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KLINIKAUFNAHME: SIE HABEN IHR ZIEL ERREICHT!

Wenn mein (inneres) Navi mir vorher gesagt hätte, mit wie vielen Schlaglöchern, Einbahnstraßen, Umleitungen, Staus und Vollsperrungen der mühsame Weg zum Zielpunkt Klinik gepflastert sein würde … ich hätte es zurück zum Hersteller geschickt!

Der Montag begann mit einem Besuch beim Hausarzt, zur Wundversorgung. Außerdem wollten wir den Konsiliarbericht für den Therapeuten abholen. Meine Tochter sprach auch einen Moment alleine mit ihm. Der sonst so fröhliche Mann nahm sichtlich Anteil an ihrem Zustand, sie hat viel Vertrauen zu ihm und erzählte freimütig von Dingen, die nicht in dem ihm vorliegenden Berichten stand. Und so fand sich in dem Konsiliarbericht neben den zunehmenden depressiven Stimmungen auch die Bemerkung über wiederkehrende suizidale Gedanken. Es schwarz auf weiß zu lesen war ganz schön beängstigend, obwohl sie mit mir auch schon darüber gesprochen hatte. Ich sah es als Chance, uns die Kliniktüren zu öffnen. Ich telefonierte mit dem Therapeuten und wir verblieben so, dass wir auf jeden Fall den Termin am Abend wahrnehmen wollten. Irgendwie überbrückten wir den Tag, zum Glück verlief er ereignislos.

Gegen Ende der abendlichen Sitzung setzten wir uns kurz zu dritt zusammen. Der Therapeut war – so unsinnig das jetzt auch klingen mag – sehr zufrieden mit meiner Tochter. Sie würde sehr offen mit ihm reden, was absolut notwendig sei, um eine erfolgreiche Therapie zu starten. Er war davon überzeugt, dass sich ihr Zustand auch bessern würde, wenn man zwei Therapiestunden pro Woche ansetzen würde. Sah aber auch, dass der Wunsch meiner Tochter nach der Sicherheit der Klinik im Moment im Vordergrund stand. Eine überschaubare Zeit in der Klinik würde ihr die nötige Sicherheit und Stärke bringen, um dann erfolgreich die Therapie zu starten. Er wollte sich noch am Abend mit der Klinik in Verbindung setzen und um unverzügliche Aufnahme bitten.

Relativ beruhigt fuhren wir nach Hause. Am Dienstag Morgen begann ich mit telefonieren. Besetzt … besetzt … besetzt … Zwischenzeitlich kontaktierte ich den Therapeuten. Er hatte abends zwar jemanden ans Telefon bekommen, aber wohl nur den Pförtner, der alles ausrichten wollte, einen Rückruf gab es bis dato noch nicht. Um zwölf hatte ich dann Erfolg, endlich die Sekretärin von der Ambulanz. Sie versprach, sich sofort um einen Rückruf zu kümmern, Notfallsprechstunde hätte die Psychiaterin, die mein Kind medikamentös betreute. Eine Stunde später erhielt ich tatsächlich einen Rückruf, allerdings von einer mir fremden Dame. Wie sich herausstellte, war es die Nachfolgerin von der Psychologin, die bis dato für das Kind zuständig war. Ihre Frage, was sie für mich tun könne, konnte ich ja noch irgendwie verstehen. Doch als ich dann tatsächlich von ganz vorne anfangen musste zu erzählen, obwohl wir zwischenzeitlich schon so oft dort waren, machte mich stutzig. Irgendwann erlaubte ich mir die Frage, ob wir überhaupt von der gleichen Patientin redeten. Sie gab dann zu, dass sie sich noch nicht einmal die Akte vom PC gezogen hatte. Mir ging schon das erste Mal die Hutschnur hoch. Dann wollte sie uns – nachdem ich praktisch alles dreimal erzählt hatte –  auf den bereits vor sechs Monaten ausgemachten vierteljährlichen Kontrolltermin in der nächsten Woche vertrösten. Ich wurde etwas lauter und wiederholte den Befund vom Hausarzt, die Empfehlung vom Therapeuten und die Not, in der sich meine Tochter befand, um sich derart selbst zu verletzen und auch die Tatsache, dass ich nicht 24 Stunden am Tag für ihre Sicherheit zu Hause garantieren könne. Sie wollte mir etwas vom Klinikalltag erzählen und dass der ja schon Veränderungen bringen würde. Noch ungehaltener unterbrach ich sie, um sie erneut darauf hinzuweisen, dass uns das alles bekannt ist. Schließlich bequemte sie sich, uns einen Termin für 14:00 anzubieten. Ich sagte zu.

