DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (7)

So, nun war es soweit, die Kinder hatten mitbekommen, dass es in unserer kleinen Familie alles andere als rund lief. Es war an der Zeit, ihnen den wahren Grund für die vielen Tränen und Streitigkeiten von Mama und Papa zu nennen. Zwar hatten sie uns bei der einen oder anderen Shoppingtour begleitet, doch genau wie die Verkäufer, wurden sie mit Ausreden abgespeist. Matthias hatte eigentlich geplant, die Beiden schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt einzuweihen, doch wehrte ich mich lange dagegen. Es würde ja alles wieder gut, so meine Hoffnung. Und was sollte ich die Kinder auf so ein scheues Pferd setzen, um sie dann wieder herunter zu holen. Jetzt waren sie gestürzt, tief und schmerzhaft. Nicht nur für sie schmerzhaft, sondern auch für uns, denn die Jungs waren der Meinung, sie hätten etwas falsch gemacht und wären der Grund aller Streitigkeiten. Oh mein Gott, das hatte gesessen.

Um unsere Gemüter noch ein wenig zu kühlen, ließen wir ein paar Tage ins Land ziehen. Es war dann geplant, es ihnen gemeinsam zu sagen. Die Kühlung hielt nicht lange vor, denn trotz unseres vereinbarten Familydates, sah es so aus, als würde Matthias es nicht pünktlich schaffen. Meine Laune schwankte zwischen Wut und Verzweiflung und wechselte schließlich zu Trotz. Ich schnappte mir Fred, damals 12 Jahre alt und ging mit ihm zum Supermarkt. Relativ zornig eröffnete ich ihm, dass ich mal mit ihm reden müsse. Er hätte ja nun mitbekommen, dass Papa und ich viel zanken würden und öfter mal Tränen fließen würden. Und nein, es läge nicht an ihnen! Der Grund sei, dass Papa innerlich eine Frau sei. Plumps, jetzt war es ausgesprochen. Bevor er etwas erwidern konnte, erklärte ich ihm noch in kinderverständlichen Worten, was transsexuell bedeuteT. Dann wartete ich nervös auf seine Reaktion. Dass sie allerdings so cool ausfiel, damit rechnete ich nicht. Sein ganzer Kommentar war: “Ach; deshalb kauft Papa sich so viel Makeup.“

Als Matthias abends dann greifbar war, konnten wir auch mit Gustav, damals 9 Jahre alt, reden. Ein sehr schwerer Gang. Während Fred mit seiner eigenen Pubertät vollauf beschäftigt war und langsam flügge wurde, suchte Gustav Nestwärme bei Mama und Papa. Und genauso viel auch seine Reaktion aus. Mit einer Mischung aus Entsetzen, Wut, Trotz und dem Gefühl des Alleingelassen werden forderte er ganz klar: „Ich will aber keine FRAU als Papa!“ Nichts von all dem Gefühlschaos der letzten Wochen und Monate hat mir so weh getan, wie diese Kinderbemerkung. Behutsam und feinfühlig versuchten wir Gustav zu erklären, dass Papa eine Frau wird, ob er das nun möchte oder nicht. Und weiter erläuterten wir dem Kleinen, dass ja die Person, die er lieb habe, die ihn lieb hat, sich nicht ändere, die bliebe ja. Gustav zeigte keinerlei Anzeichen von Begeisterung, sondern forderte an diesem Abend jede Menge Kuschel-und Streicheleinheiten von Matthias ein. Fast so als würde er einen Vorrat anlegen. Überhaupt war das ein hochemotionaler Abend, durch die Bank haben wir Tränen verdrückt. Immer wieder wollte Gustav wissen, ob wir uns jetzt trennen. Nein, beruhigten wir ihn, Papa sähe nur bald ein bisschen anders aus, aber wir blieben eine Familie. So taten wir unser Bestes, um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln. Während der Kleine uns ein Loch in den Bauch fragte, zog Fred sich immer mehr zurück, seine Art, es zu verarbeiten. Einige der Fragen mussten wir allerdings unbeantwortet lassen, denn selbst wir kannten nicht jeden der nächsten Schritte. Unser armer Gustav war zu dieser Zeit eh gefühlstechnisch etwas angeschlagen, hatte er doch gerade erfahren, dass seine Klasse nach den Sommerferien aufgelöst würde und er eine neue Klassenlehrerin bekäme.

