld darüber informieren würde. Ich war sehr überrascht, dass es gerade an einer katholischen Schule so komplikationslos vonstatten ging, war ich doch klare Ablehnung von Seiten des Rektors der Grundschule gewohnt. Als ich ihm davon erzählte, war er schier entsetzt.

Als der erwähnte Elternabend nahte, erfuhren wir, dass Fred auch noch eine neue Klassenlehrerin bekommen würde, ein ganz junge Frau. Sie rief uns im Vorfeld an und wir unterhielten uns sehr intensiv. Sie schlug vor, die Eltern zwar an diesem Abend über die Veränderungen zu informieren, sie aber gleichzeitig zu bitten, den Kindern noch nichts zu sagen. Das sollten wir als Paar vor der Klasse machen. Leider war Jana noch in der Hautklinik, als der Elternabend stattfand. Also musste ich da alleine durch und ich hatte ganz schön Muffensausen. Mein Anliegen wurde als letzter Tagesordnungspunkt behandelt. Es waren tatsächlich alle Kinder mit mindestens einem Elternteil vertreten. Also fing ich an zu erzählen. Bis zum Schluss herrschte Mucksmäuschenstille. Als ich fertig war, war ich schweißgebadet. Was dann kam, verschlug mir den Atem. Die Eltern standen auf und applaudierten mir! Nicht eine einzige negative Bemerkung kam auf, im Gegenteil, alle Eltern waren damit einverstanden, dass Jana und ich die Kinder in einer eigenen Unterrichtsstunde über alles informieren sollten.

Es wurde eine Extranachmittagsstunde angesetzt. Im Normalfall hieß das für die Schüler, dass sie irgendwas angestellt hatten und sich nun einen Rüffel abholen mussten. Entsprechend demotiviert kamen sie auch in den Klassenraum, sie wussten ja nicht worum es tatsächlich ging. Jana war zwischenzeitlich aus der Klinik entlassen worden und übernahm diesmal das Reden selbst. Etwas zögerlich am Anfang, doch dann immer freier, erzählte sie alles, von dem Wunsch, der Hormontherapie, der bevorstehenden Operation. Aber auch von den Ängsten, die Fred hatte, Angst vor Mobbing und Ausgrenzung. Dann durften die Kinder Fragen stellen. Jana sagte ihnen, sie sollten keine Scheu haben, sondern von der Seele weg fragen. Die erste Frage wurde erstaunlicher Weise mir gestellt. Ein Schüler fragte doch tatsächlich mich, wie es mir in dieser Situation denn so ginge. Das war ich von Erwachsenen gewohnt, nicht aber von Kinder bzw. Jugendlichen. Ich war ehrlich in meiner Antwort, sagte, dass das Alles für mich auch nicht einfach sei, dass ich mir mein Leben natürlich anders vorgestellt hatte, dass wir es aber gemeinsam versuchen wollten. Es gab auch Fragen zur Hormontherapie, wie sie wirkt und zur anstehenden Operation. Jana ließ keine unbeantwortet.

Im Anschluss an diese Stunde beruhigten alle Mitschüler Fred hinsichtlich seiner Ängste. Ihr Verhalten ihm gegenüber würde sich nicht verändern. Das kam von Herzen und ist auch bis heute so. Möge sich mancher Erwachsene davon eine Scheibe abschneiden.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (16)

Ich habe ja schon von Janas Neurodermitis und ihren Krankenhausaufenthalten erzählt. Trotz der jetzt laufenden Hormontherapie litt sie nach wie vor an solchen Attacken. An einem Wochenende stand sie dann mal wieder völlig verzweifelt vor mir, zeigte mir ihre blutigen Beine und da stand fest, wir kamen um einen Besuch in der Notaufnahme nicht mehr vorbei. Wer schon einmal in der Notaufnahme, bzw. beim notärztlichen Dienst am Klinikum war, der weiß, dass es dort selten genau den Facharzt gibt, den die jeweilige Erkrankung erfordern würde. Als dann der junge Mann in Jogginghose und ausgeleiertem Shirt vor uns stand, wäre nicht nur Jana am liebsten wieder rückwärts raus, sondern ich auch. Er warf einen Blick auf die zerschundenen Beine und meinte: „Das haben Sie aber auch nicht erst seit gestern.“ Da mussten wir ihm wohl Recht geben. Er wusste noch nichts von Janas Transsexualität, wir erzählten ihm lediglich von der jahrelangen Kortisonbehandlung und den Ausbrüchen der letzten Monate. Wider Erwarten schien er nicht ganz ahnungslos, jedenfalls war er sich sehr schnell sicher, dass es sich dabei nicht um eine reine Neurodermitis handele, sondern diese gepaart sei mit psychischen Problemen. Auch hier konnten wir ihm  nicht widersprechen. Er riet dringend zu einer erneuten Vorstellung in der Hautklinik mit begleitender psychologischer Behandlung. Also hieß es Montagmorgen auf in die Hautklinik, wohl wissend dass Jana dort bleiben musste, was aufgrund ihrer sehr schlechten Erfahrungen bezüglich der Unterbringung in einem Männerzimmer, obwohl ihr ein Einzelzimmer versprochen wurde, wohl kaum umsetzbar war.

