DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (4)

Nach Matthias Zusammenbruch in der Küche waren wir uns ja einig, dass wir für ihn einen Therapeuten hinzuziehen müssen. Wir fanden erstaunlich schnell jemanden, der sogar in der Transgenderszene schon einen gewissen Namen hatte und zu unserem großen Glück erhielt Matthias auch sehr zügig einen Termin. Es sollte eine Einzeltherapie werden, das heißt, er ging alleine hin.

Es erscheint sicherlich nicht verwunderlich, dass sich unsere Erwartungen an den Therapieerfolg ziemlich unterschieden. Denn um ehrlich zu sein, erwartete ich insgeheim, dass dieser Fachmann seine Vergangenheit so geschickt durchleuchten konnte, um endlich einen Grund ans Tageslicht zu befördern, warum mein Mann solche Anwandlungen hatte. Ich war sicher, er sagt ihm nach ein paar Sitzungen: „Passen Sie mal auf mein Freund, das ist alles Quatsch, Sie wollen gar keine Frau sein!“ Die Annahme, ihn auf meiner Seite zu haben, war ein brauchbarer Strohhalm, reiner Selbstschutz, wollte ich doch tief in meinem Inneren Matthias als meinen MANN wieder. Matthias hingegen sah in ihm das nötige Bindeglied zu seinem angestrebten Ziel. War doch ein Jahr Therapie Voraussetzung dafür, dass in eine Hormonbehandlung eingewilligt wurde und schließlich die Geschlechtsumwandlung operativ vollendet werden konnte. Wartete in ihm ja längst die FRAU auf ihre Auferstehung.

Während mein Mann nun regelmäßig zu seiner Therapie ging, war mein Ratgeber das Internet mit seinen Foren. Matthias drängte darauf, dass ich mich endlich mal mit „realen“ Menschen austauschen sollte und so outete ich mich bzw. uns bei zwei Freundinnen. Mit sehr gemischten Gefühlen ließ ich unsere letzten Monate vor ihnen Revue passieren. Ihre Reaktion war überwältigend. Es gab keine Ablehnung, sondern offenen Ohren und Arme, weder mein Mann noch ich wurden abgelehnt. Und so saß ich dann oft bei ihnen und heulte mich im wahrsten Sinne des Wortes aus, fand Trost, wenn auch wenig Hilfe. Sie zweifelten daran, dass er seinen Wunsch tatsächlich durchziehen würde. Das war ein weiterer Strohhalm, wenn auch ein sehr wackeliger, aber noch klammerte ich mich daran.

Irgendwann reichten aber die Gespräche mit den Freundinnen nicht mehr aus, meine Nerven lagen zunehmend blank. Wieder war es Matthias, der mir dringend dazu riet, einen Fachmann zu Hilfe zu nehmen. Sein Therapeut willigte ein, mich mit zu behandeln. Dazu brauchte ich eine Überweisung von meinem Hausarzt. Es war einer meiner guten, starken Tage. Vielleicht hat mir die Aussicht auf professionelle Hilfe den Mut gegeben, hoch erhobenen Hauptes in seine Sprechstunde zu gehen. Auf jeden Fall schien ich weniger verstört über mein Ansinnen als der arme Herr Doktor. Ich redete nicht lange um den heißen Brei herum, als er mich fragte, wozu ich eine Psychotherapie brauchte, sondern sagte ihm direkt auf dem Kopf zu: “Mein Mann ist transsexuell und ist schon in Therapie und ich brauche jetzt auch mal eine.“ Allein seine Reaktion war Gold wert. Er saß vor mir mit geballtem Unglauben in den Augen, seine einsetzende Schnappatmung ließ mich befürchten, gleich erste Hilfe leisten zu müssen. Nachdem er sich so weit berappelte, dass er wieder in der Lage war, ganze Sätze von sich zu geben, bot er mir alles an Medikamenten an, was sein Repertoire nur hergab. Von Tranquilizern, über Stimmungsaufheller, die ganze Palette, ein Fest für jeden Junkie, doch ich lehnte alles ab. Wollte nur mein Papierchen und dann nichts wie weg da.

Mit der Überweisung in der Hand ging ich zu Matthias Therapeuten und schüttete ihm mein Herz aus. Ich sprach über meine Ängste und Gefühle, über meine Wunsch, das Szenario gemeinsam zu bewältigen, mich nicht zu trennen. Eine dreiviertel Stunde redete und redete ich. Doch anstatt des erwarteten kleinen Zauberspruchs, der alles zum Guten wenden würde, erhielt ich einen blöden Vergleich an die Hand: „Sie sind wie ein Esel, der verhungert, obwohl er zwischen zwei Futternäpfen sitzt!“ Was bitte schön sollte ich damit anfangen? Soweit war ich alleine auch schon gediehen. Ich wollte eine Lösung! So kam ich zu dem Schluss, dass ich DA nie wieder hin gehen würde. Auch Matthias brach schließlich nach vier Monaten seine Therapie bei dem Herren ab. Er hatte das Gefühl, dass dieser ihn am ausgestreckten Arm verhungern ließe. Seinem Ziel, dem Beginn der Hormontherapie, war er keinen Schritt weiter gekommen. Nun, ich fand das jetzt nicht so dramatisch, doch wurde mir langsam klar, dass Matthias sich innerlich längst entschieden hatte. Ein Vorwurf, der es uns nicht gerade leichter machte, unbeschwert miteinander umzugehen.

Um uns aus der festgefahrenen Situation zu befreien, machten wir uns beide auf die Suche nach anderen Therapeuten.

To be continued ….

4 Kommentare zu „DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (4)“

    1. Liebe Christel, danke für den Hinweis. Ich erhielt ihn schon von anderer Stelle und werde es jetzt korrigieren. Die Begrifflichkeiten in dieser Thematik sind für einen Außenstehenden nicht so ganz leicht zu durchschauen. Aber sei dir sicher, ich wollte niemandem zu nahe treten.

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  1. Hallo, alles ist sehr nachfühlbar und absolut realitisch geschrieben. Ich selbst habe als Cis Frau sehr ähnliches erlebt. Es gibt tiefe Tiefen aber auch wieder Höhen…
    Ich weiß und fühle es, dass das „neue“ Leben lebbar ist!
    Wir beide (meine Frau und ich) sind und werden glücklich und dankbar, dass wir uns haben, uns lieben.

    Doch etwas ist in Ihrem Bericht absolut falsch geschrieben. Es ist das Wort „Geschlechtsumwandlung“.
    Niemals handelt es sich um eine „Umwandlung“. Hier verwandelt sich niemand!!!
    Es heißt GeschlechtsANGLEICHUNG, denn der Körper wird dem Geist ANGEGLICHEN.
    Ich werde mich sicherlich auch beiTeil 6 in einige Situationen hineinversetzten können und Gefühle die Rita durchlebt absolut nachempfinden können.

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