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DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (18)

Jana nahm nun schon eine Weile die Hormone. Man kann sich das in etwas so vorstellen, dass sie jetzt in eine Art Pubertät kam. Alles, was die Biofrau von klein auf mitmacht und lernt, musste Jana nun als Erwachsene erleben. Nach und nach legte sie das männliche Gehabe ab. Innerlich auf weiblich gestimmt, wurde sie ganz sanft und sehr emotional. Das hatte zur Folge, dass sie sehr nah am Wasser baute und die Tränen schon mal flossen, wenn es niedliche Tierfilme im Fernsehen gab. Auch ihre Haare hatten inzwischen eine akzeptable weibliche Länge angenommen. Gingen wir nun zum Beispiel shoppen, dann sah man den unvoreingenommenen Betrachtern an, dass gedanklich ihre Kugel in Richtung „da kommen zwei Frauen“ viel. Das machte es für uns natürlich entspannter.

Endlich war auch der Zeitpunkt gekommen, vor Gericht den Antrag auf Vornamen-und Personenstandsänderung zu stellen. Dazu musste sie zwei Gutachten einreichen. Es gab die Möglichkeit, dass sie entweder zwei Psychologen vorschlug, was inzwischen immer öfters vom Gericht anerkannt wurde, oder aber das Gericht bestimmte die Gutachter. Ihr erster Vorschlag wurde sofort anerkannt, den zweiten wollte das Gericht erst noch prüfen. Zum Glück kam aber auch dieser dann durch. Leider muss man diese Gutachten selbst zahlen, dafür kommt weder die Krankenkasse auf, noch greift hier der Hilfsfond von Amts wegen.

Den zweiten Psychologen fand Jana damals über eine Selbsthilfegruppe, er war ihr also fremd. Obwohl ich nicht wusste, ob ich mit hinein durfte, fuhr ich mit dorthin. Zu meiner Überraschung fand der Psychologe es toll, dass ich dabei war. Schließlich gehöre ich ja dazu, meinte er. Aus dem angesetzten 2-Stungen-Termin wurden dann ohne viel Mühe vier Stunden. Auch mir wurden Fragen gestellt, aber der sympathische Herr erzählte auch viel von sich, so dass die Zeit wie im Flug verging.

Zu Janas großer Erleichterung hat das Gericht beide Gutachten anerkannt und setzte den Termin für Ende Oktober fest. Was für sie ein wahrer Freudentag war, ließ mich mal wieder in ein Loch fallen. Ich war depressiv ohne Ende, denn mit diesem förmlichen Akt war Janas Entscheidung endgültig und nur schwer rückgängig zu machen. Und obwohl es nur um einen neuen Ausweis ging – ich sprach sie ja schon lange mit Jana an – traf es mich hart. Jana hingegen machte sich extra fein mit neuem Kleid und Schuhen. Nach dem Gerichtstermin kam sie freudestrahlend nach Hause, zog, wie bei uns üblich, die Schuhe vor der Tür aus und stürmte in die Wohnung, Lebensfreude pur. Und mir fiel nichts Besseres ein, als ihr an den Kopf zu werfen, wie gut es doch sei, dass sie die Schuhe jetzt ausgezogen hätte, das alles sei mir jetzt doch irgendwie zu weiblich! Kaum waren die Worte aus meinem Mund gepoltert, tat es mir unendlich leid, wusste ich doch genau, wie sehr ich Jana damit verletzte.

Das Urteil wurde Jana mit der Post zugestellt. Normalerweise hätte sie 14 Tage warten müssen, bis es rechtskräftig ist, da so lange die Einspruchsfrist währt. Aber sie war so ungeduldig, dass sie gleich losstürmte und sämtliche Behördengänge anging. Es musste ja nun alles geändert werden, vom Personalausweis angefangen, über sämtliche Karten, Versicherungen usw. Der Mann „Matthias“ hörte praktisch auf zu existieren und den gab es jetzt auch nicht mehr. Selbst die Geburtsurkunde wurde entsprechend geändert und im Geburtsregister gab es einen Vermerkt, der aber unter Verschluss steht. Lediglich in den Geburtsurkunden der Kinder blieb der Name Matthias stehen. Das Anrecht der Kinder steht über dem Recht der Person.