In einem erneuten Telefonat mit dem Therapeuten, der auch fassungslos über das Verhalten seiner Kollegin war, stellten wir einen Schlachtplan auf. Während der Fahrt zur Klinik besprach ich mit meiner Tochter, wie wir bei dem bevorstehenden Gespräch vorgehen wollten, um die Dame von der Notwendigkeit einer stationären Aufnahme zu überzeugen. Die Ambulanztherapeutin sprach zuerst alleine mit dem Kind. Als sie rauskam, konnte ich an ihrem Gesicht sehen, dass es nicht gut gelaufen war. Ich kam in den Raum und das erste, was ich sah, war der schon bekannte Zettel, auf dem meine Tochter mit ihrer Unterschrift bestätigen sollte, dass sie sich die nächsten vierzehn Tage nichts antun würde. Am liebsten hätte ich laut gelacht, wäre die Situation nicht so dramatisch. Ich machte der Dame klar, dass dieser Zettel schon mehrfach unterschrieben wurde, die Ergebnisse könne sie an Armen und Beinen meiner Tochter gerne nachzählen. Ich wiederholte erneut, dass ich nicht für die Sicherheit meines Kindes zu Hause garantieren könne, denn schließlich müsse ich arbeiten gehen und selbst wenn ich da wäre, könnte ich nicht 24 Stunden am Tag neben ihr sitzen, um sie vom Ritzen oder Schlimmeren abhalten, wie der Samstag ja gezeigt hätte. Sie fragte das Kind dann doch tatsächlich, ob sie schon einmal konkrete Pläne für einen Suizid gefasst hätte und wenn ja wie. Meine Tochter beantwortete auch diese Frage wahrheitsgemäß mit einem Ja und fügte an, dass nur die Gegenwart ihrer jüngeren Schwester sie damals davon abgehalten hätte. Als dann als Gegenargument von der Dame am anderen Ende des Tisches kam, dass sie sich ja immer „nur“ quer ritzen würde und nicht längst und somit kaum eine Gefahr bestehen würde, dass sie verblutete, war es einfach genug! Ich sagte ihr, dass ich mich leider gezwungen sähe, die Polizei zu rufen, da mein Kind Suizidgedanken geäußert hätte und uns hier in der Klinik die notwendige Hilfe verweigert würde. Das zog. Nach einem kurzen Gespräch mit ihrem Vorgesetzten bekamen wir für Mittwoch Mittag einen Termin für die stationäre Aufnahme.

Ich glaube, in dieser Nacht schliefen wir beide kaum und das nicht, weil Vollmond war. Mit sehr gemischten Gefühlen fuhren wir mittags wieder in die Klinik. Doch zum Glück waren sowohl die Oberärztin als auch der verantwortliche Psychotherapeut der aufnehmenden Station um vieles kompetenter als die Kollegin in der Ambulanz und so ließ ich mein Kind halbwegs beruhigt dort.

Der Heimweg alleine war nicht schön. Aber ich bin überzeugt, dass wir das Richtige getan haben und meinem Kind jetzt die Hilfe zuteil wird, die es braucht, um in Zukunft mit neuer Kraft ihr Leben zu meistern.

