MOBBING – PSYCHOTERROR FÜR OTTO-NORMAL-VERBRAUCHER

Meine Tochter bat mich, ihre Geschichte aufzuschreiben. Sie hofft, dass der eine oder andere Betroffene darin ein bisschen Hilfe finden kann. Da die Geschichte sehr lang ist, werden es etwa drei Teile.

Was mit „Ausdotzen“ im Kindergarten anfängt, sich durch kleine, aber wachsende Bösartigkeiten in der Grundschule zeigt und oftmals als Gruppenhetze in der weiterführenden Schule zu finden ist, hält als subtil hinterhältiger Psychoterror dann Einzug ins Berufsleben. Sensible Menschen sind oft davon betroffen. Solche, die scheuen, sich zu wehren oder Angst davor haben, es an entsprechender Stelle zu sagen. Klassische Opfermentalität nennt das die Fachpresse. Von den Tätern spricht kaum jemand. Nicht selten bleiben sie unerkannt oder verschont, denn „ist doch gar nicht so schlimm. Stell dich nicht so an!“ ist ein Satz, mit dem Pädagogen, Kollegen, Vorgesetzte und leider auch manche Eltern sich gerne herausreden. Bis es zu spät ist. Es kann Jeden treffen.

Uns hat es getroffen. Meine Tochter war damals 13 Jahre alt, als es anfing. Von Natur aus ruhig, zurückhaltend und schweigsam, vom Erscheinungsbild auffällig, weil immer die Größte in der Klasse, kein typisches Mädchen halt. Robust und doch gleichzeitig hochsensibel, ausgestattet mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und absolut harmoniebedürftig. Hochintelligent, aber zu still, um es anderen auf die Nase zu binden.

Die ersten Anzeichen schob ich auf die Pubertät. Keinen Bock auf Schule, Aufsässigkeit zu Hause, Leistungsabfall. Dazu kam ziemlicher psychischer Druck durch einen hysterischen Vater, der Sorgerechtsstreitigkeiten vor Gericht, Jugendamt und sogar Polizei zerrte – samt Kind.

In der Schule hieß es, nein, alles gut, das vergeht wieder, da müssen alle Eltern mal durch. Na ok, ich hoffte, dass die Große aus dem Gröbsten raus sein würde, wenn die jüngere Tochter nachlegte.

Dann fing das Bauchweh an. Jeden Morgen. Wir stellten das Frühstück um, es nützte nichts. Oft konnte sie erst zur zweiten Stunde in die Schule oder ich musste sie gleich nach Unterrichtsbeginn wieder holen. Der Kinderarzt konnte keine Ursache finden. Kurze Zeit später trudelten die ersten Briefe aus der Schule ein, unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht, fehlende Hausaufgaben. Auf mein intensives Drängen erzählte sie mir dann von den Nickeligkeiten in der Schule. Für die meisten wäre es wahrscheinlich Kinderkram gewesen, aber ich kannte ja meine Tochter. Sie nahm sich das zu Herzen. Ich ging davon aus, dass ein kurzes Gespräch mit der Klassenlehrerin alles wieder ins Reine bringen würde. Doch da hörte ich nur, dass die Klasse doch so sozial sei und sie sich das gar nicht vorstellen könne. Meine Tochter solle mehr auf die Kinder zugehen, sich nicht ausgrenzen, das würde schon wieder. Hm, ok. Es wurde nicht. Mehr Fehlzeiten, mehr Briefe, neue Gespräche. Diesmal in der VIP Runde mit Schulleiter, Jahrgangsstufenleiterin, Elternbeiräten, Klassenlehrerin. Viele kluge Ratschläge, die ich längst probiert hatte, die aber nicht fruchteten. Weitere Talkrunden in denen ich nur hörte, dass die Klasse meiner Tochter die sozialste der ganzen Jahrgangsstufe sei. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken an die anderen. Zwischenzeitlich telefonierte ich mir die Finger wund nach Ansprechpartnern für Hilfe. Jugendamt sagte, ist Sache der Schule. Dort hieß es, das Jugendamt muss einen Begleiter stellen. Schallendes Gelächter im Jugendamt. An der Schule gäbe es doch einen Sozialarbeiter, der solle sich um das Kind kümmern. Klar, der hatte eine halbe Stelle mit ca. 1200 Kindern und wurde aufgrund der zunehmenden Zahl an traumatisierten Flüchtlingskindern ständig abgezogen. Therapieplätze sollte es erst nach Monaten Wartezeit geben, in der Ambulanz einer nahen Kinder-und Jugendpsychiatrie hatten wir immerhin nach zwei Wochen einen Termin. So lange hielt mich die Schulsekretärin irgendwie am Leben, mit der ich fast täglich telefonierte und die half wo immer es ging und gleichzeitig meiner Tochter als Anlaufstelle diente. Ein Hoch auf diese Perle!

