DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (3)

Nach der für mich so beruhigenden Aussage von Matthias, dass er auf gar keinen Fall seinen Körper mit Hormonen zu Leibe rücken wollte, kam eine Phase der intensiven, manchmal auch recht hitzigen Gespräche. Sie sollte ca. drei Wochen dauern. Während dieser Zeit unterstützte ich ihn bei der Suche nach Damenbekleidung. Gemeinsam schauten wir in den örtlichen Geschäften, in dene wir jedoch nichts Adäquates fanden. Wir dehnten den Radius auf das Online-Angebot aus. Viel erfolgreicher gestaltete sich das aber auch nicht. Denn im Vordergrund sollte es ja irgendwie alltagstauglich sein, so dass es nicht auf Anhieb auffiel, er es vielleicht auch abends auf dem Sofa mal anziehen konnte. Immer noch stand die Damenjeans ganz oben auf der Wunschliste. Mein Mann in Frauenkleidung war nach wie vor nicht der Traum meiner schlaflosen Nächte, aber ich wollte ihm, uns helfen, es lebbar zu machen. Um die Umsetzbarkeit drehten sich auch in der Hauptsache unserer Gespräche in dieser Zeit. Im Mittelpunkt stand oft die Frage, wie das funktionieren sollte, ohne dass Kinder, Kollegen, Nachbarn oder Freunde davon Wind bekamen. Ob das dann konform mit der Vorstellung ging, wie er es leben WOLLTE, war etwas, was ich gedanklich für mich anschnitt, aber schnell in einer meiner geliebten Schubladen verschwinden ließ. Kompromisse war zu diesem Zeitpunkt eines meiner Lieblingswörter, auch wenn die Heftigkeit unserer Diskussionen das gelegentlich ad absurdum führte. Mit dem Status Quo war ich bereit zu leben und ging davon aus, er auch. Großer Fehler, denn Wunschdenken setzt sich selten durch und für Kompromisse braucht man immer zwei, die darauf eingehen.

Der Tag, an dem ich die Kündigung für mein Traumschloss erhielt, kam. Dabei fühlte ich mich gerade recht gut und stark, was mich leichtsinniger Weise zu einer fatalen Bemerkung verleitet.  Auf mein dahin geplappertes „Die Hormonbehandlung trifft ja auf dich gar nicht zu.“ überreichte mir Matthias das Kündigungsschreiben mit den sehr ernst gemeinten Worten „So weit weg bin ich ja von den Hormonen und einer Operation ja gar nicht.“ Rummmmsss … unsanft landet ich auf dem Boden eines sehr tiefen Loches, dessen Wände glitschig und mit den Fetzen meiner sorgsam gehüteten Schubladenausreden behangen waren. Ob und was ich ihm in diesem Moment geantwortet habe, weiß ich nicht mehr. Erinnern kann ich mich an Tage, die mir depressiv erschienen. Komischerweise zweifelte ich nie an meinen Gefühlen für Matthias, umso mehr jedoch an der Umsetzbarkeit seines Wunsches in unserer Familie, an der vormals bereits diskutierten Lebbarkeit. Ein Mann in Frauenkleidung an meiner Seite, das war noch ein Kompromiss den ich einzugehen bereit war. Aber mein Mann eine ganze Frau?! DAS war etwas, das ich mir weder vorstellen konnte noch wollte. So gut es ging versuchte ich meinen angeschlagenen Gemütszustand, die vielen Tränen, vor den Kindern zu verstecken. Zwiebeln schälen wurde zur beliebten Ausrede.

Die folgenden Tage waren von unseren Ängsten geprägt. Meine hatten die Prämisse, meinen Mann als Mann zu behalten, seine natürlich konträr dazu, unbedingt eine Frau zu werden. Denn nun stand fest, Matthias wollte den ganzen Weg gehen. Verzweifelt suchte ich nach Gründen für seinen – in meinen Augen unerträglichen – Wunsch, zur Frau zu werden. Ich war mir sicher, dass es in seiner Vergangenheit, seiner Kindheit, irgendwelche tiefgreifende Einschnitte gab, die das verursacht hatten … schließlich hat jeder seine persönliche Leiche im Keller. Dabei verdrängte ich völlig, dass mein Schubladendenken der vergangenen Monate und Jahre mich ja erst kürzlich so  kläglich im Stich gelassen hatte. Aber es musste einfach partout ein Grund her, der mir bestätigte, dass das alles ein schlechter Traum war, dass Matthias nicht transsexuell war. Gleichzeitig machte ich mich im world wide web schlau und fand tatsächlich  einen Blog, in dem eine Frau, die sich hatte umoperieren lassen, nun bitterlich bereute, dies getan zu haben. Wieder und wieder fragte ich ihn, ob dieser Schritt wirklich sein müsse, ob er darauf nicht verzichten könne, nicht kompromissbereit sei. „Es ist ein Oneway-Ticket!“ versuchte ich ihm klar zu machen. Je mehr ich so auf ihn einwirkte, desto größer wurde natürlich seine Angst, mich zu verlieren, doch er ließ sich nicht abbringen. Verzweifelt grub er aus seiner Vergangenheit eine Situation aus Bundeswehrzeiten aus, in der man ihn als schwul bezeichnet hatte und nutzte dieses Argument, um zu bekräftigen, dass er nun endlich richtig liege. Zu seinen Verlustängsten kam zwei weitere große Sorgen dazu: Immer wieder stand die Frage im Raum, wie er die geplante Veränderung seinem Umfeld, seinen Kollegen und Freunden erklären solle. Außerdem bereitete es ihm großen Kummer, wie er wohl als Frau aussehen würde. Seine sehr markant-männlichen Gesichtszüge bereiteten ihm große Kopfschmerzen. Perfektionistisch wie er nun mal veranlagt war, wollte er doch gerne ein gewisses Maß an fraulicher Schönheit umsetzen.

Unsere Gespräche nahmen immer mehr an Heftigkeit zu, oftmals waren sie lautstark. Aber ein befriedigendes Ergebnis für beide erzielten wir nicht. Die Verzweiflung auf beiden Seiten nahm zu und so kam es, wie es kommen musste. Eines Abends, mitten in einem handfesten Streit, brach Matthias zusammen. Schluchzend und bebend sank er auf den Küchenfußboden vor dem Kühlschrank in sich zusammen, unfähig sich zu bewegen oder zu sprechen. So hatte ich ihn noch nie erlebt, so totunglücklich. Das wollte ich nicht, ich fühlte mich unendlich hilflos. Dennoch war ich nicht in der Lage, ihm weiter entgegenzukommen, einfach ja und Amen zu allem zu sagen. Gemeinsam kamen wir an diesem Abend zu der Erkenntnis, dass wir in einer Sackgasse feststeckten, aus der wir alleine nicht mehr herausfanden. Wir brauchten Hilfe von außen. In einem Therapeut sahen wir einen praktikablen Lösungsansatz.

To be continued …

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