Wir schlugen also in der Hautklinik auf, hatten eine sehr einfühlsame Ärztin im Aufnahmegespräch. Trotzdem entschieden wir uns erst mal nichts von Janas Transsexualität zu sagen. Als Jana dann einmal aus dem Zimmer gehen musste, fragte mich die Ärztin, was denn los sei. Ich brach in Tränen aus, konnte einfach nicht mehr. Und erzählte ihr von der Transsexualität meiner Frau, von den schlechten Erfahrungen, die wir in genau dieser Klinik gemacht haben. Ich nahm kein Blatt vor den Mund und sagte klar, dass es natürlich besser für Jana sei, hier im Krankenhaus zu bleiben, dass sie es aber psychisch nicht verkraften würde, wieder in einem Männerzimmer untergebracht zu werden. Die Hormone hatten Wirkung gezeigt, auch äußerlich. Sie hatte Brüste entwickelt, wurde im Ganzen ein bisschen runder, weicher, die Gesichtszüge etwas entspannter, nicht mehr so markant. Die Ärztin fiel aus allen Wolken und organisierte sofort ein Einzelzimmer für Jana und dazu die Möglichkeit, mit dem Klinikpsychologen Gespräche zu führen. Außerdem ordnete sie eine Therapieumstellung für die Haut an. Das Kortison wurde nach und nach reduziert, dafür gab es andere Medikamente, die die Hautstruktur nicht zusätzlich belasteten. Jana blieb eine längere Zeit in der Klinik. Wir sahen endlich – zumindest was die Haut betraf – ein Licht am Ende des Tunnels. Noch in der Klinik trat eine deutliche Verbesserung der Haut ein  und zu Hause setzte sich der Erfolg fort.

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (14)

Die lange Zeit des Wartens hatte endlich ein Ende. Nach zähem Kampf, unter anderem mit Janas Therapeuten, bekam sie die Zusage zur Hormontherapie. Man sah die Indikation als gegeben. Damit hatten wir den sogenannten Alltagstest, der für alle Betroffenen und Angehörigen der reinste Horror ist, erst einmal hinter uns.

Um diesen Horror mal deutlich zu machen, erkläre ich den Begriff „Alltagstest“ kurz: Der Gesetzgeber sieht vor, dass die Betroffenen ein Jahr lang ihr gewünschtes Geschlecht leben, sowohl privat als auch beruflich. Das heißt, ohne Hormone und ohne gesellschaftliche Rechte. Sie befinden sich also rechtlich und körperlich noch im ursprünglichen Geschlecht. Damit ist dann auch verbunden, wie in Janas Fall, dass sie nicht die Damentoilette benutzen durfte, obwohl sie Damenkleidung trug. Auch im Schwimmbad sind Damenumkleiden und Duschen tabu. Da blieb nur die Herrenumkleide oder der Verzicht auf das Schwimmbad.