Man stelle sich vor, bis 2011 mussten Ehen, in denen ein Partner eine Geschlechtsangleichung vornahm, geschieden werden. Aber ein Präzedenzfall, der bis zum Bundesgerichtshof ging, brachte auch dort Klärung. Die Gesetzgebung wurde geändert. Heute leben wir als gleichgeschlechtliches Ehepaar, mit allen Rechten und Vergünstigungen, die wir auch vorher hatten. Im Gegensatz zu den anderen homosexuellen, eingetragenen Lebenspartnerschaften, die ja in vielerlei Hinsicht noch jede Menge Hürden zu überwinden haben.

Zum Schluss dieses Teils möchte ich noch einmal kurz auf die Katholische Kirche eingehen. Ich hatte ja schon erzählt, dass uns unser Gemeindepfarrer herzlich behandelt hatte und mit Janas Entscheidung keinerlei Probleme hatte. Im Allgemeinen steht die Katholische Kirche ja oft in der Kritik bezüglich ihres Umgangs mit Lebensgemeinschaften jenseits der „normalen“ Ehe, dem Umgang mit Verhütung und ähnlichen Dingen. Doch in einem Fall wie dem unseren sagt das Bischöfliche Amt, dass eine Person nach einer Geschlechtsangleichung tatsächlich noch fast alle Sakramente empfangen darf. Ausgeschlossen sind lediglich die Priesterweihe und das Sakrament der Ehe. Denn in der Ehe sieht die Katholische Kirche tatsächlich die Institution, die dazu da ist, gemeinsam Kinder zu zeugen und im Katholischen Glauben zu erziehen.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (17)

In diese Krankenhauszeit fiel auch das letzte der offiziellen Outings. Fred, der eine katholische Schule in der Nachbarschaft besuchte, hatte ja bis jetzt darum gebeten, in der Schule nichts von Janas Veränderungen zu erzählen. Jetzt wollte sich Gustav, unser Kleiner, auch an dieser Schule bewerben und so kamen wir nicht mehr darum herum, auch dort reinen Wein einzuschenken. Bis auf ein paar engere Freunde von Fred wusste noch niemand Bescheid. An einem Tag der offenen Tür suchten wir das Gespräch mit der Schulpsychologin. Wir baten sie darum, den Direktor darauf vorzubereiten, dass wir neben dem üblichen Bewerbungsgespräch noch ein weiteres Anliegen auf dem Herzen hätten. Als es dann zu diesem Gespräch mit dem Schulleiter kam, haben wir ihn vorsichtig davon in Kenntnis gesetzt, dass sich an unserer Familiensituation in absehbarer Zeit etwas sehr Gravierendes verändern würde. Wir schenkten ihm komplett reinen Wein ein und er zeigte sich sehr beeindruckt, wie offen wir mit diesem Thema umgingen. Und als wir andeuteten, dass wir das Outing in Freds Klasse gerne anlässlich eines Elternabends machen würden, war er begeistert. Er sagte von sich aus, dass er gerne die Lehrerschaft im Vorfeld darüber informieren würde. Ich war sehr überrascht, dass es gerade an einer katholischen Schule so komplikationslos vonstatten ging, war ich doch klare Ablehnung von Seiten des Rektors der Grundschule gewohnt. Als ich ihm davon erzählte, war er schier entsetzt.

Als der erwähnte Elternabend nahte, erfuhren wir, dass Fred auch noch eine neue Klassenlehrerin bekommen würde, ein ganz junge Frau. Sie rief uns im Vorfeld an und wir unterhielten uns sehr intensiv. Sie schlug vor, die Eltern zwar an diesem Abend über die Veränderungen zu informieren, sie aber gleichzeitig zu bitten, den Kindern noch nichts zu sagen. Das sollten wir als Paar vor der Klasse machen. Leider war Jana noch in der Hautklinik, als der Elternabend stattfand. Also musste ich da alleine durch und ich hatte ganz schön Muffensausen. Mein Anliegen wurde als letzter Tagesordnungspunkt behandelt. Es waren tatsächlich alle Kinder mit mindestens einem Elternteil vertreten. Also fing ich an zu erzählen. Bis zum Schluss herrschte Mucksmäuschenstille. Als ich fertig war, war ich schweißgebadet. Was dann kam, verschlug mir den Atem. Die Eltern standen auf und applaudierten mir! Nicht eine einzige negative Bemerkung kam auf, im Gegenteil, alle Eltern waren damit einverstanden, dass Jana und ich die Kinder in einer eigenen Unterrichtsstunde über alles informieren sollten.

