LEHRER AM LIMIT? WER IST SCHULD …

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt bei dem Einen oder Anderen unbeliebt mache, muss ich mal meinen Senf zu einer Radiomeldung von heute Morgen geben.

Da hieß es, die Grundschullehrer in Hessen (ich denke, dass kann man auch auf Bundesebene ausdehnen) seien an die Grenzen ihrer Leistung gekommen, ein normaler Unterricht kaum noch möglich. Ok, theoretisch würde ich dem uneingeschränkt zustimmmen. Lehrermangel herrscht definitiv! Vielleicht sollte ich erwähnen, dass meine Mutter Jahrzehnte lang Grundschullehrerin war, mit einem eben solchen verheiratet ist und unsere Freizeit oftmals mit anderen Pädagogen jeglicher Couleur geteilt wurde. Und diese Zeit hat mich geprägt! Wenn ich eines bereits im zarten Kinderalter wusste … LEHRERIN WERDE ICH NIE!!

Nun zu den Gründen, die da in der Meldung angegeben wurden. Als erstes nannte die Sprecherin zuviele Kinder mit Migrationshintergrund, die der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind. Ja, kann ich nachvollziehen. Es fehlen mit Sicherheit vorne und hinten Fachkräfte, die in den Schulen, aber auch außerhalb qualifiziert dafür sorgen, dass den hier eingeschulten Kindern die Sprache ihrer Wahlheimat beigebracht wird. Doch dann ging es gleich in die Offensive. Die Eltern würden sich nicht ausreichend um ihre Sprößlinge kümmern oder sie gar erziehen, die könnten nicht mehr zuhören, würden den ganzen Tag nur vor der Glotze hängen (hier ist wohl das Handy oder ähnliches inzwischen Gewinner) und wären überhaupt viel zu viel alleine.

Und genau da fällt bei mir erst mal der Hammer. Aus unterschiedlichen Gründen. In welchem Alter mögen die Eltern von Grundschulkindern heute sein? Ich würde sagen so Mitte dreißig in etwa. Also mindestens zehn Jahre jünger als ich. Wenn ich jetzt zurück blicke auf meine (Grundschul-)Zeit, da bricht mir heute noch der Schweiß aus. Wir waren fast 40 Kinder in der Klasse, auch nicht alle deutsch. Und wir haben mit Sicherheit jede Menge Mist gemacht. Aber wir hatten Grenzen! Wir hatten Frontalunterricht! Wir hatten Noten von der 1. Klasse an! Unsere Elternabende waren gut besucht! Und wir sind auch nicht schlauer oder dümmer als die Kindergeneration von heute. Trotzdem ist aus uns etwas geworden. Denn wir hatten klare, abgesteckte Linien, keine Frühförderung, kaum Nachmittagsbetreuung und Pädagogen, die auch schon mal die Stimme erhoben, wenn ihnen etwas nicht passte, einen harschen Brief an die Eltern schrieben, Nachsitzen ließen und Strafarbeiten vergaben.

Und dann begann in meinen Augen der Untergang der Pädagogik. Da wurde auf Kuscheln umgestellt, von Kleinstkindern erwartet, dass sie in Selbsterfahrungskursen im Kindergarten ihre Grenzen selber erforschen und auch festlegen. Klare Anweisungen, vor allem in der Schule, wurden verpönt. Es gab Arbeitspläne, die besagten, was man machen müsste … eventuell … und die Kontrolle der erledigten Arbeit überließ man gerne noch Mitschülern. Grenzen verschwammen … immer mehr. Von Generation zu Generation wurden sie weicher.

Gleichzeitig gab man den Eltern unendlich viel Mitspracherecht. Beschnitt sich als Pädagoge meiner Meinung nach selbst in seiner Handlungsfreiheit. Die Retourkutsche kam prompt: Stand im Zeugnis eines Erstklässlers künftig, dass der Schüler schon die Buchstaben a,b und c lesen konnte, waren die Eltern maßlos stolz. Lasen aber nicht zwischen den Zeilen wo da stand, alles andere kann er NICHT! Bloß nichts negatives mehr sagen. Aber think positiv wirkt eben nicht immer. Wenn heute der Pädagoge mal einen Kreisch loslässt, hat er gleich den Anwalt besorgter Eltern auf dem Hals, die ihn wegen Psychoterror verklagen wollen … mal etwas spitz formuliert.