Mit Sicherheit war dieser Alltagstest-Stress auch ein Grund, warum Janas Neurodermitis von Tag zu Tag schlimmer wurde. Ich musste jeden Tag das Bett frisch geziehen, weil sie sich blutig gekratzt hatte, wo immer sie auch dran kam. Zu allem Überfluss setzte sich auf die offenen Wunden noch eine Infektion, so dass sie um einen Krankenhausaufenthalt nicht herum kam. Der Haken daran war, dass sie in ein Männerzimmer einquartiert werden sollte, womit sie absolut nicht einverstanden war. Nur mit Hilfe eines Deals konnten das Klinikpersonal und ich sie überzeugen zu bleiben. Ausgemacht wurde, dass sie, sobald ein Einzelzimmer frei würde, dort hinein verlegt würde und sie als Frau in den Klinikakten geführt würde. Etwas entspannter ging es bei einem weiteren Klinikaufenthalt, diesmal in Mainz, zu. Hier gab es sofort Einzelzimmer und die Akzeptanz, eine Frau zu sein.

Die grundsätzliche Situation änderte sich für Jana ins Positive, als dann nach der Bewilligung für die Hormontherapie tatsächlich auch mit der Behandlung angefangen wurde. Hier wird unterschieden zwischen dem sogenannten sanften Weg, wo der Betroffenen lediglich Östrogene erhält, aber keine Testosteronblocker und dem harten Weg, sprich Östrogene und Testosteronblocker. Jana wählte zunächst den sanften Weg, die Dosis der Östrogene war auch noch sehr gering und trotzdem tat es ihr unendlich gut. Sie beschrieb es mit den Worten „mein Kopf wird auf einmal so frei“. Und tatsächlich wirkte sie wie ausgewechselt. Anfangs hielt ich das alles für reine Einbildung und fragte mich, warum sie nicht schon längst ihre sanfte Natur gezeigt hatte. Doch wie sehr ich da fehl lag und welche Wirkung die Hormone tatsächlich auf Jana hatten, verstand ich erst bei der ersten Kontrolluntersuchung. Hier stellte die behandelnde Ärztin einen zu hohen Östrogengehalt fest und setzte die eh schon sehr geringe Dosis noch weiter herab. Die Folgen waren Jana sehr schnell anzumerken, sie wurde wieder launisch, fühlte sich unzufrieden, ja irgendwie unfertig. Die Wochen bis zum nächsten Termin zogen sich in die Länge. Auf mein Drängen kontaktierte Jane schließlich die Ärztin, denn wir konnten nicht ausschließen, dass hier eine Fehlmessung vorlag. Das Östrogen wird als Salbe auf die Arme aufgetragen und genau dort wurde ja auch die Blutentnahme gemacht. Der vorgezogene Kontrolltermin bewies dann auch, dass ihre Hormonwerte absolut in den Keller gefallen waren. Die Dosis wurde angepasst und Besserung ließ nicht lange auf sich warten.

To be continued …

 

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (6)

Der Damenjeanskauf war für Matthias für kurze Zeit ein Teilerfolg. Doch die vermeintliche zeitliche Verzögerung durch den Neubeginn der Therapie sowie die Tatsache, dass er – im Kopf schon total auf Frau gepolt – erhebliche Selbstzweifel an der Verwandlung seines Äußeren hatte, ließ uns alle auf einem Pulverfass sitzen. Wie kurz die Lunte tatsächlich war, sollte sich bald zeigen.

Immer wieder stellte sich mein Mann die Frage, wie er wohl als Frau aussehen würde, wie die Welt da draußen IHN als SIE wohl wahrnehmen würde. Seine sportliche Figur, die markanten Gesichtszüge, die Aknenarben, die raspelkurzen Haare, all das war Futter für seine Selbstzweifel und trieb ihn zusehends in die Verzweiflung. Er litt unter der Angst, dass es vielleicht nie so werden würde, wie er es sich vorstellte, war er doch Perfektionist durch und durch. Die oft so hilfreichen Foren bewirkten diesmal eher das Gegenteil, denn dort wimmelte es nur so von Bildern junger Männer, die mit wenigen Handgriffen zu einer sehr aparten Frau wurden. Ich bat Matthias eindringlich, doch die Messlatte für sich nicht so hoch zu hängen, aber wirklich Erfolg hatte ich damit nicht. Seine Verzweiflung und damit auch seine Gereiztheit nahmen immer mehr zu. Wir befanden uns emotional gesehen, wieder auf ganz dünnem Eis. Streitigkeiten und Geschrei waren ständig an der Tagesordnung. Das blieb auch von den Kindern nicht unentdeckt, auch wenn sie die Ursache für unsere lautstarken Wortgefechte nicht kannten.