STIMMUNGSSCHWANKUNGEN – SO UNBERECHENBAR WIE DAS WETTER

Ja, die Woche lief ganz gut an. Montag Abend war der nächste Termin beim Psychologen. Diesmal ein Einzelgespräch mit ihr, ich kam nur zum Schluss dazu, um noch ein paar Formalitäten zu erledigen. Er sprach von viel Potential und lobt, wie offen sie über alles reden konnte. Dienstag strahlte schon morgens um sechs die Sonne in unserem Haus, denn sie stand auf und ging in die Schule, obwohl es „Werktstatttag“ war. Der, der ihr letztes Mal so eine Panik bereitet hatte. Ich fuhr sie hin, sie war nervös und aufgeregt, aber tapfer. Sie bat mich, mit hinein zu gehen und das tat ich auch. Als wir den Werkstattraum betraten, an den hinten ein Klassenzimmer angrenzte, schallte ihr großer Jubel von den Jungs entgegen. Die freuten sich riesig, sie wieder zu sehen. Ich sprach noch kurz mit den Lehrern. Alles gut, sagten sie, wir kümmern uns. Dass ich mich darauf verlassen konnte, wusste ich. Sie hielt es dann tatsächlich vier Stunden aus und berichtete freudestrahlend zu Hause davon. Dass es dann am Mittwoch wieder nicht klappte, brachte mich dieses Mal nicht so sehr aus der Fassung. Mittags hatten wir ein Gespräch mit dem Klassenlehrer und zwei weiteren Lehrkräften. Es ging um die anstehende Klassenfahrt und auch um ihre weitere schulische Laufbahn. Wir legten fest, dass sie auf jeden Fall mit auf Klassenfahrt fahren sollte. Natürlich musste man sich auch Gedanken machen, wie es sonst in der Schule weiter gehen würde. Es gab viele Fehlstunden und es würde noch mehr geben. Ob es im Endeffekt zu viele wären, um für die Abschlussprüfung zugelassen zu werden, würde sich zeigen. Aber die Klasse zu wiederholen sei kein Beinbruch. Ich beobachtete, wie sie diese Information verarbeitet und es ihr schon zu schaffen machte. Der Klassenlehrer bat sie, doch einen Brief an die Mitschüler zu schreiben, um ihnen ihre Situation zu erklären. Das tat sie auch. Abends saßen wir auf der Terrasse. Was sie dann sagte, schockte mich sehr. Sie überlege, ob sie nicht alles hinschmeißen solle. Auf Nachfrage sagte sie, die Schule aufhören. Und dann fragte ich sie. Hartz IV kam als Antwort. Ich war sprachlos, sauer, versuchte aber, die Vorwürfe, die mir auf der Zunge lagen, zurückzuhalten und statt dessen zu erklären, was so eine Entscheidung für Folgen für ihr weiteres Leben haben könnte. Trotzdem kühlte unser Verhältnis für den nächsten Tag merklich ab, ich war einfach zu entsetzt. Der Donnerstag war dann auch sehr durchwachsen. Sie wirkte sehr bedrückt, zog sich wieder zurück. Abends, mitten im Supermarkt, umarmte sie mich auf einmal und entschuldigte sich. Oh mein Gott, ich glaube noch nie wurden in einer Kassenwarteschlange so ernsthafte Gespräche geführt. Freitag ging sie wieder in die Schule. Mein Herz jubilierte, mein Verstand bremste es etwas aus. Trotz vieler positiver Berichte am Nachmittag, war deutlich zu spüren, dass es ihr nicht gut ging. Und obwohl ich in Habachtstellung war, sah ich erst am Samstag Morgen, dass sie sich nachts geritzt haben musste. Nur einmal, aber sehr tief. Den ganzen Samstag versuchte ich sie abzulenken, zu beschäftigen. Ihre guten Phasen beschränkten sich inzwischen auf Minuten, kaum ein Lächeln, geschweige denn ein Lachen.