Endlich nahte der Termin in der ambulanten Sprechstunde. Ein Anfang. Einmal im Monat zum Gespräch war nicht viel, aber wir hatten den Fuß in der Tür. Auf die Warteliste für die stationäre Aufnahme kam sie auch. Außerdem gab es ein Attest, mit dem sie aufgrund ihrer psychologischen Erkrankung vom Regelunterricht befreit sei, so sie denn nicht daran teilnehmen könne. Gut. Aber irgendwann muss ja das Verpasste nachgeholt werden.

Ihr seelischer Zustand verschlimmert sich immer mehr. Das harmloseste war das Frustfressen. Sie begann sich zu ritzen. Erst die Arme, wenig nur. Dann immer mehr. Die Beine kamen dazu. Danach war sie immer völlig aufgelöst, doch wenigstens sprach sie dann über ihren Kummer. Am liebsten wäre ich in die Schule gerannt und hätte Kinder samt Lehrkörper geschüttelt. Doch von dort kam nur der Rat, wenn das Kind so große Probleme hätte, tja dann solle es doch die Schule wechseln. Klar, Problemkinder wird man gerne los. Vor allem wenn die Eltern etwas renitent sind. Ist nicht gut für die Statistik.

Die Wartezeit auf den ersten Gesprächstermin überbrückten wir mit allen möglichen Untersuchungen, die einwandfrei erwiesen, dass das Krankheitsbild keine klinische Ursache hat, sondern rein Kopf bedingt war. In der Ambulanz erfolgten dann neben den Gesprächen diverse Tests. Unter anderem ein Intelligenztest, der ihr überdurchschnittliche Begabung auf fast allen Gebieten bescheinigte, aber der auch manifestierte, dass sie sozial auf schwachen Beinen stand, nicht ausreichend Selbstvertrauen hatte, dringend für sich ihre Werte definieren müsste und sich nicht für Andere in Not stark macht, sondern ihr Augenmerk auf sich lenken MUSS. In dieser Zeit schrieb sie mir einen herzergreifenden Brief – schreiben war einfach leichter, als reden – in dem sie über ihre Gefühle sprach. Die Tränen schossen mir in die Augen, als ich zu der Stelle kam, an der sie davon erzählte, dass sie am liebsten nicht mehr auf dieser Welt wäre. Ich scannte den Brief ein und schickte ihn an die Psychologin der Ambulanz. Keine Reaktion. Fand ich merkwürdig. Dann kam wieder so ein Test-Tag in der Ambulanz. Die Dame dort schien den richtigen Riecher zu haben, denn sie brachte mein Kind dazu, über den Brief zu reden, während ich mit ihrer Psychologin im Elterngespräch war.

Dann ging es ganz schnell. Eine kurze Absprache unter den Kolleginnen, ein paar Telefonat und das Kind blieb als Notfall gleich da. Stationär. Für Wochen.

Endlich Hilfe! Ein blauer Schimmer am grauen Horizont.

Fotokredit: Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

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