Ich brauchte dringend Schützenhilfe, um ihm den Rücken zu stärken. Deshalb weite ich, natürlich nach Absprache mit Matthias unseren Frisör ein. Denn eines seiner derzeitigen Hauptprobleme war die Tatsache, dass Haare nun mal höchstens einen Zentimeter im Monat wachsen. Eine elend lange Zeit, spielt MANN in Gedanken doch schon mit einer Fönfrisur für FRAU. Die Antwort vom Frisör war eigentlich vorhersehbar: „Wunder kann ich keine vollbringen, doch es gibt inzwischen sehr gute Perücken!“. Dafür überraschte mich die Antwort meines Mannes umso mehr: „Was ich nicht selber schaffe, will ich auch nicht!“. Sorry, Schatz, dachte ich, was soll die Trotzerei, du widersprichst dir gerade selber. Denn von alleine wirst du auch nicht zur Frau! Meine Gedanken behielt ich natürlich für mich. Also versuchte ich die Kuh irgendwie anders vom Eis zu bekommen. Da unsere letzte Shoppingtour bezüglich der Damenjeans ja von Erfolg gekrönt war, nahmen wir wieder mal die Damenabteilung eines Bekleidungsgeschäftes näher in Augenschein. Matthias schwebte etwas vor, das er im Alltag tragen konnte, ohne dass es sofort Jedermann auffiel. Ein  Polohemd schien die richtige Wahl zu sein. Hier unterschieden sich die Modelle lediglich in der Art und Weise, wie sie geknöpft wurden. Es tat ihm sichtlich gut, die einzelnen Stücke aus dem Regal für Damenbekleidung zu ziehen und sie lange und fachkundig zu betrachten, bis er sich schließlich für das Exemplar seiner Wahl entscheiden konnte.

So gestärkt, gingen wir den nächsten Schritt an. Der hieß erste Schminkversuche. Es entpuppte sich als wahre Herausforderung, denn zu seinen zahlreichen Aknenarben kam ja schließlich noch der sehr typische Bartschatten, der trotz regelmäßiger Rasur schneller wieder auftauchte, als er es sich wünschte. Mit normalem Makeup kam er  da nicht weit, das hatten zaghafte Versuche bereits gezeigt. So besuchten wir ein weiteres Mal die örtliche Shopping Mall, in der es auch eine Filiale einer namhaften Kosmetikkette gab. Die Dame, die sich unser annahm, erschien auch keineswegs irritiert, als mein Mann seinen Wunsch nach einer Makeupberatung äußerte, den Aknenarben sei Dank. Wir erzählten noch etwas von einem anstehenden Theaterstück und schon machte sie sich auf die Suche nach dem passenden Produkt. Wie gesagt, normales Makeup scheiterte und so empfahl sie uns eine Camouflagecrème, die ihren Beitrag zu Matthias schrittweiser Verwandlung zur Frau leisten sollte.

Wieder Zuhause angekommen, testete er das neue Produkt gleich. Doch egal wie dick er es auch auftrug, das helle Licht im Badezimmer war unbarmherzig und zeigte nach wie vor diese verhassten dunklen Flecken auf Wangen und Kinn. Die ersehnte Frau im Spiegel tauchte einfach nicht zu seiner Zufriedenheit auf. Sie versteckte sich weiterhin in seinem Inneren. Der Druck, den er sich zu 100 Prozent selbst aufbaute, wurde immer stärker. Sein Perfektionismus und die Eile, mit der er endlich ans Ziel kommen wollte, ließen ihn immens unter Dampf stehen. Das übertrug sich natürlich auch auf mich. Seine Verzweiflung wuchs und brauchte ein Ventil. Und so kam es, wie bereits Wochen davor, in unserer Küche zum Zusammenbruch. Völlig aufgelöst stand er vor mir und schluchzte:“ Das wird nie was, ich werde nie eine richtige Frau!“. Erneut konnte er nur noch zitternd, bebend und weinend am Kühlschrank herunterrutschen und kauerte wie ein getretener Hund auf dem Fußboden. Unfähig sich zu beruhigen, steigerte er sich in eine Hysterie hinein, die mir das ganze Ausmaß meiner Hilflosigkeit vor Augen führte. Was konnte ich denn anderes machen, als mich neben ihn zu setzen, ihn in den Arm nehmen, festhalten. Zu allem Überfluss erschienen auf einmal zwei völlig verstörte Kindergesichter im Türrahmen. Das Entsetzen war ihnen deutlich anzusehen, so hatten sie ihren Vater noch nie erlebt. Es gelang mir, sie hinaus zu schicken. Erklärungen gab es keine, die mussten warten.

