DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (6)

Der Damenjeanskauf war für Matthias für kurze Zeit ein Teilerfolg. Doch die vermeintliche zeitliche Verzögerung durch den Neubeginn der Therapie sowie die Tatsache, dass er – im Kopf schon total auf Frau gepolt – erhebliche Selbstzweifel an der Verwandlung seines Äußeren hatte, ließ uns alle auf einem Pulverfass sitzen. Wie kurz die Lunte tatsächlich war, sollte sich bald zeigen.

Immer wieder stellte sich mein Mann die Frage, wie er wohl als Frau aussehen würde, wie die Welt da draußen IHN als SIE wohl wahrnehmen würde. Seine sportliche Figur, die markanten Gesichtszüge, die Aknenarben, die raspelkurzen Haare, all das war Futter für seine Selbstzweifel und trieb ihn zusehends in die Verzweiflung. Er litt unter der Angst, dass es vielleicht nie so werden würde, wie er es sich vorstellte, war er doch Perfektionist durch und durch. Die oft so hilfreichen Foren bewirkten diesmal eher das Gegenteil, denn dort wimmelte es nur so von Bildern junger Männer, die mit wenigen Handgriffen zu einer sehr aparten Frau wurden. Ich bat Matthias eindringlich, doch die Messlatte für sich nicht so hoch zu hängen, aber wirklich Erfolg hatte ich damit nicht. Seine Verzweiflung und damit auch seine Gereiztheit nahmen immer mehr zu. Wir befanden uns emotional gesehen, wieder auf ganz dünnem Eis. Streitigkeiten und Geschrei waren ständig an der Tagesordnung. Das blieb auch von den Kindern nicht unentdeckt, auch wenn sie die Ursache für unsere lautstarken Wortgefechte nicht kannten.

Ich brauchte dringend Schützenhilfe, um ihm den Rücken zu stärken. Deshalb weite ich, natürlich nach Absprache mit Matthias unseren Frisör ein. Denn eines seiner derzeitigen Hauptprobleme war die Tatsache, dass Haare nun mal höchstens einen Zentimeter im Monat wachsen. Eine elend lange Zeit, spielt MANN in Gedanken doch schon mit einer Fönfrisur für FRAU. Die Antwort vom Frisör war eigentlich vorhersehbar: „Wunder kann ich keine vollbringen, doch es gibt inzwischen sehr gute Perücken!“. Dafür überraschte mich die Antwort meines Mannes umso mehr: „Was ich nicht selber schaffe, will ich auch nicht!“. Sorry, Schatz, dachte ich, was soll die Trotzerei, du widersprichst dir gerade selber. Denn von alleine wirst du auch nicht zur Frau! Meine Gedanken behielt ich natürlich für mich. Also versuchte ich die Kuh irgendwie anders vom Eis zu bekommen. Da unsere letzte Shoppingtour bezüglich der Damenjeans ja von Erfolg gekrönt war, nahmen wir wieder mal die Damenabteilung eines Bekleidungsgeschäftes näher in Augenschein. Matthias schwebte etwas vor, das er im Alltag tragen konnte, ohne dass es sofort Jedermann auffiel. Ein  Polohemd schien die richtige Wahl zu sein. Hier unterschieden sich die Modelle lediglich in der Art und Weise, wie sie geknöpft wurden. Es tat ihm sichtlich gut, die einzelnen Stücke aus dem Regal für Damenbekleidung zu ziehen und sie lange und fachkundig zu betrachten, bis er sich schließlich für das Exemplar seiner Wahl entscheiden konnte.

So gestärkt, gingen wir den nächsten Schritt an. Der hieß erste Schminkversuche. Es entpuppte sich als wahre Herausforderung, denn zu seinen zahlreichen Aknenarben kam ja schließlich noch der sehr typische Bartschatten, der trotz regelmäßiger Rasur schneller wieder auftauchte, als er es sich wünschte. Mit normalem Makeup kam er  da nicht weit, das hatten zaghafte Versuche bereits gezeigt. So besuchten wir ein weiteres Mal die örtliche Shopping Mall, in der es auch eine Filiale einer namhaften Kosmetikkette gab. Die Dame, die sich unser annahm, erschien auch keineswegs irritiert, als mein Mann seinen Wunsch nach einer Makeupberatung äußerte, den Aknenarben sei Dank. Wir erzählten noch etwas von einem anstehenden Theaterstück und schon machte sie sich auf die Suche nach dem passenden Produkt. Wie gesagt, normales Makeup scheiterte und so empfahl sie uns eine Camouflagecrème, die ihren Beitrag zu Matthias schrittweiser Verwandlung zur Frau leisten sollte.

Wieder Zuhause angekommen, testete er das neue Produkt gleich. Doch egal wie dick er es auch auftrug, das helle Licht im Badezimmer war unbarmherzig und zeigte nach wie vor diese verhassten dunklen Flecken auf Wangen und Kinn. Die ersehnte Frau im Spiegel tauchte einfach nicht zu seiner Zufriedenheit auf. Sie versteckte sich weiterhin in seinem Inneren. Der Druck, den er sich zu 100 Prozent selbst aufbaute, wurde immer stärker. Sein Perfektionismus und die Eile, mit der er endlich ans Ziel kommen wollte, ließen ihn immens unter Dampf stehen. Das übertrug sich natürlich auch auf mich. Seine Verzweiflung wuchs und brauchte ein Ventil. Und so kam es, wie bereits Wochen davor, in unserer Küche zum Zusammenbruch. Völlig aufgelöst stand er vor mir und schluchzte:“ Das wird nie was, ich werde nie eine richtige Frau!“. Erneut konnte er nur noch zitternd, bebend und weinend am Kühlschrank herunterrutschen und kauerte wie ein getretener Hund auf dem Fußboden. Unfähig sich zu beruhigen, steigerte er sich in eine Hysterie hinein, die mir das ganze Ausmaß meiner Hilflosigkeit vor Augen führte. Was konnte ich denn anderes machen, als mich neben ihn zu setzen, ihn in den Arm nehmen, festhalten. Zu allem Überfluss erschienen auf einmal zwei völlig verstörte Kindergesichter im Türrahmen. Das Entsetzen war ihnen deutlich anzusehen, so hatten sie ihren Vater noch nie erlebt. Es gelang mir, sie hinaus zu schicken. Erklärungen gab es keine, die mussten warten.

In diesem Moment wurde mir absolut klar, dass es jetzt an mir war, eine endgültige Entscheidung zu fällen, die da hieß Trennung oder Mitgehen. Ich kam aus dieser Nummer nicht mehr raus, denn er würde den ganzen Weg gehen, ob mit mir oder ohne mich. Selbst wenn ich gehen sollte, würde ich, würden die Kinder, doch mit seiner Entscheidung leben müssen.

To be continued ….

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