Es wurde eine Extranachmittagsstunde angesetzt. Im Normalfall hieß das für die Schüler, dass sie irgendwas angestellt hatten und sich nun einen Rüffel abholen mussten. Entsprechend demotiviert kamen sie auch in den Klassenraum, sie wussten ja nicht worum es tatsächlich ging. Jana war zwischenzeitlich aus der Klinik entlassen worden und übernahm diesmal das Reden selbst. Etwas zögerlich am Anfang, doch dann immer freier, erzählte sie alles, von dem Wunsch, der Hormontherapie, der bevorstehenden Operation. Aber auch von den Ängsten, die Fred hatte, Angst vor Mobbing und Ausgrenzung. Dann durften die Kinder Fragen stellen. Jana sagte ihnen, sie sollten keine Scheu haben, sondern von der Seele weg fragen. Die erste Frage wurde erstaunlicher Weise mir gestellt. Ein Schüler fragte doch tatsächlich mich, wie es mir in dieser Situation denn so ginge. Das war ich von Erwachsenen gewohnt, nicht aber von Kinder bzw. Jugendlichen. Ich war ehrlich in meiner Antwort, sagte, dass das Alles für mich auch nicht einfach sei, dass ich mir mein Leben natürlich anders vorgestellt hatte, dass wir es aber gemeinsam versuchen wollten. Es gab auch Fragen zur Hormontherapie, wie sie wirkt und zur anstehenden Operation. Jana ließ keine unbeantwortet.

Im Anschluss an diese Stunde beruhigten alle Mitschüler Fred hinsichtlich seiner Ängste. Ihr Verhalten ihm gegenüber würde sich nicht verändern. Das kam von Herzen und ist auch bis heute so. Möge sich mancher Erwachsene davon eine Scheibe abschneiden.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (16)

Ich habe ja schon von Janas Neurodermitis und ihren Krankenhausaufenthalten erzählt. Trotz der jetzt laufenden Hormontherapie litt sie nach wie vor an solchen Attacken. An einem Wochenende stand sie dann mal wieder völlig verzweifelt vor mir, zeigte mir ihre blutigen Beine und da stand fest, wir kamen um einen Besuch in der Notaufnahme nicht mehr vorbei. Wer schon einmal in der Notaufnahme, bzw. beim notärztlichen Dienst am Klinikum war, der weiß, dass es dort selten genau den Facharzt gibt, den die jeweilige Erkrankung erfordern würde. Als dann der junge Mann in Jogginghose und ausgeleiertem Shirt vor uns stand, wäre nicht nur Jana am liebsten wieder rückwärts raus, sondern ich auch. Er warf einen Blick auf die zerschundenen Beine und meinte: „Das haben Sie aber auch nicht erst seit gestern.“ Da mussten wir ihm wohl Recht geben. Er wusste noch nichts von Janas Transsexualität, wir erzählten ihm lediglich von der jahrelangen Kortisonbehandlung und den Ausbrüchen der letzten Monate. Wider Erwarten schien er nicht ganz ahnungslos, jedenfalls war er sich sehr schnell sicher, dass es sich dabei nicht um eine reine Neurodermitis handele, sondern diese gepaart sei mit psychischen Problemen. Auch hier konnten wir ihm  nicht widersprechen. Er riet dringend zu einer erneuten Vorstellung in der Hautklinik mit begleitender psychologischer Behandlung. Also hieß es Montagmorgen auf in die Hautklinik, wohl wissend dass Jana dort bleiben musste, was aufgrund ihrer sehr schlechten Erfahrungen bezüglich der Unterbringung in einem Männerzimmer, obwohl ihr ein Einzelzimmer versprochen wurde, wohl kaum umsetzbar war.