In diesem Moment wurde mir absolut klar, dass es jetzt an mir war, eine endgültige Entscheidung zu fällen, die da hieß Trennung oder Mitgehen. Ich kam aus dieser Nummer nicht mehr raus, denn er würde den ganzen Weg gehen, ob mit mir oder ohne mich. Selbst wenn ich gehen sollte, würde ich, würden die Kinder, doch mit seiner Entscheidung leben müssen.

To be continued ….

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (5)

Mein Mann und ich hatten es aus unterschiedlichen Gründen vorgezogen, unseren gemeinsamen Therapeuten zu verlassen. Ich wendete mich diesmal an eine Dame. In der ersten Stunde ging sie gleich aufs Ganze und fragte mich, warum ich Angst vor einer Trennung hätte, ob es finanzielle Sorgen wären. Ich bekam eine Hausaufgabe auf. Sie bestand darin, mich schlau zu machen, wo ich gegebenenfalls finanzielle Unterstützung bei einer Trennung erhalten könnte und für mich abzuklären, ob ich mit all dem, was dann unter dem Strich zur Verfügung stehen würde, meine beiden Kinder und mich über die Runden bringen könnte. Also recherchierte ich, frage nach, machte mich schlau. Das Ergebnis lautet: Ja, wir würden es schaffen, es würde eng, aber ja, es ginge. Im Verlauf dieser Hausaufgabe wurde mir aber noch etwas klar: egal ob ich mit den Kindern gehen konnte oder nicht, ich WOLLTE nicht! Was ich brauchte, war Hilfestellung dabei, aus der momentanen Situation eine für mich Lebbare zu machen. Eine die mich nicht kaputt machte. Das war wohl der Moment, in dem ich mich zum ersten Mal, seit Beginn dieses – sagen wir mal – Dilemmas, voll auf mich konzentrierte. Ein komplett neues Gefühl, aber nicht schlecht, fand ich jedenfalls.

Auch Matthias wandte sich an einen anderen Therapeuten, den er in einem der von ihm genutzten Foren fand und bei dem er wieder erstaunlich schnell einen Termin bekam. Er ging davon aus, dass der Neue da weitermachte, wo der Alte aufgehört hatte, doch da lag er falsch. Das ging ihm natürlich nicht schnell genug, wollte er doch endlich mit der ersehnten Hormonbehandlung anfangen. Entsprechend Druck baute er auf, nicht nur bei der Therapie sondern auch bei mir. Während ich in meinen Foren noch mit anderen Betroffenen darüber diskutierte, ob es nicht doch eine Kompromisslösung geben könnte, war er schon meilenweit entfernt von allem Anderen als der „Komplettlösung“. Er rannte mir einfach davon, dachte ich immer öfter, und ich kam nicht hinterher, mir ging die Puste aus. Irgendwann bekam er das dann auch mal zu hören. Allerdings nicht von mir, sondern in einer Diskussionsrunde in einem von uns beiden genutzten Forum. Da hieß es klipp und klar, er solle das Tempo rausnehmen, weil er so seine Frau nicht mitnehmen würde. Große Hoffnung, dass es Wirkung zeigen würde, machte ich mir nicht.

