STOLPERN – FALLEN – LIEGEN BLEIBEN … die Dunkelheit findet dich schon!

Viele Monate hatte das Kind nicht so einen glücklichen Eindruck gemacht. Endlich die Anerkennung, die ihr so lange verwehrt geblieben war. Die schulischen Leistungen stiegen permanent, lachend nannte sie sich selbst einen Streber. Es hagelte Einser. Und jeden Mittag sprudelte es nur so aus ihr heraus. Sie erzählte in den ersten Wochen des neuen Schuljahres mehr (Positives) aus der Schule, als in den vergangenen neun Jahren zusammen. Kein Problem mehr mit dem morgendlichen Aufstehen, keines mit Hausaufgaben oder Lernen. Es lief wie am Schnürchen. Sie war Teil einer intakten Klassengemeinschaft. Der einzige Punkt, der sie störte, brachte mich zum Schmunzeln: Sie verabscheute es, wenn sie aufgrund der Tatsache, dass sie ein Mädchen ist, in irgendeiner Weise bevorzugt wurde.

Dann kam der Moment, in dem eine Verkettung unglücklicher Umstände alles zum Einsturz brachte. Eine durchgemachte Nacht um für die Lieblingsband zu voten, der Ärger über die eigene Unfähigkeit, am nächsten Morgen in die Schule zu gehen, heftig einsetzende Schmerzen, weil natürlich gerade jetzt auch noch die Periode losging und die unbedachte Bemerkung eines guten Freundes. Ein teuflischer Cocktail, der den sicheren Boden unter den Füßen erweichen ließ und die Dunkelheit dazu brachte, langsam aber sicher von unten nach oben zu wandern. Mit der ersten Selbstverletzung (tiefes Ritzen) seit Monaten wollte sie wohl die aufkommende Leere vertreiben. Doch das Versagen, das Übertreten ihrer selbst aufgestellten Regeln, ließ den wankenden Boden zu Treibsand werden. Langsam aber sicher – scheinbar unaufhaltsam – versank sie in einer Lethargie, die nichts mit Schulangst zu tun hatte, die sie später selbst als die große Leere bezeichnete.

Es hatte eine Weile gedauert, bis ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Auch meine Wachsamkeit hatte nachgelassen, lief doch alles so hervorragend. Außerdem kam es durchaus schon einmal vor, dass sie aufgrund starker Unterleibsschmerzen während ihrer Periode zwei, drei Tage nicht in die Schule gehen konnte. Und dass sie mit dem frisch verletzten Arm nicht in die dreckige Werkstatt wollte, war ja auch verständlich. Denn wenn ich spätnachmittags nach Hause kam, wirkte sie zwar gedämpft, aber meine Alarmsensoren schlugen noch nicht an. Kopfschmerzen, eine heftige Erkältung, aus einer Woche wurden zwei, wenn auch durch einen der Donnertagsfeiertage abgekürzte Schulwoche. Erst in der dritten Woche wurde ich hellhörig, vielleicht weil ihr die Ausreden ausgingen. Am Wochenende hatte ich bereits beobachtet, dass sie höchstens noch aufstand, um auf die Toilette zu gehen, etwas zu trinken oder eine Klitzekleinigkeit zu essen. Ansonsten hielt sie sich in ihrem Zimmer auf – eigentlich nichts Besonderes – aber die Jalousien waren den ganzen Tag unten, sie las ihre geliebten Mangas nicht mehr, hörte im Höchstfall noch KPOP um sich dann über negative Fankritiken bis in den Weinkrampf hinein aufzuregen.

