DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (8)

Der Sommerurlaub mit der Familie wurde dann doch nicht so schlecht, wie es zu Anfang schien, auch wenn die Sätze „Jana ist traurig, Jana musste zu Hause bleiben“ immer wieder mal fielen.

Es war tatsächlich so, dass in diesem Sommer das große Outing begann, auch wenn bei uns noch eine gewisse Unsicherheit herrschte, wie es überhaupt weitergehen würde und was die nächsten Schritte waren. Viele dieser Outings blieben an mir hängen. Ich kannte die Leute einfach besser, hatte den größeren Zugang und war ja auch mehr zu Hause. So übernahm ich zum Beispiel die Nachbarn im Haus. Den Vermieter allerdings überließ ich Matthias. Na ja, jedenfalls den ersten Schritt, ich musste dann gewaltig Hilfestellung leisten, weil er es so kryptisch formulierte, dass die armen Leute nur Bahnhof verstanden. Matthias fing damit an, dass er den Vermietern mitteilte, es würde sich was bei uns verändern. Prompt kam die Frage zurück, ob wir uns trennen würden. Auf sein schlichtes Nein wurde dann spekuliert, ob wir noch ein Kind bekommen. Als auch hier von seiner Seite nur ein Nein kam, griff ich helfend ein. Rätselraten war bei diesem ernsten Thema nicht so angebracht. Erfreulicher Weise begegnete uns niemand mit Skepsis, zumindest nicht offen. Was sie hinter unserem Rücken tuschelten, wussten wir natürlich nicht, war uns aber auch vordergründig egal. Vielmehr waren die Meisten neugierig und bombardierten uns mit Fragen.

Die Kinder fuhren, wie schon mehrmals, mit der Kirchengemeinde zur Jugendfreizeit. In diesem Jahr erschien uns das besonders wichtig, damit sie ein bisschen Abstand von der neuen Situation daheim bekamen. Ihr Alltag erfuhr gerade genug Neuheiten, die Routine zumindest in dieser Hinsicht, war dringend nötig. Auch hier weiten wir die Betreuer ein, so dass sie in der Lage waren, im Notfall zu helfen und etwaigen Auffälligkeiten der beiden Jungs mit Verständnis entgegen zu treten.

Komplizierte wurde es da schon, bei der Frage wie wir dieses Thema an die Schulen, bzw. Elternschaften der Kinder hineintragen sollten. Wir waren uns einig, dass das Outing über die Eltern an die Kinder weitergegeben werden sollte, denn es erschien uns einfacher, die Situation einem Erwachsenen zu erklären, als unruhigen Kindern in einer Klasse  Der kleine Gustav nahm uns in dieser Hinsicht die Entscheidung ab. Er kam auf uns zu und meinte, wir sollten es so schnell wie möglich hinter ihn bringen, damit das Mobbing – mit dem der kleine Kerl anscheinend fest rechnete – so schnell wie möglich wieder aufhören würde. Es gab mir einen furchtbaren Stich, den Jungen so verängstigt zu sehen und gleichzeitig so mutig. Er wollte sich der Sache so früh wie möglich stellen.  Also wendete ich mich an die Schule und besprach mit dem Direktor die möglichen Schritte. Und dann kam der erste echte Schlag ins Gesicht: Der Mann, der sonst immer so offen und progressiv tat, entpuppte sich als Hemmschuh erster Güte. Sein ganzer Kommentar war, als ich ihn darum bat, das Outing auf einem Elternabend durchzuführen: „ Privat Probleme gehören nicht in die Schule, die haben zu Hause zu bleiben!“ Ich konnte so viel Ignoranz kaum fassen, zumal wir so unserem Anliegen keinen Schritt näher kamen. Nun, wenn es eben nicht direkt via Elternabend ging, mussten wir durch die Brust ins Auge treffen. Will sagen, ich trat an den Klassenelternbeirat heran, mit der Bitte einen Stammtisch einzuberufen. Natürlich informierte ich die Elternvertreter im Vorfeld warum und sie waren einverstanden. Wie das mit Stammtischen und oft auch Elternabenden so ist, sind meistens nur die Hälfte der Eltern da, aber das waren mehr als gar keine. Nach dem wir den Anwesenden unsere Lage und die damit verbundenen Veränderungen, die sich in den nächsten Monaten ergeben würden, erklärt hatten, entspann sich eine lebhafte Diskussion. Neben Anerkennung schlug uns hier das erste Mal direkte Ablehnung entgegen. Wir wurden tatsächlich aufgefordert, doch einfach weg zu ziehen, dann gäbe es ja für die Anderen keinen sichtbaren Wechsel von Matthias zu Jana. Ich konterte mit dem Argument, dass es in einer solchen Situation, die für die Kinder von einem großen emotionalen Umbruch geprägt ist, es nicht auch noch sinnvoll wäre, sie aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen. Da war erst mal Ruhe. Kaum zu glauben, aber manche Eltern hatten wohl wirklich Angst, dass bei einem Kontakt ihrer Sprösslinge mit Gustav eine Ansteckungsgefahr bestehe. Zum Glück war es im Endeffekt so, dass die Probleme in der Klasse des Kleinen sich sehr in Grenzen hielten. Außer einem gelegentlichen Kommentar eines  Klassenkammeraden á la „Du hast ja gar keinen Papa mehr!“ kamen eher unterstützende Bemerkungen wie „Du bist trotzdem unser Freund und brauchst dir keine Sorgen zu machen!“. Für mich sehr beruhigend!

Bei Fred sah ich der Angelegenheit gelassener ins Auge, denn er besuchte eine weiterführende Schule in der benachbarten Stadt. Hier kamen Kinder und damit auch die Eltern aus einem weiten Umkreis. Wir als Familie hatten nicht viel mit ihnen zu tun. Selbst die Tatsache, dass es sich um eine katholische Schule handelte entpuppte sich nicht als Schwierigkeit. Doch dazu erzähle ich später noch mehr, denn es sollte noch über ein Jahr dauern, bis wir hier aktiv wurden.

Von nun an konnten wir alle etwas befreiter leben. Allerdings stellte die zunehmend ausgelebte weibliche Seite von Matthias mich vor neue – vor allem emotionale – Herausforderungen. Jana drängte sich immer mehr in den Vordergrund  … Fast unser ganzes Leben drehte sich inzwischen ausschließlich um sie, so dass ich mir oft vorkam, als wäre ich auf´s Abstellgleis verfrachtet worden.

To be continued …

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