Neben all den emotionalen und geistigen Problemen, die wir in dieser Zeit so wälzten, gab es aber auch noch ganz bodenständige. Zum Beispiel das der passenden, alltagstauglichen Damenbekleidung für Matthias. Wir nahmen uns vor, zum wiederholten Male seinen innigen Wunsch nach einer Damenjeans anzugehen. Im örtlichen Einkaufszentrum gab es einen kleinen, nicht gerade preiswerten, dafür aber gut sortierten Jeansladen. Den beglückten wir. Da standen wir also in dem engen Shop und als eine junge Verkäuferin, so Anfang 20, auf uns zukam, sagte ich mein Sprüchlein auf: „Wir hätten gerne eine Damenjeans für meinen Mann.“ Sollte die junge Dame irritiert gewesen sein, so überspielte sie es gut. Souverän fragte sie nach seiner Konfektionsgröße. Die Herrengröße konnte ich ihr natürlich nennen, aber was das für eine Damengröße sein könnte, wusste ich nicht. Die Angestellte schien ihr Handwerk zu verstehen. Denn bereits kurz nachdem ich Matthias in der Umkleide geparkt hatte, schleppte sie Hose um Hose herbei. Nach ca. einem halben Dutzend vergeblicher Versuche kam mein Mann schließlich Freude strahlend hinter dem Vorhang hervor und verkündete, diese passe wie angegossen. Ein Blick auf das Preisschild ließ mir kurzfristig das Blut in den Adern gefrieren, doch was soll´s dachte ich. Endlich Erfolg gehabt! Ich hatte schon das Portemonnaie in der Hand, als mein Blick auf einen Angebotstisch mit wesentlich preiswerteren Hosen in der Nähe der Kasse fiel. Ich frage die Verkäuferin, was es denn mit diesen auf sich hätte. Sie schaute mich entgeistert an und meinte, dass seien doch DAMENJEANS! „Ja gute Frau“, hob ich an, „genau das wollten wir doch. Was hat er denn jetzt für eine?“  „Eine HERRENJEANS natürlich!“, kam es pikiert zurück. Während wohl alle Beteiligten noch mit den Augen rollten, trollte sich Matthias wieder in sein kleines Verlies und harrte der Hosen, die da kommen sollten. Wie durch ein Wunder war mein Mann auch hier erfolgreich. Und zum großen Verdruss der Verkaufskraft passte ihm sogar in eine Kleidergröße kleiner als ihr selbst. Derweil sie wohl noch mit ihrem Schicksal haderte, zogen wir beide Freude strahlend davon. War schon ein skurriles Gefühl, öffentlich in einem Geschäft eine FRAUENjeans für meinen MANN gekauft zu haben. Unsere Freude über diesen Erfolg währte aber nur kurze Zeit. Etwa eine Woche später rief mich eine von meinen eingeweihten Freundinnen an und erzählte, wir stünden in der Zeitung. Ich verstand nicht genau, was sie meinte. Dann schickte sie mir den Link zu dem entsprechenden Artikel. Es ging ganz allgemein um Einzelhandel. Angestellte wurden mit ihren unglaublichsten Erlebnissen zitiert. Und wie der Teufel es so wollte, war unsere Jeansverkäuferin auch unter den Genannten. Allerdings hatte sie die Tatsachen so verdreht, dass sie schließlich als Heldin da stand und wir die dummen Kunden waren. Noch dazu war es offensichtlich, dass es dabei nur um uns gehen konnte, denn in unserer kleinen Stadt gibt es nicht so viele Männer mit einer öffentlichen Vorliebe für Damenbekleidung. Es  hat nicht viel gefehlt und ich wäre wie eine Löwin brüllend in diesen Laden gestürmt, um der Lady was von Diskretion und Ähnlichem zu erzählen. Wir beteten inbrünstig, dass niemand auf die Idee kam, zum Beispiel unsere Kinder darauf anzusprechen.

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (4)

Nach Matthias Zusammenbruch in der Küche waren wir uns ja einig, dass wir für ihn einen Therapeuten hinzuziehen müssen. Wir fanden erstaunlich schnell jemanden, der sogar in der Transgenderszene schon einen gewissen Namen hatte und zu unserem großen Glück erhielt Matthias auch sehr zügig einen Termin. Es sollte eine Einzeltherapie werden, das heißt, er ging alleine hin.

Es erscheint sicherlich nicht verwunderlich, dass sich unsere Erwartungen an den Therapieerfolg ziemlich unterschieden. Denn um ehrlich zu sein, erwartete ich insgeheim, dass dieser Fachmann seine Vergangenheit so geschickt durchleuchten konnte, um endlich einen Grund ans Tageslicht zu befördern, warum mein Mann solche Anwandlungen hatte. Ich war sicher, er sagt ihm nach ein paar Sitzungen: „Passen Sie mal auf mein Freund, das ist alles Quatsch, Sie wollen gar keine Frau sein!“ Die Annahme, ihn auf meiner Seite zu haben, war ein brauchbarer Strohhalm, reiner Selbstschutz, wollte ich doch tief in meinem Inneren Matthias als meinen MANN wieder. Matthias hingegen sah in ihm das nötige Bindeglied zu seinem angestrebten Ziel. War doch ein Jahr Therapie Voraussetzung dafür, dass in eine Hormonbehandlung eingewilligt wurde und schließlich die Geschlechtsumwandlung operativ vollendet werden konnte. Wartete in ihm ja längst die FRAU auf ihre Auferstehung.

