DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (9)

Nachdem nun die Kinder und große Teile der Nachbarschaft und des Bekanntenkreises eingeweiht waren, brauchte Matthias sich und seine gewünschte Veränderung nicht mehr länger hinter verschlossenen Zimmertüren verstecken. Jana hatte nun die Möglichkeit, öffentlich aufzutreten. Doch dazu galt es, Matthias auch äußerlich immer mehr einer Jana anzupassen. Das erhöhte nicht nur die Freiheiten, sondern proportional dazu den Druck, unter den Matthias sich selbst setzte und damit auch seine Familie, im Besonderen mich. Sein Kleiderschrank gab bei weitem nicht genug her, um Jana zufrieden zu stellen, da musste dringend nachgebessert werden. Und so hieß es von nun an fast jedes Wochenende Shopping gehen. Inzwischen konnte ich sehr gut nachvollziehen, wie sich Ehemänner fühlen, wenn sie während der Einkaufstour ihrer Holden schmollend und gelangweilt auf einem kleinen Sesselchen geparkt wurden, während zwitschernde Verkäuferinnen um die Angetraute schwirrten. Genauso ging es mir. Die geschäftigen Damen sahen es als Herausforderung an, Matthias in eine strahlende Jana zu verwandeln. Wir waren bald überall bekannt, Jana hatte ihr „personel sellers team“. Außer mir fanden anscheinend alle Spaß an dieser Situation. Ich fühlte mich immer mehr zurückgedrängt, denn wir gingen nicht für UNS einkaufen, sondern nur noch für JANA. Ab und zu fiel für die Kinder etwas ab, aber ich ging fast immer leer aus. Wenn ich es dann doch mal wagte, zu sagen: „Oh, das sieht aber gut aus! Würde mir gefallen.“ und ein Teil in die Höhe hielt, bekam ich meist die Antwort: „Ne, das gefällt mir nicht!“. Auf die Idee, dass ich mal was für mich ausgesucht hatte, kam Matthias nicht. Vielleicht betonte ich das MIR nicht genug. Das Dreamteam Matthias-Jana nahm den Mittelpunkt ein, immer. Ich kam mir vor wie Aschenputtel, bekam ich doch inzwischen schon getragen Kleidung von meiner Schwester oder Freundinnen. Dabei ging es nicht ums Geld, sondern um die Zeit. Matthias frauliche Seite übernahm mehr und mehr die Oberhand. Typisch war der Blick in den inzwischen gut gefüllten Kleiderschrank und der mit verzweifelter Miene geäußerte Kommentar: „Ich habe NICHTS zum Anziehen!“.

Mit diesem Dauershopping füllten sich unsere nächsten Monate. Da ging es nicht nur um Kleidung. Bei aller Schminke und Damenoberbekleidung fehlte doch noch etwas ganz Wichtiges, um die Blusen auch auszufüllen. Matthias brauchte künstliche Brüste. Zuerst wandten wir uns an eine Dessoudesignerin, doch der Preis war einfach astronomisch. Bei aller Qualitätsarbeit, die die Dame auch für Krebspatientinnen anfertigte, unsere Portokasse gab das gerade nicht her. Also bestellten wir über das Internet selbstklebende Silikonbrüste. Und so kam zu der normalen Oberbekleidung nun die Jagd nach Büstenhaltern und Co. Für Matthias schien sich seine ganze Freizeit nur noch um die Frage zu drehen, wie wirkt er als Jana und was muss er tun, um noch fraulicher zu wirken. Mein Hintennachtappsen als graues Mäuschen ging mir nur noch auf die Nerven, ich hatte da keine Lust mehr zu. Selbst Fred sprang irgendwann für mich in die Bresche und herrschte seinen Vater an, mich doch auch mal was kaufen zu lassen. Aber nein, es drehte sich nur um Jana.

Nicht selten kam zu diesem Gefühl des in die Ecke gestellt sein bei unseren Einkaufstouren noch ein ganz anderer Aspekt dazu: Man stelle sich nur mal vor … da geht ein Mensch, von der ganzen Statur, den Bewegungen, den markanten Gesichtszügen ein MANN, allerdings geschminkt und gekleidet wie eine Frau, durch die samstägliche Rushhour eines Einkaufszentrums. Es wurde ab und zu ein wahrer Spießrutenlauf. Erst die gaffenden Blicke auf Matthias, dann die voller Mitleid auf mich gerichtet. Es gab Tage, da war ich unheimlich gut drauf. Dann habe ich mich vor die Gaffer gestellt und sie auch von oben bis unten eingehend gemustert. Auf getuschelte Kommentare wie „Guck mal, das war doch ein Mann in Frauenkleidern.“ antwortete ich souverän: „Sind Sie sich sicher, dass das ein MANN war. Denn nicht Alles was aussieht, wie ein Mann ist auch einer. Ich würde an Ihrer Stelle noch einen Blick riskieren!“ Und dann gab es die schlechten Tage. An besonders üblen konnte ich noch nicht einmal mitgehen. Da war mir einfach alles zu viel. Wie oft habe ich mich aber auch geschämt! Geschämt für das Anderssein, das Auffallen. Zwar wurde Matthias angestarrt, aber ich fühlte mich gedemütigt, hatte in dem Moment das Gefühl, wir als Familie werden wie Aussätzige behandelt, dabei wollte ich doch nur ganz normal sein. Und dann der Gedanke, wie die Kinder das nur alles verkraften sollten. Mitunter wurde ich so richtig wütend. Dann ging ich die Leute aggressiv an und blaffte ihnen ein „Was gibt es da zu glotzen!?“ entgegen. Ich dachte so bei mir, so mussten sich früher „menschliche Ausstellungsstücke“ im Zirkus gefühlt haben … einfach ein riesiges Gefühlschaos!

In diesen Monaten war ich sehr oft hin und her gerissen. So sehr ich Matthias Nachholbedürfnis auch verstand … so sehr hat es mich genervt!

To be continued …

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