DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (11)

Nach so viel hilfreichem Info-Input dank des ersten Live-Treffens mit einer anderen betroffenen Familie in der gleichen Situation, lebte es sich vor allem für mich um einiges entspannter. Doch nun stand für Matthias und mich ein wirklich schwerer Gang an. Unserer Familien wussten ja noch von rein gar nichts. Zwar bestand kaum die Gefahr, dass sie es zufällig erfahren würden, denn sie wohnten weit genug weg. Das große „Aber“ war aber der runde Geburtstag meiner Zwillingsgeschwister. Matthias wollte auf gar keinen Fall in Herrenkleidung dort erscheinen. Ich versprach mir von der Tatsache, dass mein Bruder schwul ist und auch mit einem gleichgeschlechtlichen Partner verheiratet ist, einen kleinen Vorteil und vermutete ihn auf meiner bzw. unserer Seite. Also rief ich ihn im Vorfeld an, unteranderem um mit ihm abzusprechen, wie wir es am besten unserer Mutter vermitteln könnten, denn der Umstand, dass mein Bruder andere Männer liebt, ist für sie bis heute ein schwieriges Thema. Er teilte meine Bedenken diesbezüglich und so einigten wir uns darauf, dass Matthias und ich sie im Vorfeld der Geburtstagsfeier besuchen würden, um sie schonend darauf vorzubereiten. Ich rief sie an, um einen Termin mit ihr auszumachen. Doch sie bohrte so lange, bis ich ihr am Telefon reinen Wein einschenken musste. Ihre Reaktion war vorhersehbar: Sie war entsetzt. Es sei unmöglich, ich müsse mich doch jetzt von Matthias trennen. Wie käme er überhaupt auf diese verrückte Idee und warum habe er dann erst eine Familie gegründet und zwei Kinder in die Welt gesetzt. So die Kurzfassung ihrer Tirade. Dennoch ließ sie sich auf einen Gesprächstermin ein und ich war schon froh, dass sie nicht gesagt hat, dass Matthias nie wieder einen Fuß über ihre Schwelle setzen solle. Daraufhin war uns zumindest eines klar: Wir mussten zu jedem persönlich hinfahren und es ihm sagen. Telefonisches Outing erwies sich als Horror.

Also machten wir uns auf den Weg, meine Mutter und auch meine Geschwister zu besuchen. Zwar war auch mein homosexueller Bruder nach wie vor der ganzen Sache relativ offen gegenüber eingestellt, dennoch äußerte er Bedenken, dass es für ihn schwer vorstellbar sei, dass Matthias es nicht früher gewusst oder gemerkt habe. Auch er machte ihm unterschwellige Vorwürfe, dass er eine Familie gegründet habe und Kinder in die Welt gesetzt habe. Dennoch riet er ihm, zu machen was er wolle. Mir gab er mit auf den Weg, gegebenenfalls die Reißleine zu ziehen, denn noch sei ich ja jung genug.

Bei meiner Mutter entwickelte es sich entspannter als erwartet. Sie hielt das alles für eine fixe Idee und meinte, das würde schon wieder. Nun, das kam mir sehr bekannt vor und wusste, dass sie im Unrecht war. Dieses eine Treffen reichte auf jeden Fall nicht aus, um sie davon zu überzeugen, dass Matthias seinen Weg gehen würde, bis zum Ende.

Wir besuchten auch die Zwillingsschwester meines schwulen Bruders. Ihre einzige Reaktion war, sie verstehe es zwar nicht, aber wir müssten ja wissen, was wir wollten. Sie würde Matthias auf jeden Fall auch in Zukunft nicht der Tür verweisen. Aber auch sie konnte nicht wirklich verstehen, dass Matthias erst eine Familie gründete und dann mit so einer Sache kam. Ich ahnte schon, dass auch sie das Thema nicht so einfach akzeptieren würde.

Dann gab es da noch den mittleren Bruder. Auch ein schwieriger Fall. Er hörte sich an, was wir ihm mitzuteilen hatten. Sagte wenig dazu. Irgendwann kam dann ganz nüchtern, er könne und wolle damit nicht umgehen. Wir sollten machen was wir wollten, doch bitte ihn da raus halten. Ich hielt es für eine Reaktion unter dem ersten Schock. Ich wusste ja, dass es nicht einfach werden würde, doch wir hatten immer ein sehr enges Familienverhältnis. Leider wurde meine Hoffnung, nach dem Motto, hier steht deine Tochter, eure Schwester, die braucht euch jetzt, nicht wirklich erfüllt. Aber wie gesagt, immerhin gab es auch keine klare Ablehnung. Bei  schwierigen Themen bedarf es eben viel Überzeugungsarbeit und noch mehr Verständnis für die andere Seite.

Die Geburtstagfeier rückte näher und wie nicht anders zu erwarten, kam es dann doch noch einmal zu Diskussionen. Matthias erklärte klipp und klar, dass er nicht gewillt sei, noch einmal Anzug und Krawatte zu tragen. Ich konnte förmlich hören, wie die ganze Familie scharf die Luft einzog. Die Bedenken, dass man ja über uns und sie reden könne, weil ja auch Onkel und Tanten kamen, waren ihnen allen auf die Stirn geschrieben. Der Zwillingsbruder kam am schnellsten wieder zu Stimme und formulierte dann den Kompromiss, dass Matthias ja nicht unbedingt in Highheels und Mini kommen müsse, es gäbe ja auch dezentere Varianten. Matthias sah das ein und entschied sich für ein unauffälliges, ab dennoch nicht minder weibliches Outfit zusammengesetzt aus Hose, Bluse und Pullover. Dennoch schoss in mir der Gedanke hoch, wenn ich jetzt vor die Wahl gestellt werden: Matthias oder Familie, für wen würde ich mich wohl entscheiden?!

Nun, wir zogen erst mal los, um Matthias für die Feierlichkeit einzukleiden. Bei Gerry Weber wurden wir fündig. Als ich mal einen kurzen Moment zum Verschnaufen vor die Ladentür trat, kam die Verkäuferin hinterher und sprach mich an. „Gell, Sie haben ganz viel Angst“, stellte sie fest. Ich erläuterte ihr die Situation. Da nahm sie mich feste in den Arm und sagte mit absoluter Überzeugung in der Stimme: “Sie schaffen das!“ Oh mein Gott, tat das gut!

 

To be continued …

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