Als sie dann aus dem Bad rief „Mama komm mal, aber nicht erschrecken!“, wusste ich, was passiert war. Aber auf das Ausmaß war ich nicht vorbereitet. Über ein Dutzend tiefe Schnitte, die teilweise mehr als einen Zentimeter aufklafften. Das musste ärztlich versorgt werden. Eigentlich war geplant, dass sie mit ihrer kleinen Schwester nachmittags auf ein Nachtreffen von der Sommerfreizeit ging. Daran war nun nicht mehr zu denken. Ich brachte wenigstens auf dem Weg ins Krankenhaus die Kleine hin und organisierte, dass sich jemand um sie kümmern würde, falls sie nach Hause wollte, dann fuhren wir weiter. Es war eine Höllenfahrt, völlig unkonzentriert sind wir nur durch einen sehr aktiven Schutzengel an einem schweren Auffahrunfall vorbei geschrammt.

In der Notfallaufnahme im Krankenhaus angekommen, kamen wir direkt dran. Auf dem Weg dorthin hatten wir überlegt, wie es jetzt weiter gehen würde. Wir waren uns sicher, dass sie uns entweder nach Riedstadt in die Jugendpsychiatrie weiter schicken würden oder zumindest das Kind für ein paar Tage zur Beobachtung da lassen würden. War wir dann dort erlebten, spottete jeder Beschreibung. Meine Tochter wurde behandelt wie der letzte Dreck. Zwar wurden die Wunden versorgt, es gab eine Tetanusspritze, aber auf die Ursache der Selbstverletzung wurde nicht eingegangen. Nach dem Motto, das war ja nicht das erste Mal – die alten Narben sahen sie ja deutlich – stell dich nicht so an, wurde die Tatsache, dass sie dem Arzt von den wiederkehrenden suizidalen Gedanken berichtete, völlig ignoriert. Auf dem schnell hingekrotzelten Krankenhausbrief stand dann was von bekanntem Borderlinesyndrom, was ja überhaupt nicht stimmt! Ich habe mich schwarz geärgert, dass ich nicht einen Rettungswagen gerufen hatte und noch riskierte, selbst zu fahren.

Also fuhren wir wieder nach Hause. Was nun? Das Kind brauchte dringend Hilfe. Ihr sehnlichster Wunsch war es, wieder stationär aufgenommen zu werden. Mir wurde Angst und bang vor Montag, wenn ich wieder acht Stunden im Büro sein würde und sie im Zweifelsfall alleine zu Hause.

Der Sonntag verlief ruhig, keine Vorfälle, aber auch kein Lächeln. Irgendwie wirkte sie trotzdem entspannter, so als hätte das Ritzen eine Last von ihren Schultern genommen. Mir stellte sich nur die Frage, wie lange es brauchen würde, bis die Last wieder so schwer war, dass erneut etwas passieren würde. Wir beschlossen gemeinsam, dass sie unter den Umständen nicht mit auf Klassenfahrt fahren würde. Ich sah mich außerstande, die Verantwortung an die Lehrer abzugeben, zumal es in eine Berghütte ging, weit weg von gut und böse und nur durch zweistündigen Fußmarsch zu erreichen. Wir hofften, dass der Montag, an dem die Wunden vom Hausarzt kontrolliert werden würden und abends ein Termin beim Psychologen anstand, einen Fortschritt in Richtung Klink brachte.

