DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (1)

Vor ein paar Wochen trat eine Freundin an mich heran und bat mich, ihre Geschichte aufzuschreiben. Die Geschichte von Rita, die einst Matthias lieben lernte, zwei Söhne mit ihm bekam und nun mit Jana, ehemals Matthias, verheiratet ist. Hier also die Gedanken und Gefühle von Rita, ihre verzweifeltes Schönreden den langsamen Veränderungen gegenüber, ihre innere Zerrissenheit, bis hin zur bedingungslosen Akzeptanz der Wahrheit. Um die Persönlichkeitsrechte, vor allem der Kinder, zu schützen, habe ich mit Absprache der Familie die Namen aller Beteiligten geändert.

Lest nun, was Rita zu erzählen hat:

Das Jahr 2000 symbolisierte für viele Menschen eine Art Neubeginn, so auch für mich. Dass es allerdings ein so gewaltiger Umbruch werden sollte, wurde mir erst Jahre später bewusst. Ich war eine ganz normale Frau um die 30, die in diesem Jahr ihre große Liebe kennenlernen durfte: Matthias. Wir waren uns schnell einig, dass wir zusammen gehören und so war die Geburt unseres ersten Sohnes Fred nur gut zehn Monate nach unserem Kennenlernen ein kalkuliertes Risiko und schließlich Anlass großer Freude. Denn wir waren ein ganz normales Mann-Frau-Paar, eine kleine Familie, wenn auch noch ohne Trauschein. Wir waren jung und experimentierfreudig, unser Sexleben war nie langweilig. Die ersten feinen Kratzer in dieser Normalität traten etwa ein halbes Jahr nach Freds Geburt auf. Heute denke ich, dass mir zu dieser Zeit langsam aber sicher die weibliche Seite an Matthias zunehmend auffiel, ich konnte es aber damals noch nicht so beschreiben. Anlass dafür war sein Wunsch, sich einen Damenbody zu kaufen. Wahrscheinlich habe ich sehr irritiert aus der Wäsche geschaut, war das doch etwas, das ich mir an seinem sportlichen Körper so überhaupt nicht vorstellen wollte. Doch seine Argumente überzeugten mich nach kurzer Diskussion. Er läge so angenehm eng am Körper an und kein Unterhemd könne aus der Unterhose rutschen, wenn er sich bei seiner Arbeit draußen viel bewegen müsse. Der Rücken bliebe gut geschützt. Nun, wie konnte ich mich diesem logischen Argument verschließen? Augen zu und durch, sagte ich mir. Man sieht es nicht, redete ich mir ein. Er trägt es nur auf der Arbeit, beruhigte ich mich selbst. Und ich sollte in den nächsten Jahren verdammt gut werden im Selbstberuhigen, meine Bedenken verschwanden Stück für Stück in Schubladen. Genauso wie die Nylonstrumpfhosen, die Matthias kurze Zeit später in sein Kleiderrepertoire aufnahm. Seine Begründung, er würde mit den Baumwollsocken in den Gummistiefeln draußen bei der Arbeit so schwitzen, war für mich absolut unlogisch. Kannte ich es doch eher anderes rum. Aber welche Frau versteht schon männliche Logik? Soll er doch bei der Arbeit tragen, was er will, sieht ja keiner. Also bekannte Schublade auf, Nylons und Bedenken rein, schnell zu damit! Doch es sollte nicht lange dauern, bis ein weiteres Kleidungsstück Einzug in diese Schublade hielt. Allerdings schien es sich zumindest gedanklich ziemlich sperrig anzufühlen. Diskussionen und Gebettel ebneten aber schließlich auch den Weg für den Badeanzug. Ja richtig, Matthias, ein begeisterter Schwimmer, bestand darauf, es fortan in einem Badeanzug zu tun! Ich versuchte ihn zu schocken, indem ich spielerisch seinem Wunsch entsprechen wollte, wenn er im Gegenzug dazu bereit war, den Einteiler erstmals im Schwimmbad seines kleinen Heimatortes einzuführen. Da wo ihn jeder kannte. Seine sofortige Zustimmung prallte als selbstgebastelter Schock ungeschützt auf mich zurück. Und nun? Ok, nach endlosen Diskussionen gab ich um des lieben Friedens willen nach und füllte die Ausredenschublade mit einem illusorischen „Bestimmt nur einmal!“. Wir ließen eine maßangefertigte Schwimmbekleidung herstellen, mit Stehkragen und breiten Trägern, ähnlich denen, die MANN vor 100 Jahren trug. Der Besuch am heimatlichen Badesee verlief glimpflich und so ließ ich mich überreden, mit ihm ins örtliche Schwimmbad zu gehen. Ich hoffte so sehr, dass die Blicke, die Bemerkungen, ihn vielleicht von weiteren Eskapaden abbringen würden, doch es kam natürlich anders. Die Blicke waren da, das Getuschel auch. Schließlich nahm irgendjemand all seinen Mut zusammen und fragte, warum Matthias diesen Badeanzug trüge. Schützenhilfe kam von unerwarteter Seite. Eine Freundin hatte die absolut logische Erklärung zur Hand: Matthias sei doch übersät mit diesen unschönen Aknenarben, bestimmt sei ihm das unangenehm und so könne er sie gut abdecken. Juhu! Ausrede angenommen, eingepackt, Schublade auf, rein damit! So gestärkt, ließ der Wunsch nach einem Damensportbadeanzug natürlich nicht mehr lange auf sich warten. Die Streitigkeiten gingen wieder los. Wie kann man Aknenarben, geschweige denn einen ganzen Mann in einem Damenbadeanzug verstecken? Sein Gebettel: Nur einmal … und meine Argumentation: ich will das nicht in der Öffentlichkeit, die Kinder werden geärgert … prallten unreflektiert aufeinander. Doch wie so oft gab ich um der Harmonie wegen nach. Und wie so oft blieb es nicht bei dem einen Mal. Und je selbstverständlicher es wurde, je weniger die Blicke wurden, desto besser konnte ich es ertragen. Es gab mir Sicherheit und Entspannung, ich tat es als Tic ab, wollte nicht weiter darüber nachdenken. Ist ja alles ganz normal. Die Ausredenschubladen quollen inzwischen über. Ich wurde … betriebsblind. Die folgenden Jahre der getarnten Normalität gaben mir scheinbar recht.