Zuerst vermutete ich die Rückkehr der Schulangst. Mit allen Mitteln versuchte ich aus ihr heraus zu bekommen, was denn die Ursache für ihr Verhalten sein könne. Die Aussage „weiß ich doch selbst nicht!“ machte mich rasend. Inzwischen weiß ich, dass es tatsächlich so ist. Das Kind hat sich den Kopf zermartert und fand doch nur Leere. Aber bis es bei mir klick gemacht hat, oh mein Gott, es hat gedauert. Mit allen Mitteln habe ich versucht, sie aus dem Bett zu holen. Das ging von Betteln und Versprechungen machen, bis hin zu heftigem Geschreie und Tobsuchtsanfällen meinerseits einschließlich Verboten. Zuckerbrot und Peitsche. Nichts half. Das Resultat war nur noch weiterer Rückzug. In dieser heißen Phase hatten wir unser Halbjahresgespräch mit dem Jugendamt und den Einzelfallbetreuern vom Verein Mäander, die Maria seit ihrem ersten Klinikaufenthalt zur Seite standen. Auch das war ein heftiges Gespräch, das Kind relativ verstockt, ich vor Wut in Tränen aufgelöst. Im Laufe dieses Meetings sprach meine Tochter davon, dass der Gedanke, dass die Welt ohne sie viel besser zurechtkäme, zurückgekehrt sei. Da saßen wir alle mit einem Male senkrecht in den Stühlen. Vor Ort wurde eine Art Vertrag aufgesetzt, in dem sie quasi mit ihrer Unterschrift bestätigte, dass sie sich nichts antun würde. Nur ein Stück Papier, aber vielleicht half es ja. Mit dieser furchtbaren Aussage als „Druckmittel“ gelang es mir dann für den nächsten Tag einen Akuttermin in der psychiatrischen Ambulanz der Klinik zu bekommen, in der sie im vergangenen Jahr so viele Wochen verbracht hatte. Dieses Mal sprachen wir mit einer Psychiaterin, keiner Psychologin. Das kam mir wie ein Glückgriff vor. Nachdem sie sich alles angehört hatte, brachte sie eine medikamentöse Therapie ins Spiel. Ein neues Medikament, dass gerade bei Jugendlichen bessere Erfolge erzielte, als die herkömmlichen. Meine Tochter war damit einverstanden. Mit einer sehr geringen Dosierung wurde begonnen, zuvor klinische Untersuchungen wie EKG, LuFu und Blutwertbestimmung durchgeführt. Die Wirkung sollte in zwei bis sechs Wochen eintreten. Eine gefühlte Ewigkeit tat sich nichts. Zuhause wiederholten wir jeden Morgen das gleiche Ritual. Ich ging zweimal in ihr Zimmer um sie zu wecken, sie ignorierte mich zweimal. Doch mehr Versuche unternahm ich nicht. Auf der einen Seite sollte der Druck ihr gegenüber nicht noch größer werden, denn umso heftiger war bei ihr das Gefühl, wieder versagt zu haben, zum anderen war auch ich langsam am Ende meiner Kraft angekommen. Die Sommerferien waren fast erreicht, mit der Schule stand ich längst in regem Kontakt und war überglücklich, dass sie uns so unterstützten und den Rücken freihielten. Zwar ging das Kind noch nicht wieder in die Schule, aber sie nahm am Elternnachmittag teil, bei dem es um die Klassenfahrt im nächsten Schuljahr ging und war immer noch Teil der Klassen-WhatsApp-Gruppe. Holte sogar ihr Zeugnis selbst in der Schule ab und freute sich wahnsinnig über eine Karte ihrer Lehrer und noch mehr über ein Schulshirt auf dem alle Klassenkameraden unterschrieben hatten, samt Klassenfoto. Wir sahen in diesen kleinen Aktionen einen blauen Streifen am Horizont. Für meine beiden Töchter sollte es in der ersten Woche auf Freizeit nach Ameland gehen. Kurz davor MUSSTE meine Große morgens um sechs aufstehen, weil sie als Teamerin verpflichtet war, beim Beladen des LKWs zu helfen. Ich machte mir wenig Hoffnung, dass das klappen würde, hatte mit den Betreuern schon darüber gesprochen. Also morgens das übliche Ritual: Reingehen, Wecken, Umdrehen, Rausgehen. Ich kam nicht aus dem Zimmer. Sie sprang aus dem Bett und schrie mich an, ob ich nicht endlich aufhören könnte, sie mitten in der Nacht zu wecken. Ich blieb stehen, drehte mich um und lachte schallend, bis mir die Tränen kamen. Reichlich perplex starrte sie mich an. Als ich wieder Luft bekam erklärte ich ihr, dass ich mich noch nie so sehr darüber gefreut hätte, dass sie mich anschreit, wie heute. Endlich eine Reaktion, endliche offen gezeigte GEFÜHLE!

Die Tabletten wirkten und uns standen sechs Wochen relativ entspannte Sommerferien ins Haus. Unsere Hoffnung wuchs …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s