DER TEUFELSKREIS UND DIE SUCHE NACH DEM AUSWEG

Ja, die Sommerferien waren entspannt. Eine Jugendfreizeit mit der katholischen Kirchengemeinde, die meine Tochter sogar als Teamerin begleitete, ein paar entspannte Tage im Saarland mit vielen guten Gesprächen und reichlich Bewegung an der frischen Luft, dann zwei Wochen „gammeln“ zu Hause. Das Kind ärgerte sich sogar, dass ihre Schule erst am Dienstag startete und wurde dafür glühend von ihrer Schwester beneidet. Eine gehörige Portion Aufregung stellte sich an dem Wochenende vor Schulbeginn schon ein, aber das musste ja nichts Negatives sein. Es fühlte sich eher so an, wie das Kribbeln im Bauch in der Warteschlange einer Achterbahn. Etwas unwohl war ihr bei dem Gedanken an den Mittwoch, denn da fand nach altem Stundenplan immer der sogenannte „Werkstatttag“ statt, der sie schon sehr beanspruchte.

Der erste Schultag kam, der Wecker klingelte, wir saßen beim Frühstück. Geschnatter überall. Die Kleine ging zum Bus, die Große fuhr ich auf dem Weg ins Büro an der Schule vorbei. So schön, so gut. Als mein Handy so gegen halb schellte, rechnete ich zwar mit einer Statusmeldung, aber dass sie so ausfiel, hat mich geschockt. Ein völlig aufgelöstes, schluchzendes Kind am anderen Ende. Nur weil ich ihre Nummer sah, wusste ich überhaupt, wer da dran war, denn reden konnte sie nicht. Nach schier unendlichen Minuten beruhigenden Zuredens konnte sie mir endlich erzählen, was sie so aus der Fassung gebracht hatte. Die Schule hatte mit dem berüchtigten Werkstatttag begonnen, der gleich bis drei Uhr nachmittags gehen sollte. Die Angst vor der Überforderung, unterzuckert, weil zu wenig gefrühstückt, die ganze Aufregung, all das ließ sie hyperventilieren, es drehte sich, ihr wurde schlecht, die Toilette schien der einzig sichere Ort in der ganzen Schule zu sein. Sie hatte sich dorthin geflüchtet, nachdem auch noch der Lehrer sie um ein Gespräch gebeten hatte. Eine klassische Panikattacke, neu für das Kind. Es gelang mir, sie soweit zu beruhigen, dass sie die Kabine verlassen konnte und zurück zu den anderen ging. Und obwohl sich das Gespräch mit dem Lehrer als ganz harmlos erwies, gelang es ihr nicht mehr, sich auf irgendetwas zu konzentrieren und die Panik schwappte immer wieder wie eine Welle über sie. Nach einem erneuten, tränenreichen Telefonat gab sie auf und fuhr nach Absprache mit dem Lehrer nach Hause. Als ich nachmittags nach Hause kam, sah es so aus, als wäre es eine einmalige Angelegenheit gewesen und am Mittwoch Morgen ging sie auch wieder und blieb den ganzen Vormittag. Beruhigt schwieg mein Handy. Bis zum frühen Nachmittag. Wieder dieses herzergreifende, verzweifelte Schluchzen … Mama, es hört nicht auf … WAS? … es hört nicht auf zu Bluten! Sie hatte sich geritzt, saß jetzt in der Badewanne, versuchte mit Handtüchern die Blutung zu stillen. Ich ließ alles stehen und liegen und fuhr heim. Es sah schlimmer aus als es war, doch der Schock auf beiden Seiten saß tief. Warum … war die Frage, die wir lange versuchten zu klären. Der Gedanke, versagt zu haben, weil es am Dienstag in der Schule nicht geklappt hat und die Angst, es wieder nicht zu schaffen, das musste als Erklärung vorerst reichen. Der „Ritzdruck“ wie sie es nannte, war einfach übermächtig geworden. Und alle erlernten Skills aus Klinikzeiten halfen nicht.

Donnerstag Morgen sah ich mich in Zeiten von vor den Ferien zurückversetzt. Keinerlei Reaktion, als ich sie weckte. Ansonsten verlief der Tag ruhig. Freitag das selbe Spiel und ich war wohl nicht die Einzige, die das Wochenende herbei sehnte. Es kam zu spät, denn mittags riss mich wieder ein Anruf aus der trügerischen Ruhe. Das gleiche Spiel wie am Mittwoch, noch mehr, noch tiefer, noch mehr Auflösung beim Kind. Ja, wir bekamen die Wunden in den Griff, aber die Seele hatten tiefere Macken davon getragen. Endlose Gespräche am Wochenende, doch wir drehten uns im Kreis.