Wir schlugen also in der Hautklinik auf, hatten eine sehr einfühlsame Ärztin im Aufnahmegespräch. Trotzdem entschieden wir uns erst mal nichts von Janas Transsexualität zu sagen. Als Jana dann einmal aus dem Zimmer gehen musste, fragte mich die Ärztin, was denn los sei. Ich brach in Tränen aus, konnte einfach nicht mehr. Und erzählte ihr von der Transsexualität meiner Frau, von den schlechten Erfahrungen, die wir in genau dieser Klinik gemacht haben. Ich nahm kein Blatt vor den Mund und sagte klar, dass es natürlich besser für Jana sei, hier im Krankenhaus zu bleiben, dass sie es aber psychisch nicht verkraften würde, wieder in einem Männerzimmer untergebracht zu werden. Die Hormone hatten Wirkung gezeigt, auch äußerlich. Sie hatte Brüste entwickelt, wurde im Ganzen ein bisschen runder, weicher, die Gesichtszüge etwas entspannter, nicht mehr so markant. Die Ärztin fiel aus allen Wolken und organisierte sofort ein Einzelzimmer für Jana und dazu die Möglichkeit, mit dem Klinikpsychologen Gespräche zu führen. Außerdem ordnete sie eine Therapieumstellung für die Haut an. Das Kortison wurde nach und nach reduziert, dafür gab es andere Medikamente, die die Hautstruktur nicht zusätzlich belasteten. Jana blieb eine längere Zeit in der Klinik. Wir sahen endlich – zumindest was die Haut betraf – ein Licht am Ende des Tunnels. Noch in der Klinik trat eine deutliche Verbesserung der Haut ein  und zu Hause setzte sich der Erfolg fort.

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (15)

In die Zeit der Hormontherapie fiel auch die Erstkommunion unseres jüngsten Sohnes Gustav. Dass Jana bei dieser Gelegenheit auch Jana blieb und nicht in Matthias zurückschlüpfte, war selbstredend. Allerdings war der Pfarrer noch nicht eingeweiht und davor bammelte es uns etwas. Der katholische Glaube lässt da ja nicht allzu viel Spielraum. Wir holten uns Schützenhilfe bei einem Freund, der damals schon die Jugendfreizeit nach dem Outing bei den Kindern so unglaublich einfühlsam begleitet hatte. Gemeinsam traten wir also diesen Gang an, bewaffnet mit einer Flasche Wein und etwas zum Knabbern, so dass dieses Beichtgesprächgefühl erst gar nicht aufkommen konnte, sondern wir uns in netter Runde zum Plaudern trafen. Der Pfarrer hörte aufmerksam zu. Danach schwieg er ein Weilchen, während wir nervös auf seine Reaktion warteten. Völlig entspannt und locker kam seine Antwort: „Sie sind eine Familie, sie stehen zusammen, sie erziehen die Kinder im katholischen Glauben. Es ist doch alles gut! Außerdem hatten wir schon einmal einen solchen Fall in der Gemeinde. Sie sitzt jeden Sonntag in der vorletzten Reihe rechts“. Damit hatte ich gewiss nicht gerechnet!

Ganz so friedlich blieb die Reaktion meiner Familie leider nicht. Meine Mutter hatte große Probleme, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass sie dann mit einem Mann in Frauenkleidung in der Kirchenbank sitzen müsse. Auch der Rest war nicht begeistert. Immerhin konnte man zu Hause die Tür zu machen und keiner sah mehr etwas. Jetzt gab es auf einmal furchtbar viel Öffentlichkeit und das in einer vollbesetzten Kirche anlässlich einem der bedeutendsten Sakramente, die es für die Katholiken gibt. Am allerschlimmsten verhielt sich mein Bruder, der Jana gegenüber eh schon so ablehnend reagiert hatte. Er sagte klipp und klar, wenn sie in Frauenkleidung in die Kirche käme, ginge er nicht mit. Das war umso härter für Gustav, da es sich dabei um seinen Patenonkel handelte. Auch ich fühlte mich total zerrissen, war schließlich mit allen zerstritten. Für mich stand die Befindlichkeit des Jungen ganz klar im Vordergrund. Es war sein großer Tag und alle anderen lagen sich wegen einem albernen Kleidungsstück in den Haaren. Zwar fand sich kleidungstechnisch ein Kompromiss, nämlich ein eleganter, aber dezenter Hosenanzug, doch schien es so, als würde es meinen Bruder nicht beeindrucken. Für mich stand fest, wer mich vor die Wahl stellt, der zieht in diesem Fall den Kürzeren. Bei einem Telefonat sagte er mir dann: „Du und die Kinder sind hier jeder Zeit willkommen, aber Matthias nur, wenn er als Matthias kommt.“ Meinem Vorsatz folgend „Kids first“ antwortete ich ihm: „Dann werden wir uns wohl nicht wiedersehen.“  Die Interventionsversuche seiner Frau blieben scheinbar auch erfolglos. Erst knapp zwei Wochen vor der Kommunion kam dann das Signal, dass sie kommen würden. Wir waren um Gustavs Willen einverstanden.