Apropos Sommerferien … wir hatten in diesem Jahr, neben den üblichen Jugendfreizeiten für die Kinder, eine gemeinsame Woche in Tirol in einer Ferienwohnung geplant. Über Freunde aus dem Ort sind wir dazu gekommen. Ihnen gegenüber hatte sich Matthias dann auch geoutet. Man sah keinerlei Bedenken, dass dies den Tiroler Sommerfrieden stören würde. Und für Matthias war es die Gelegenheit, in aller Öffentlichkeit und hochoffiziell als Frau ein bisschen Alltagserfahrungen zu sammeln. Und so sollte neben den Kindern, mir und Matthias nun auch Jana mitfahren, wie Matthias sich von nun nennen wollte. Üblicherweise packten wir für so einen Familienurlaub zwei Koffer. Einen für die Kinder, einen für die Eltern. Doch aus zwei Elternteilen wurden auf einmal drei und damit der Koffer zu klein. Nachdem Matthias seine Kleidung und die von Jana eingepackt hatte, war definitiv für meine nicht mehr ausreichend Platz. Ganz lapidar meinte Matthias, ich könne ja mit meinen Sachen zu den Kindern, oder sie im Bedarfsfalle aufteilen.   Mich hat fast der Schlag getroffen, als er das so dahin sagte. Nichts hat mich vorher so sehr verletzt, nie kam ich mir mehr in die Ecke gestellt und verdrängt vor. Es entbrannte ein heftiger Streit darüber, dass wir doch wohl keine zwei vollwertigen Personen mitnehmen wollen, die ja eigentlich identisch sind. Diesmal blieb ich stur. Hatte ich bis jetzt immer zu allem ja und amen gesagt, so besinnte ich mich diesmal auf mich und mein Leben. Das Ergebnis war, dass Jana zuhause bleiben musste und nur Matthias mitfahren durfte. Andersherum wäre ja auch möglich gewesen, denn schließlich kannte uns keiner in Tirol, aber das wollte er nicht.

Nun, das waren keine guten Voraussetzungen für einen gelungenen Urlaub, aber es ging nicht anders. Auch wenn es die Stimmung zerstörte und ich mir heute noch den Vorwurf anhören muss, dass Jana im ersten Urlaub nach Matthias Outing nicht mitfahren durfte. Aber er war ja auch zu keinem Kompromiss bereit. Jana oder Matthias, ich konnte nicht sagen wer von beiden, jedenfalls wurde ich zunehmend an die Seite gedrückt und zum ausführenden Organ abgestempelt. Ich sollte nur noch funktionieren. Anscheinend war ich ab sofort nicht mehr die Frau im Haus. Dass sich das noch steigern sollte, konnte ich mir jetzt kaum vorstellen.

 

To be continued …  

2 Kommentare zu „DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (7)“

  1. Hallo Kathrin, ich habe über eine Bekannte von Deinem Blog erfahren. Ich möchte dazu sagen, daß er sehr spannend geschrieben ist. Für mich als Betroffene (TG) zeigen sich immer wieder aufs Neue Parallelen. Unglaublich, wie sich Lebensläufe von Transgendern gleichen. Ich hoffe, noch einiges zu erfahren über diese Familie mit ihrer Besonderheit. Wäre wünschenswert, wenn viele Familien mit den gleichen Problemen dadurch den Mut bekommen, ihr Leben offensiv anzugehen und sich nicht verstecken müssen, weil die angeblich so tolerante Gesellschaft vielleicht doch noch nicht so ganz bereit ist.
    Ich jedenfalls freue mich auf die nächsten Folgen. Meiner Frau habe ich diesen Blog auch für ihren PC kopiert.
    Liebe Grüße
    Johanna

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    1. Hallo Johanna, danke für die aufmunternden Worte! Ich bin sehr froh, dass es bei Betroffenen auch so gut ankommt und als selbst erlebt oder zumindest real empfunden wird. Mut und Kraft kann jeder in dieser Situation brauchen und wenn ich dazu beitragen kann, erfüllt mich das schon mit gewissem Stolz.
      LG Kathrin

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