Die kommende Woche war mit Terminen und Telefonaten angefüllt. Anruf bei der Psychiaterin in der Klinik, ob es nicht sinniger wäre, die Medikamentendosis zu erhöhen. Das wurde weit weg gewiesen, so ein Wiedereinstieg nach den Ferien sei schwierig, ich sei schon die dritte Mutter, die anrief, das würde wieder. Aha. Ein Telefonat mit der behandelnden Psychologin in der Klinik verlief sehr hitzig. Ich solle keinen Druck auf das Kind ausüben, um sie nicht mehr zu belasten und im übrigen wäre sie inzwischen in einem Alter, wo sie für sich selbst Verantwortung übernehmen müsse. Aha. Und außerdem hätten wir ja der Erhöhung der Medikation nicht zugestimmt. Moment mal, das war andersrum. Ach so, ja, das kann bei einer Übergabe schon mal schiefgehen. Sehr vertrauenswürdig, wirklich. Maria erhielt den Tipp, sich zusammenzureißen und einfach mal zu gehen. Ja klar. Wieder Telefonat mit dem Psychiater, der eigentlich nicht zuständig war, aber die Kollegin war krank. Von ihm bekamen wir eine Adresse von einem niedergelassenen Psychotherapeuten, der seine Praxis erst vor vier Wochen eröffnet hatte. Sofortige Nachfrage brachte meinem Kind tatsächlich einen Termin für Freitag ein. Zwischendurch noch ein Treffen mit den Damen der Einzelfallbetreuung, da hier das Personal wechselte. Nun gut, wurde aber von meiner Tochter so akzeptiert, was mich beruhigte. Zwischendurch Atteste vom Hausarzt besorgen, damit die Fehlstunden in der Schule nicht zu sehr anwuchsen. Dann Kontaktaufnahme mit dem Klassenlehrer, der wie immer unendlich hilfsbereit war und wieder nicht vergaß, dem Kind und mir viel Kraft zu wünschen.

Leider änderte sich am morgendlichen Ritual nichts. Kein Schulbesuch möglich, aber wenigstens blieben die Tage unblutig. Der Ritzdruck wurde durch Putz-und Aufräumorgien zu Hause abgebaut. Jeden Morgen spielte sich bei uns da gleiche ab. Ich weckte sie und redete ihr gut zu, es doch zu probieren, würde sie auch in die Schule fahren. Und sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Mittags entschuldigte sie sich für ihr Verhalten, doch ändern konnte sie es nicht. Was würde ich dafür geben, wenn sie die vielen Hände, die sich ihr entgegenstreckten, die Brücken, die ihr gebaut wurden, nur annehmen könnte. Mit jedem Tag nicht in der Schule würde es schwieriger werden, die Kluft zu überwinden. Sie wusste das. Und konnte es nicht ändern. Für Außenstehende schwer zu akzeptieren.

Dann kam der Freitag mit dem Termin beim Psychotherapeuten. Es war zwar nur ein einführendes Gespräch, doch ich merkte, die Chemie zwischen den beiden stimmte. Sie bekam gleich mehr Termine und die ersten Tipps. Schule könnte man auch für zwei Stunden besuchen. Wenn es um acht nicht klappte, dann vielleicht im zehn. Aber bitte jeden Tag probieren. Am Montag Morgen sprach sie immerhin schon wieder morgens mit mir, die Tür blieb auf, die Jalousie oben. Die Angst, dass das Telefon wieder schellt, schwächt sich langsam ab. Da ist er wieder … der zarte blaue Schimmer ganz am Ende des Horizontes.