Diese Situation hat mir so unendlich weh getan. Ich konnte nicht verstehen, wie sich Erwachsene so streiten konnten, wo es doch ausschließlich um die Bedürfnisse eines kleinen Jungen gehen sollte. In solchen und ähnlichen Situationen fand ich Trost in meinem Glauben und in der Kirche. Ich war immer schon ein gläubiger Mensch, wenn auch kein fleißiger Kirchgänger. Doch jetzt spendete sie mir die nötige Ruhe und es schien so, als bekäme ich durch Predigten, Psalme oder anderen Texten immer die richtige Antwort auf meine drängenden Fragen an Gott, wenn ich eine Heilige Messe besuchte. Besonders angetan hatte es mir zu dieser Zeit das Lied „Geh unter der Gnade“ … es passte mit jedem Satz, mit jedem Wort auf meine Situation.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (14)

Die lange Zeit des Wartens hatte endlich ein Ende. Nach zähem Kampf, unter anderem mit Janas Therapeuten, bekam sie die Zusage zur Hormontherapie. Man sah die Indikation als gegeben. Damit hatten wir den sogenannten Alltagstest, der für alle Betroffenen und Angehörigen der reinste Horror ist, erst einmal hinter uns.

Um diesen Horror mal deutlich zu machen, erkläre ich den Begriff „Alltagstest“ kurz: Der Gesetzgeber sieht vor, dass die Betroffenen ein Jahr lang ihr gewünschtes Geschlecht leben, sowohl privat als auch beruflich. Das heißt, ohne Hormone und ohne gesellschaftliche Rechte. Sie befinden sich also rechtlich und körperlich noch im ursprünglichen Geschlecht. Damit ist dann auch verbunden, wie in Janas Fall, dass sie nicht die Damentoilette benutzen durfte, obwohl sie Damenkleidung trug. Auch im Schwimmbad sind Damenumkleiden und Duschen tabu. Da blieb nur die Herrenumkleide oder der Verzicht auf das Schwimmbad.

Mit Sicherheit war dieser Alltagstest-Stress auch ein Grund, warum Janas Neurodermitis von Tag zu Tag schlimmer wurde. Ich musste jeden Tag das Bett frisch geziehen, weil sie sich blutig gekratzt hatte, wo immer sie auch dran kam. Zu allem Überfluss setzte sich auf die offenen Wunden noch eine Infektion, so dass sie um einen Krankenhausaufenthalt nicht herum kam. Der Haken daran war, dass sie in ein Männerzimmer einquartiert werden sollte, womit sie absolut nicht einverstanden war. Nur mit Hilfe eines Deals konnten das Klinikpersonal und ich sie überzeugen zu bleiben. Ausgemacht wurde, dass sie, sobald ein Einzelzimmer frei würde, dort hinein verlegt würde und sie als Frau in den Klinikakten geführt würde. Etwas entspannter ging es bei einem weiteren Klinikaufenthalt, diesmal in Mainz, zu. Hier gab es sofort Einzelzimmer und die Akzeptanz, eine Frau zu sein.