Das „Nichtkümmern“ der Eltern hat sich eingeschlichen. Gab es doch zunehmend Betreuungsmöglichkeiten. Da waren dann ja Andere verantwortlich, passt doch besser. Aber und jetzt kommt ein dickes ABER!!! Nicht immer geschieht das, zumindest in der heutigen Zeit, freiwillig. Waren zu meinen Grundschulzeiten oft noch ein Elternteil und gegebenenfalls auch Oma oder Opa nachmittags zuhause, so sieht es heute so aus, dass aufgrund der (Voll)Zeitberufsfähigkeit BEIDER Elternteile (von irgendwas muss die Familie ja leben) und dem Auseinanderreißen intakter Familienstrukturen auf der Jagd nach einem guten Job, vielen Eltern gar nichts anderes übrig bleibt, als ihre Kinder über längere Zeiträume sich selbst zu überlassen.

Und dann muss ich lesen, dass gewerkschafltich organisierte LehrerInnen fordern, die  Vollzeitstelle auf 32 Stunden zu reduzieren, wäre doch familienfreundlicher und würde doch zum Leben immer noch reichen … ich bekomme gleich nen Kuschelkoller … von so etwas träume ich, als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und einem (mindestens) 40 Stunden Job, der so gerade zum Leben reicht, auch!

Photocredit: Stefan Bayer, pixelio

7 Kommentare zu „LEHRER AM LIMIT? WER IST SCHULD …“

  1. Liebe Kathrin,

    im Großen und Ganzen bin ich bei Dir. Es ist heute tatsächlich so, dass Schüler und Eltern ganz anders eingestellt sind als früher. Da hat zuerst das Kind Recht und der Lehrer ist der Dumme. Natürlich haben wir früher auch Sachen angestellt. Die Strafe folgte dann auf dem Fuss. Wenn man daheim davon erfuhr, rannte man nicht in die Schule und machte den Lehrer rund sondern das Kind wurde noch einmal bestraft. Heute beschweren sich die Eltern, wenn ihr Kind eine Strafarbeit schreiben muss. Früher hatte man noch Respekt vor den Eltern und dem Lehrer. Daneben wird von der Politik alles verwässert. Früher gab es am Ende der Grundschulzeit eine Empfehlung für die weiterführende Schule die bindend war. Heute ist sie nicht mehr bindend. Die Eltern können ihr Kind z.B. auf das Gymnasium schicken, egal ob es die schulischen Grundlagen mitbringt oder nicht. In manchen Bundesländern wird englisch als erste Fremdsprache gelernt in anderen französisch. Das bringt natürlich Beitrag Wechsel von einem Bundesland ins andere Probleme. Weshalb gibt es nicht bundeseinheitliche Vorgaben so dass solche Probleme vermieden werden. Baden-Württemberg baut 1.500 Lehrer ab, weil in Anbetracht der erwarteten Schülerzahlen zu viele vorhanden sind. Plötzlich stellt man fest, dass man diese Lehrer doch brauchen könnte, weil eine große Zahl von Lehrern in den Ruhestand geht.
    -Fortsetzung folgt-

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  2. Die Eltern sehen sich bei der schulischen Ausbildung ihrer Kinder nicht mehr in der Pflicht. Dafür sind ja die Lehrer da. Dass sie ihren Kindern bereits ein Mindestmaß an Respekt und angemessenem Verhalten mitgeben müssten, sehen sie nicht ein.

