STIMMUNGSSCHWANKUNGEN – SO UNBERECHENBAR WIE DAS WETTER

Ja, die Woche lief ganz gut an. Montag Abend war der nächste Termin beim Psychologen. Diesmal ein Einzelgespräch mit ihr, ich kam nur zum Schluss dazu, um noch ein paar Formalitäten zu erledigen. Er sprach von viel Potential und lobt, wie offen sie über alles reden konnte. Dienstag strahlte schon morgens um sechs die Sonne in unserem Haus, denn sie stand auf und ging in die Schule, obwohl es „Werktstatttag“ war. Der, der ihr letztes Mal so eine Panik bereitet hatte. Ich fuhr sie hin, sie war nervös und aufgeregt, aber tapfer. Sie bat mich, mit hinein zu gehen und das tat ich auch. Als wir den Werkstattraum betraten, an den hinten ein Klassenzimmer angrenzte, schallte ihr großer Jubel von den Jungs entgegen. Die freuten sich riesig, sie wieder zu sehen. Ich sprach noch kurz mit den Lehrern. Alles gut, sagten sie, wir kümmern uns. Dass ich mich darauf verlassen konnte, wusste ich. Sie hielt es dann tatsächlich vier Stunden aus und berichtete freudestrahlend zu Hause davon. Dass es dann am Mittwoch wieder nicht klappte, brachte mich dieses Mal nicht so sehr aus der Fassung. Mittags hatten wir ein Gespräch mit dem Klassenlehrer und zwei weiteren Lehrkräften. Es ging um die anstehende Klassenfahrt und auch um ihre weitere schulische Laufbahn. Wir legten fest, dass sie auf jeden Fall mit auf Klassenfahrt fahren sollte. Natürlich musste man sich auch Gedanken machen, wie es sonst in der Schule weiter gehen würde. Es gab viele Fehlstunden und es würde noch mehr geben. Ob es im Endeffekt zu viele wären, um für die Abschlussprüfung zugelassen zu werden, würde sich zeigen. Aber die Klasse zu wiederholen sei kein Beinbruch. Ich beobachtete, wie sie diese Information verarbeitet und es ihr schon zu schaffen machte. Der Klassenlehrer bat sie, doch einen Brief an die Mitschüler zu schreiben, um ihnen ihre Situation zu erklären. Das tat sie auch. Abends saßen wir auf der Terrasse. Was sie dann sagte, schockte mich sehr. Sie überlege, ob sie nicht alles hinschmeißen solle. Auf Nachfrage sagte sie, die Schule aufhören. Und dann fragte ich sie. Hartz IV kam als Antwort. Ich war sprachlos, sauer, versuchte aber, die Vorwürfe, die mir auf der Zunge lagen, zurückzuhalten und statt dessen zu erklären, was so eine Entscheidung für Folgen für ihr weiteres Leben haben könnte. Trotzdem kühlte unser Verhältnis für den nächsten Tag merklich ab, ich war einfach zu entsetzt. Der Donnerstag war dann auch sehr durchwachsen. Sie wirkte sehr bedrückt, zog sich wieder zurück. Abends, mitten im Supermarkt, umarmte sie mich auf einmal und entschuldigte sich. Oh mein Gott, ich glaube noch nie wurden in einer Kassenwarteschlange so ernsthafte Gespräche geführt. Freitag ging sie wieder in die Schule. Mein Herz jubilierte, mein Verstand bremste es etwas aus. Trotz vieler positiver Berichte am Nachmittag, war deutlich zu spüren, dass es ihr nicht gut ging. Und obwohl ich in Habachtstellung war, sah ich erst am Samstag Morgen, dass sie sich nachts geritzt haben musste. Nur einmal, aber sehr tief. Den ganzen Samstag versuchte ich sie abzulenken, zu beschäftigen. Ihre guten Phasen beschränkten sich inzwischen auf Minuten, kaum ein Lächeln, geschweige denn ein Lachen.

Als sie dann aus dem Bad rief „Mama komm mal, aber nicht erschrecken!“, wusste ich, was passiert war. Aber auf das Ausmaß war ich nicht vorbereitet. Über ein Dutzend tiefe Schnitte, die teilweise mehr als einen Zentimeter aufklafften. Das musste ärztlich versorgt werden. Eigentlich war geplant, dass sie mit ihrer kleinen Schwester nachmittags auf ein Nachtreffen von der Sommerfreizeit ging. Daran war nun nicht mehr zu denken. Ich brachte wenigstens auf dem Weg ins Krankenhaus die Kleine hin und organisierte, dass sich jemand um sie kümmern würde, falls sie nach Hause wollte, dann fuhren wir weiter. Es war eine Höllenfahrt, völlig unkonzentriert sind wir nur durch einen sehr aktiven Schutzengel an einem schweren Auffahrunfall vorbei geschrammt.

In der Notfallaufnahme im Krankenhaus angekommen, kamen wir direkt dran. Auf dem Weg dorthin hatten wir überlegt, wie es jetzt weiter gehen würde. Wir waren uns sicher, dass sie uns entweder nach Riedstadt in die Jugendpsychiatrie weiter schicken würden oder zumindest das Kind für ein paar Tage zur Beobachtung da lassen würden. War wir dann dort erlebten, spottete jeder Beschreibung. Meine Tochter wurde behandelt wie der letzte Dreck. Zwar wurden die Wunden versorgt, es gab eine Tetanusspritze, aber auf die Ursache der Selbstverletzung wurde nicht eingegangen. Nach dem Motto, das war ja nicht das erste Mal – die alten Narben sahen sie ja deutlich – stell dich nicht so an, wurde die Tatsache, dass sie dem Arzt von den wiederkehrenden suizidalen Gedanken berichtete, völlig ignoriert. Auf dem schnell hingekrotzelten Krankenhausbrief stand dann was von bekanntem Borderlinesyndrom, was ja überhaupt nicht stimmt! Ich habe mich schwarz geärgert, dass ich nicht einen Rettungswagen gerufen hatte und noch riskierte, selbst zu fahren.

Also fuhren wir wieder nach Hause. Was nun? Das Kind brauchte dringend Hilfe. Ihr sehnlichster Wunsch war es, wieder stationär aufgenommen zu werden. Mir wurde Angst und bang vor Montag, wenn ich wieder acht Stunden im Büro sein würde und sie im Zweifelsfall alleine zu Hause.

Der Sonntag verlief ruhig, keine Vorfälle, aber auch kein Lächeln. Irgendwie wirkte sie trotzdem entspannter, so als hätte das Ritzen eine Last von ihren Schultern genommen. Mir stellte sich nur die Frage, wie lange es brauchen würde, bis die Last wieder so schwer war, dass erneut etwas passieren würde. Wir beschlossen gemeinsam, dass sie unter den Umständen nicht mit auf Klassenfahrt fahren würde. Ich sah mich außerstande, die Verantwortung an die Lehrer abzugeben, zumal es in eine Berghütte ging, weit weg von gut und böse und nur durch zweistündigen Fußmarsch zu erreichen. Wir hofften, dass der Montag, an dem die Wunden vom Hausarzt kontrolliert werden würden und abends ein Termin beim Psychologen anstand, einen Fortschritt in Richtung Klink brachte.

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