Die grundsätzliche Situation änderte sich für Jana ins Positive, als dann nach der Bewilligung für die Hormontherapie tatsächlich auch mit der Behandlung angefangen wurde. Hier wird unterschieden zwischen dem sogenannten sanften Weg, wo der Betroffenen lediglich Östrogene erhält, aber keine Testosteronblocker und dem harten Weg, sprich Östrogene und Testosteronblocker. Jana wählte zunächst den sanften Weg, die Dosis der Östrogene war auch noch sehr gering und trotzdem tat es ihr unendlich gut. Sie beschrieb es mit den Worten „mein Kopf wird auf einmal so frei“. Und tatsächlich wirkte sie wie ausgewechselt. Anfangs hielt ich das alles für reine Einbildung und fragte mich, warum sie nicht schon längst ihre sanfte Natur gezeigt hatte. Doch wie sehr ich da fehl lag und welche Wirkung die Hormone tatsächlich auf Jana hatten, verstand ich erst bei der ersten Kontrolluntersuchung. Hier stellte die behandelnde Ärztin einen zu hohen Östrogengehalt fest und setzte die eh schon sehr geringe Dosis noch weiter herab. Die Folgen waren Jana sehr schnell anzumerken, sie wurde wieder launisch, fühlte sich unzufrieden, ja irgendwie unfertig. Die Wochen bis zum nächsten Termin zogen sich in die Länge. Auf mein Drängen kontaktierte Jane schließlich die Ärztin, denn wir konnten nicht ausschließen, dass hier eine Fehlmessung vorlag. Das Östrogen wird als Salbe auf die Arme aufgetragen und genau dort wurde ja auch die Blutentnahme gemacht. Der vorgezogene Kontrolltermin bewies dann auch, dass ihre Hormonwerte absolut in den Keller gefallen waren. Die Dosis wurde angepasst und Besserung ließ nicht lange auf sich warten.

To be continued …

 

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (12)

Am Tag der Feier waren wir ganz schön aufgeregt. Matthias war nicht geschminkt, seine Haare ja auch noch ziemlich kurz und so waren wir ziemlich sicher, dass keiner, der nicht eingeweiht war, Verdacht schöpfen würde. Vielleicht mit Ausnahme einer Tante, die einmal bei Gerry Weber gearbeitet hat. Doch es blieb ruhig und meine Mutter entspannte sich zusehends. Sie bezeichnete Matthias Kleidung als fairen Kompromiss, alle waren zufrieden.

Anlässlich einer anderen Familienfeier, erst vor wenigen Wochen, als schon alle Verwandten informiert waren, kam justament diese Tante auf Matthias zu und lobte ihn – da schon Jana – wie gut er doch jetzt aussähe. Sie könne sich gar nicht mehr vorstellen, dass da mal ein Mann drin steckte. Bei dieser Gelegenheit erwähnte sie auch, dass sie tatsächlich an diesem 50. Geburtstag meiner Geschwister schon eingeweiht gewesen wäre. Meine Mutter hatte jemanden zum Reden gesucht und sich für sie entschieden. Eine gute Wahl!

Die nächste Herausforderung bestand nun, es genauso erfolgreich den Schwiegereltern zu verkaufen. Wir fuhren immer zwischen Weihnachten und Neujahr zu ihnen und ich bestand darauf, dass wir es ihnen im Vorfeld mitteilen sollten, oder zumindest vorwarnen. Ich bereitete also auch meine Schwiegermutter am Telefon darauf vor, dass ihr Sohn ihr bei unserem nächsten Besuch etwas mitteilen werde. Wie Mütter und Schwiegermütter nun mal sind, gab auch sie keine Ruhe und meinte, sie könne jetzt bis Weihnachten kein Auge zu tun, wenn wir ihr nicht endlich sagen würde, worum es ginge. Ich versuchte Matthias zu animieren, es seiner Mutter selbst mitzuteilen, doch er hatte Bedenken, es am Telefon zu tun und wirkte unsicher. Also blieb es doch wieder an mir hängen, trotz aller schlechten Erfahrungen mit dieser Art von Outing bei meiner Mutter. Als ich ihr reinen Wein eingeschenkt hatte, war erst mal Ruhe am anderen Ende der Leitung. Dann kam ein „Tja, dann isses so. Ich kann es ja eh nicht mehr ändern.“ Sie schien ihren Sohn in der Tat sehr gut zu kennen. Vielleicht fielen ihr da die kleinen Begebenheiten in seiner Kindheit ein. Zum Beispiel als sie in seinem Bett ihren Badeanzug fand, den sie dann kommentarlos verschwinden ließ. Auf jeden Fall schien sie nicht sonderlich beeindruckt, bestand aber darauf, es dem Vater erst zu sagen, wenn wir da wären. Zwischenzeitlich telefonierten wir noch recht oft. Sie fing an Fragen zu stellen und wir beantworteten sie gerne und ausführlich.

