DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (15)

In die Zeit der Hormontherapie fiel auch die Erstkommunion unseres jüngsten Sohnes Gustav. Dass Jana bei dieser Gelegenheit auch Jana blieb und nicht in Matthias zurückschlüpfte, war selbstredend. Allerdings war der Pfarrer noch nicht eingeweiht und davor bammelte es uns etwas. Der katholische Glaube lässt da ja nicht allzu viel Spielraum. Wir holten uns Schützenhilfe bei einem Freund, der damals schon die Jugendfreizeit nach dem Outing bei den Kindern so unglaublich einfühlsam begleitet hatte. Gemeinsam traten wir also diesen Gang an, bewaffnet mit einer Flasche Wein und etwas zum Knabbern, so dass dieses Beichtgesprächgefühl erst gar nicht aufkommen konnte, sondern wir uns in netter Runde zum Plaudern trafen. Der Pfarrer hörte aufmerksam zu. Danach schwieg er ein Weilchen, während wir nervös auf seine Reaktion warteten. Völlig entspannt und locker kam seine Antwort: „Sie sind eine Familie, sie stehen zusammen, sie erziehen die Kinder im katholischen Glauben. Es ist doch alles gut! Außerdem hatten wir schon einmal einen solchen Fall in der Gemeinde. Sie sitzt jeden Sonntag in der vorletzten Reihe rechts“. Damit hatte ich gewiss nicht gerechnet!

Ganz so friedlich blieb die Reaktion meiner Familie leider nicht. Meine Mutter hatte große Probleme, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass sie dann mit einem Mann in Frauenkleidung in der Kirchenbank sitzen müsse. Auch der Rest war nicht begeistert. Immerhin konnte man zu Hause die Tür zu machen und keiner sah mehr etwas. Jetzt gab es auf einmal furchtbar viel Öffentlichkeit und das in einer vollbesetzten Kirche anlässlich einem der bedeutendsten Sakramente, die es für die Katholiken gibt. Am allerschlimmsten verhielt sich mein Bruder, der Jana gegenüber eh schon so ablehnend reagiert hatte. Er sagte klipp und klar, wenn sie in Frauenkleidung in die Kirche käme, ginge er nicht mit. Das war umso härter für Gustav, da es sich dabei um seinen Patenonkel handelte. Auch ich fühlte mich total zerrissen, war schließlich mit allen zerstritten. Für mich stand die Befindlichkeit des Jungen ganz klar im Vordergrund. Es war sein großer Tag und alle anderen lagen sich wegen einem albernen Kleidungsstück in den Haaren. Zwar fand sich kleidungstechnisch ein Kompromiss, nämlich ein eleganter, aber dezenter Hosenanzug, doch schien es so, als würde es meinen Bruder nicht beeindrucken. Für mich stand fest, wer mich vor die Wahl stellt, der zieht in diesem Fall den Kürzeren. Bei einem Telefonat sagte er mir dann: „Du und die Kinder sind hier jeder Zeit willkommen, aber Matthias nur, wenn er als Matthias kommt.“ Meinem Vorsatz folgend „Kids first“ antwortete ich ihm: „Dann werden wir uns wohl nicht wiedersehen.“  Die Interventionsversuche seiner Frau blieben scheinbar auch erfolglos. Erst knapp zwei Wochen vor der Kommunion kam dann das Signal, dass sie kommen würden. Wir waren um Gustavs Willen einverstanden.

Diese Situation hat mir so unendlich weh getan. Ich konnte nicht verstehen, wie sich Erwachsene so streiten konnten, wo es doch ausschließlich um die Bedürfnisse eines kleinen Jungen gehen sollte. In solchen und ähnlichen Situationen fand ich Trost in meinem Glauben und in der Kirche. Ich war immer schon ein gläubiger Mensch, wenn auch kein fleißiger Kirchgänger. Doch jetzt spendete sie mir die nötige Ruhe und es schien so, als bekäme ich durch Predigten, Psalme oder anderen Texten immer die richtige Antwort auf meine drängenden Fragen an Gott, wenn ich eine Heilige Messe besuchte. Besonders angetan hatte es mir zu dieser Zeit das Lied „Geh unter der Gnade“ … es passte mit jedem Satz, mit jedem Wort auf meine Situation.

 

To be continued …

2 Kommentare zu „DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (15)“

  1. Moin.
    „Gefällt mir“ in dem Sinne, wie du darüber schreibst. Die Reaktionen gefallen mir teilweise nicht. Wenn „anders“ Alltag wird habe ich auch bei der Begleitung meines behinderten Sohnes erleben müssen. Gesund geboren, dann erkrankt und später behindert. In der Zeit habe ich erfahren, wie viele Menschen Probleme im Umgang mit Behinderten haben. Aber auch diese „Anderen“ gehören zum Alltag. Im Laufe von nunmehr über 30 Jahren hat sich die Einstellung der Gesellschaft – meine Erfahrung – zu den „Anderen“ allerdings gewandelt – sie ist liberaler geworden. Heute ist vieles möglich, an was damals noch nicht zu denken war. Jedenfalls erlebe ich das immer mehr bei meiner (ehrenamtlichen) Mitarbeit bei der Lebenshilfe in verschiedenen Situationen. Und noch eins ist m. E. wichtig, nämlich dass alle offensiv damit umgehen, die „anderen“, die sich für „normal“ halten, aufklären und sich nicht aus Angst vor Stigmatisierung verstecken. Das gibt es leider auch noch.
    Grüße von der Ostsee

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    1. Ei guude! Ja, Abweichen von der „Norm“ .. und der Umgang damit, das will beides gelernt sein. Und nur wenn die „Ungenormten“ offen damit umgehen verändern sich vlt irgendwann Grenzen …
      Gruß zurück aus Hessen

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