Während mein Mann nun regelmäßig zu seiner Therapie ging, war mein Ratgeber das Internet mit seinen Foren. Matthias drängte darauf, dass ich mich endlich mal mit „realen“ Menschen austauschen sollte und so outete ich mich bzw. uns bei zwei Freundinnen. Mit sehr gemischten Gefühlen ließ ich unsere letzten Monate vor ihnen Revue passieren. Ihre Reaktion war überwältigend. Es gab keine Ablehnung, sondern offenen Ohren und Arme, weder mein Mann noch ich wurden abgelehnt. Und so saß ich dann oft bei ihnen und heulte mich im wahrsten Sinne des Wortes aus, fand Trost, wenn auch wenig Hilfe. Sie zweifelten daran, dass er seinen Wunsch tatsächlich durchziehen würde. Das war ein weiterer Strohhalm, wenn auch ein sehr wackeliger, aber noch klammerte ich mich daran.

Irgendwann reichten aber die Gespräche mit den Freundinnen nicht mehr aus, meine Nerven lagen zunehmend blank. Wieder war es Matthias, der mir dringend dazu riet, einen Fachmann zu Hilfe zu nehmen. Sein Therapeut willigte ein, mich mit zu behandeln. Dazu brauchte ich eine Überweisung von meinem Hausarzt. Es war einer meiner guten, starken Tage. Vielleicht hat mir die Aussicht auf professionelle Hilfe den Mut gegeben, hoch erhobenen Hauptes in seine Sprechstunde zu gehen. Auf jeden Fall schien ich weniger verstört über mein Ansinnen als der arme Herr Doktor. Ich redete nicht lange um den heißen Brei herum, als er mich fragte, wozu ich eine Psychotherapie brauchte, sondern sagte ihm direkt auf dem Kopf zu: “Mein Mann ist transsexuell und ist schon in Therapie und ich brauche jetzt auch mal eine.“ Allein seine Reaktion war Gold wert. Er saß vor mir mit geballtem Unglauben in den Augen, seine einsetzende Schnappatmung ließ mich befürchten, gleich erste Hilfe leisten zu müssen. Nachdem er sich so weit berappelte, dass er wieder in der Lage war, ganze Sätze von sich zu geben, bot er mir alles an Medikamenten an, was sein Repertoire nur hergab. Von Tranquilizern, über Stimmungsaufheller, die ganze Palette, ein Fest für jeden Junkie, doch ich lehnte alles ab. Wollte nur mein Papierchen und dann nichts wie weg da.

Mit der Überweisung in der Hand ging ich zu Matthias Therapeuten und schüttete ihm mein Herz aus. Ich sprach über meine Ängste und Gefühle, über meine Wunsch, das Szenario gemeinsam zu bewältigen, mich nicht zu trennen. Eine dreiviertel Stunde redete und redete ich. Doch anstatt des erwarteten kleinen Zauberspruchs, der alles zum Guten wenden würde, erhielt ich einen blöden Vergleich an die Hand: „Sie sind wie ein Esel, der verhungert, obwohl er zwischen zwei Futternäpfen sitzt!“ Was bitte schön sollte ich damit anfangen? Soweit war ich alleine auch schon gediehen. Ich wollte eine Lösung! So kam ich zu dem Schluss, dass ich DA nie wieder hin gehen würde. Auch Matthias brach schließlich nach vier Monaten seine Therapie bei dem Herren ab. Er hatte das Gefühl, dass dieser ihn am ausgestreckten Arm verhungern ließe. Seinem Ziel, dem Beginn der Hormontherapie, war er keinen Schritt weiter gekommen. Nun, ich fand das jetzt nicht so dramatisch, doch wurde mir langsam klar, dass Matthias sich innerlich längst entschieden hatte. Ein Vorwurf, der es uns nicht gerade leichter machte, unbeschwert miteinander umzugehen.

Um uns aus der festgefahrenen Situation zu befreien, machten wir uns beide auf die Suche nach anderen Therapeuten.

To be continued ….