Als wir dann vor Ort waren, empfing uns dann die Schwiegermutter allerdings mit der Ankündigung, dem Vater doch erst mal nichts zu sagen. Sie war der festen Überzeugung, dass er damit nicht umgehen könne und es auch nicht akzeptieren würde. Da Matthias, ähnlich wie bei der Familienfeier meiner Geschwister, wieder ziemlich unisex gekleidet war, fiel dem Vater auch nichts weiter auf. Sein einziger Kommentar bezog sich auf die Frisur seines Sohnes. Das seien aber heftige Haare, meinte er. Dabei wäre es wohl in den Augen der Meisten lediglich eine etwas aus dem Ruder geratene Kurzhaarfrisur.

Matthias machte es sehr betroffen, dass seine Mutter der Meinung war, sein Vater solle nichts von seiner neuen Lebensweise erfahren. Dementsprechend angeschlagen war die Stimmung. Auf dem Weg nach Hause mussten wir fortwährend darüber nachdenken, wie es jetzt wohl weiter gehen würde.

Als wir das nächste Mal an Ostern zu ihnen fuhren, setzte Matthias sich durch und sagte seiner Mutter auf den Kopf zu, dass er es diesmal seinem Vater vermitteln würde. Ich konnte ihm anmerken, unter welchem Druck er deshalb stand und wie sehr er inzwischen unter der Heimlichtuerei litt. Als wir pünktlich zum Kaffee die Treppe runter kamen, empfing uns meine Schwiegermutter am Ende der Stufen. Mit den Worten „Ich habe es dem Vater schon gesagt!“ nahm sie Matthias die Möglichkeit, es ihm mit seinen Worten zu vermitteln. Das darauffolgende Gespräch gestaltete sich demzufolge entsprechend schwierig. Sein Vater schwieg sich komplett aus und stellte überhaupt keine Fragen. Man merkte ihm an, dass er die Neuigkeit erst mal verdauen musste. Es dauerte eine ganze Weile bis er auftaute. Inzwischen ist es tatsächlich so, dass der alte Herr damit recht gut umgeht, während seine Frau sich immer mehr zurückzieht und vor allem Matthias deutlich ihren Unmut spüren lässt. Auf jeden Fall war die komplette Familie endlich eingeweiht und uns beiden fiel ein ordentlicher Felsbrocken vom Herzen, dass wir diese Hürde erfolgreich genommen hatten.

 

To be continued …

DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (11)

Nach so viel hilfreichem Info-Input dank des ersten Live-Treffens mit einer anderen betroffenen Familie in der gleichen Situation, lebte es sich vor allem für mich um einiges entspannter. Doch nun stand für Matthias und mich ein wirklich schwerer Gang an. Unserer Familien wussten ja noch von rein gar nichts. Zwar bestand kaum die Gefahr, dass sie es zufällig erfahren würden, denn sie wohnten weit genug weg. Das große „Aber“ war aber der runde Geburtstag meiner Zwillingsgeschwister. Matthias wollte auf gar keinen Fall in Herrenkleidung dort erscheinen. Ich versprach mir von der Tatsache, dass mein Bruder schwul ist und auch mit einem gleichgeschlechtlichen Partner verheiratet ist, einen kleinen Vorteil und vermutete ihn auf meiner bzw. unserer Seite. Also rief ich ihn im Vorfeld an, unteranderem um mit ihm abzusprechen, wie wir es am besten unserer Mutter vermitteln könnten, denn der Umstand, dass mein Bruder andere Männer liebt, ist für sie bis heute ein schwieriges Thema. Er teilte meine Bedenken diesbezüglich und so einigten wir uns darauf, dass Matthias und ich sie im Vorfeld der Geburtstagsfeier besuchen würden, um sie schonend darauf vorzubereiten. Ich rief sie an, um einen Termin mit ihr auszumachen. Doch sie bohrte so lange, bis ich ihr am Telefon reinen Wein einschenken musste. Ihre Reaktion war vorhersehbar: Sie war entsetzt. Es sei unmöglich, ich müsse mich doch jetzt von Matthias trennen. Wie käme er überhaupt auf diese verrückte Idee und warum habe er dann erst eine Familie gegründet und zwei Kinder in die Welt gesetzt. So die Kurzfassung ihrer Tirade. Dennoch ließ sie sich auf einen Gesprächstermin ein und ich war schon froh, dass sie nicht gesagt hat, dass Matthias nie wieder einen Fuß über ihre Schwelle setzen solle. Daraufhin war uns zumindest eines klar: Wir mussten zu jedem persönlich hinfahren und es ihm sagen. Telefonisches Outing erwies sich als Horror.