4 Kommentare zu „DIE FRAU AN MEINER SEITE ODER WENN „ANDERS“ ALLTAG WIRD (1)“

  1. Guten Tag
    Kompliment super geschrieben👍👍👍Gibt es eine Fortsetzung von diesem Bericht? Ich habe das Gefühl die Geschichte ist noch nicht ganz fertig kann das sein? Auf jedenfall sehr spannend und super geschrieben😀

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  2. Hallo Kathrin,
    sehr gut geschrieben und auch authentisch.
    Ich bin selbst TG und verheiratet. Es ist immer wieder erstaunlich dass die Abläufe immer sehr identisch sind.
    Jetzt ist nur die Frage:“Ist es nur ein subjektiver Bericht oder willst du anderen betroffenen Paaren ein wenig Hilfestellung bei der Problembewältigung geben.
    Im Moment schreibst du dir deine Eindrücke und Konflikte von der Seele.“ So habe ich jedenfalls das Gefühl . Hilfreich für euch beide wäre die Kontakaufnahme zu einer Seblsthilfegruppe in eurer Nähe. Da treffen sich ach nur mal Partnerinnen und dein Man kann da auch in geschützten Räumen seine Neigung mal ausleben.

    LG Pia

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    1. Hallo Pia, erst mal vielen Dank für deinen Nachricht. Aber ich glaube du hast da etwas missverstanden. Ich schreibe für eine Freundin, die all das erlebt hat. Sie wollte einmal die andere Seite der Partnerschaft aufzeigen. Inzwischen gibt es ihren „Mann“ nicht mehr, aber das kannst du alles später noch lesen. LG Kathrin

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