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DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (13)

Nachdem die großen emotionalen Hürden der Familien-Outings geschafft waren und auch Matthias Brüder es verhältnismäßig gut aufnahmen, dass sie jetzt wohl eine Schwester hatten, plätscherte die Zeit ein bisschen dahin. Nach wie vor ging Matthias zur Therapie, musste aber noch auf den Beginn der Hormonbehandlung warten. Natürlich gab es immer wieder Momente, wo Matthias sagte, es gehe gar nicht weiter und ich äußerte, ich wolle einfach nicht mehr. Doch es gelang uns, uns immer gegenseitig aus den jeweiligen Tiefs zu ziehen. Einen unschönen Rückschlag gab es, als Matthias einmal vom Frisör kam und in den eh noch relativ kurzen Haaren am Hinterkopf eine große Lücke prangte, weil sich der Frisör verschnitten hatte. Wütend stapfte er ins Badezimmer, griff nach dem Rasierer und schnitt sich alle Haare zurück auf raspelkurze 3 Millimeter. Ich stand völlig entsetzt im Badezimmer, in Tränen aufgelöst, denn ich wusste ja, was nun wieder auf mich zukommen würde …

Des Weiteren nutzten wir die Wartezeit und nahmen den alljährlichen Osterurlaub in Matthias Heimatort tief im Osten der Republik zum Anlass, dort von den anstehenden Veränderungen bei uns zu erzählen. Obwohl wir in dem Dorf keine Unbekannten waren, schließlich besuchten wir Matthias Eltern regelmäßig an Weihnachten, Ostern und im Sommer, hatten weder er noch ich dort wirkliche Freunde. Natürlich besuchten wir Bekannte regelmäßig, trotzdem war und blieb ich die „Wessi-Frau“, mit all den negativen Begleiterscheinungen. Dennoch machten wir uns die Mühe und zogen sozusagen von Haustür zur Haustür, um Gerede vorzubeugen und die Nachbarn direkt zu informieren. In der unmittelbaren Nachbarschaft gab es vornehmlich Menschen der älteren Generation. Wir waren überrascht, wie positiv gerade sie die Neuigkeit aufnahmen. Sie fanden es toll, wie entspannt wir darüber redeten. Doch der Schein trog. Heute spricht keiner mehr mit uns. Im Höchstfall bekommen wir auf unseren Gruß eine Antwort, oder einen dahin gelallten Satz, wenn wir sie an Silvester betrunken auf der Straße sehen. Lediglich zwei von Matthias ehemaligen Klassenkameradinnen standen noch hinter uns. Eine, die immer schon etwas exotisch war, sah die Neuigkeit eher als Bestätigung dessen an, was sie wohl schon immer geahnte. Sie lud uns zu einer kleinen Party ein. Da sie nicht dauerhaft in dem kleinen Ort lebte, konnte sie nicht wissen, dass ihre offene Art nicht Jeder sein Eigen nannte. So wurde dieser Abend kein Vergnügen für uns. Wir kamen uns vor wie ein Ausstellungsstück. Im Grunde genommen wollten alle nur ihre Neugierde befriedigen, um dann davon überzeugt zu sein, dass Matthias unmögliche noch alle Tassen im Schrank haben könne. Es fielen sogar Bemerkungen wie „Früher hätte man solchen Leuten die Scheibe eingeschlagen!“. Es machte einfach keinen Spaß, sich mit diesem verlogenen, sturen und verstocktem Volk länger als nötig abzugeben.

In meinem Freundeskreis lief es dagegen wesentlich entspannter. Es gab überhaupt keine prinzipielle Ablehnung. Der Kontakt zu ihnen ist zwar auch nicht so intensiv, denn uns trennen einige hundert Kilometer, trotzdem wollte ich sie nicht im Dunkeln lassen, um sie vielleicht beim nächsten Besuch vor vollendete Tatsachen stellen zu müssen.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal etwas zurückblicken. Natürlich hatte sich Matthias im Hinblick auf die ersehnte Geschlechtsangleichung und auch, weil es davor im sogenannten Alltagstest gefordert ist, auf die Suche nach einem möglichen, weiblichen Vornamen gemacht. Zwar sprach ich ja in den vergangenen Episoden immer schon von Jana, doch der Weg dahin war weit. Matthias recherchierte im Internet und besprach jeden seiner ausgesuchten Namen mit mir. Ich war überrascht, welche er sich aussuchte. Wenn ich ihn mir so ansah und versuchte, den Namen mit seinem Erscheinungsbild zu assoziieren, kamen sie mir oft so Püppchen-haft vor. Doch letztendlich fand er ja dann einen. Es dauerte aber bis zu diesem Zeitpunkt, ehe ich es schaffte, ihn so anzureden und auch das Geschlechtspronomen entsprechend anzupassen. Trotzdem gelang es mir nicht immer. Wenn Matthias gut drauf war, machte es ihm nichts aus, ging es ihm allerdings schlechter, forderte er es vehement ein. Doch ich gewöhnte mich daran und sprach schließlich auch in seiner Abwesenheit von Jana und „sie“. Er weigerte sich schon eine ganze Weile, Herrenkleidung zu tragen. Seine Kleidung kam inzwischen ausschließlich aus der Damenabteilung, sie war nicht unbedingt auffällig, sondern dezent damenhaft und nicht sofort als solche zu erkennen und damit alltagstauglich und nicht überzeichnet.

Auch wenn es für mich nach außen hin zur Selbstverständlichkeit wurde, Jana und „sie“ zu sagen, blieb es innerlich noch immer ein Kampf. Gedanken wie „Was verliere ich da alles“ spukten ständig in meinem Kopf herum, mal mehr, mal weniger.

Wie gesagt, ich hatte mir die weibliche Anrede inzwischen angewöhnt, aber natürlich sagten die Kinder noch Papa zu Jana. Das wollte sie nun auch abstellen. Ich war entsetzt und strikt dagegen, dass sie den Kindern den Papa nehmen wollte. „Du darfst ihnen den Papa nicht nehmen, musst für sie Papa sein, egal in welchem Körper du steckst!“, versuchte ich zu argumentieren. Es kam zum Streit am Küchentisch, laut genug, so dass die Kinder es mitbekamen. Unsere kleinen Diplomaten retteten ihre Eltern aus der vertrackten Situation und beschlossen einfach, anstatt Papa von nun an Papalina zu sagen. So fanden sie einen Weg, sich selber daran zu gewöhnen. Inzwischen sagen sie längst Jana.

To be continued …