Also machten wir uns auf den Weg, meine Mutter und auch meine Geschwister zu besuchen. Zwar war auch mein homosexueller Bruder nach wie vor der ganzen Sache relativ offen gegenüber eingestellt, dennoch äußerte er Bedenken, dass es für ihn schwer vorstellbar sei, dass Matthias es nicht früher gewusst oder gemerkt habe. Auch er machte ihm unterschwellige Vorwürfe, dass er eine Familie gegründet habe und Kinder in die Welt gesetzt habe. Dennoch riet er ihm, zu machen was er wolle. Mir gab er mit auf den Weg, gegebenenfalls die Reißleine zu ziehen, denn noch sei ich ja jung genug.

Bei meiner Mutter entwickelte es sich entspannter als erwartet. Sie hielt das alles für eine fixe Idee und meinte, das würde schon wieder. Nun, das kam mir sehr bekannt vor und wusste, dass sie im Unrecht war. Dieses eine Treffen reichte auf jeden Fall nicht aus, um sie davon zu überzeugen, dass Matthias seinen Weg gehen würde, bis zum Ende.

Wir besuchten auch die Zwillingsschwester meines schwulen Bruders. Ihre einzige Reaktion war, sie verstehe es zwar nicht, aber wir müssten ja wissen, was wir wollten. Sie würde Matthias auf jeden Fall auch in Zukunft nicht der Tür verweisen. Aber auch sie konnte nicht wirklich verstehen, dass Matthias erst eine Familie gründete und dann mit so einer Sache kam. Ich ahnte schon, dass auch sie das Thema nicht so einfach akzeptieren würde.

Dann gab es da noch den mittleren Bruder. Auch ein schwieriger Fall. Er hörte sich an, was wir ihm mitzuteilen hatten. Sagte wenig dazu. Irgendwann kam dann ganz nüchtern, er könne und wolle damit nicht umgehen. Wir sollten machen was wir wollten, doch bitte ihn da raus halten. Ich hielt es für eine Reaktion unter dem ersten Schock. Ich wusste ja, dass es nicht einfach werden würde, doch wir hatten immer ein sehr enges Familienverhältnis. Leider wurde meine Hoffnung, nach dem Motto, hier steht deine Tochter, eure Schwester, die braucht euch jetzt, nicht wirklich erfüllt. Aber wie gesagt, immerhin gab es auch keine klare Ablehnung. Bei  schwierigen Themen bedarf es eben viel Überzeugungsarbeit und noch mehr Verständnis für die andere Seite.

Die Geburtstagfeier rückte näher und wie nicht anders zu erwarten, kam es dann doch noch einmal zu Diskussionen. Matthias erklärte klipp und klar, dass er nicht gewillt sei, noch einmal Anzug und Krawatte zu tragen. Ich konnte förmlich hören, wie die ganze Familie scharf die Luft einzog. Die Bedenken, dass man ja über uns und sie reden könne, weil ja auch Onkel und Tanten kamen, waren ihnen allen auf die Stirn geschrieben. Der Zwillingsbruder kam am schnellsten wieder zu Stimme und formulierte dann den Kompromiss, dass Matthias ja nicht unbedingt in Highheels und Mini kommen müsse, es gäbe ja auch dezentere Varianten. Matthias sah das ein und entschied sich für ein unauffälliges, ab dennoch nicht minder weibliches Outfit zusammengesetzt aus Hose, Bluse und Pullover. Dennoch schoss in mir der Gedanke hoch, wenn ich jetzt vor die Wahl gestellt werden: Matthias oder Familie, für wen würde ich mich wohl entscheiden?!

Nun, wir zogen erst mal los, um Matthias für die Feierlichkeit einzukleiden. Bei Gerry Weber wurden wir fündig. Als ich mal einen kurzen Moment zum Verschnaufen vor die Ladentür trat, kam die Verkäuferin hinterher und sprach mich an. „Gell, Sie haben ganz viel Angst“, stellte sie fest. Ich erläuterte ihr die Situation. Da nahm sie mich feste in den Arm und sagte mit absoluter Überzeugung in der Stimme: “Sie schaffen das!“ Oh mein Gott, tat das gut!

 

To be continued …