    Zur Vollzeitbeschäftigung: Natürlich muss man zu zweit verdienen, wenn man sich neben dem Aufwand für die Kinder weiterhin mehrfachen Urlaub gönnen will. Was bleibt: Die Kinder sind allein und sich selbst überlassen. Die Hausaufgaben bleiben liegen und oft auch unkontrolliert.

    Die Kinder haben ja auch ein gewaltiges Pensum zu erfüllen. Klavier spielen, Ballett, Tennis usw. Das sind alles Sachen die wertvolle Zeit kosten und die Kinder nicht zur Ruhe kommen lassen. Kind sein können Kinder schon lange nicht mehr.

    Es gibt noch vieles zu sagen aber das würde den ganzen Blog füllen. Vielleicht habe ich jetzt etwas zusammenhanglos geschrieben. Den Beitrag habe ich ganz spontan geschrieben.

    Übrigens: Unsere Tochter ist Grundschullehrerin.

    Einen schönen Abend für Dich.

    Liebe Grüße
    Harald

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    1. Lieber Harald, danke für deinen umfangreichen Kommentar! Vor allem der zweite Teil gefällt mir sehr gut, da bin ich komplett bei dir! Viele Kinder sind verplanter als Erwachsenen und unter einem enormen Leistungsdruck! Was waren das noch für schöne Zeiten, als wir in Kindertagen einfach auf die Straße zum Spielen sind, nach der Schule, ohne Kalender im Kopf und unsere Freizeit genießen konnten!
      Ich bewundere heutzutage alle Menschen, die noch Lehrer werden und wünsche ihnen bei allem Idealismus eine Menge Durchhaltevermögen und viel Erfolg.
      Dir eine schöne Woche und deiner Tochter Nerven wie Drahtseile!
      Liebe Grüße, Kathrin

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  3. Hach ja Kathrin,

    Sooooo wahre Worte.
    Ich sehs auch tagtäglich im Auto bei meinen Schülern.

    Wird von Jahr zu Jahr schlimmer.

    Selber Entscheidungen treffen müssen?
    Warum, hat Mama bisher doch immer gemacht.

    Einmal bissi Leistung fordern: Tränen in den Augen und ne Stunde später klingelt mein Telefon:
    „was machen Sie mit meinem Kind.
    Seit es zu hause ist nach der Fahrstunde, liegts im Bett und heult“

    Aber sich wundern, wenn nach 9mon immer noch keine Theorieprüfung bestanden ist.

    Es war früher sicher nicht alles besser als heute, ab ich freu mich, damals gross geworden zu sein

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  4. Sehr schön geschrieben, ich bin ehrlich gesagt auch froh, daß mein Kind diese Zeit heute nicht mehr in der Schule erleben muß. Auch wenn ich den Satz meiner Oma immer gehaßt habe: Früher war das alles anders! Heute muß ich einsehen, daß sie in vielen Recht hatte und ich mich heute selbst dabei ertappe bei dem Gedanken: Zu meiner Zeit war es besser! Das Dilemma fängt leider schon sehr zeitig im Leben eines Kindes an. Ich habe mir da auch schon mehrfach dazu Gedanken gemacht, u. a. in meinem Blog einen Beitrag geschrieben: Erziehung?!. Wenn Du magst, lies dort mal nach, Ich glaube, da finden sich Gemeinsamkeiten.
    Liebe Grüße

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  5. Wenn ich darf, würde ich auch gerne was dazu sagen.
    Es fehlt unserer heutigen Jugend einfach der Respekt und vor allem sind in den letzten Jahren unsere Werte unter den Tisch gefallen.
    In meiner Jugend hatten wir noch Respekt vor Lehrer, Eltern und älteren Menschen. Da konnten Kinder noch Kinder sein, wie es Harald schon erwähnt hat.
    Daher bin ich so froh, das ich diese Dinge alle noch mitbekommen habe in einer Zeit, in der alles besser war. Abwohl, was ist schon besser, auch damals gab es hin und wieder Probleme, aber nicht die, die heute an der Tagesordnung sind.
    Ich wünsche noch einen schönen Tag und sende liebe Grüße
    Roswitha

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