TRANSGENDER … MODEERSCHEINUNG ODER ERSEHNTE BEFREIUNG

Seit einigen Jahren nehmen die Pressemeldungen zu diesem Thema rapide zu. Es erweckt den unangebrachten Eindruck, dass es sich hierbei lediglich um eine Modewelle handelt, IN sein um jeden Preis. Typisch für unsere Gesellschaft. Die wahre Dramatik dahinter sieht kaum jemand. Doch für das dezente Aufweichen dieses Tabus ist die Zeit längst überfällig. Nur schleppend geht das Einfügen der Betroffenen in unseren Kulturkreis voran. So trat das deutsche Transsexuellengesetz erst 1980 in Kraft, dabei definierte der Sexualforscher Magnus Hirschfeld vom Berliner Institut für Sexualforschung den Begriff Transsexualität bereits 1923. Er führte in seinem Institut auch die ersten Geschlechtsumwandlungs- bzw. – anpassungsoperationen durch. Wer sich für eine bewegende Geschichte aus dieser Zeit interessiert, sollte „The Danish Girl“ von David Ebershoff lesen. Das Buch basiert auf dem Lebensbericht der dänischen Malerin Lili Elbe, der 1931 zuerst in Dänisch erschienen ist.

Über die Ursachen von Transgender/Transsexualität gibt es keine klare Erkenntnis, allenfalls Spekulationen. Denn Theorien, die z.B. belegen sollen, dass es eine körperliche Ursache hat, werden von anderen Theorien genauso glaubhaft widerlegt. Zwar gibt es für den medizinischen Bereich eine ICD-10 Codierung, doch das heißt nicht, dass es eine Krankheit ist. Sie dient vor allem als statistisches Merkmal zur Einleitung notwendiger Behandlung begleitender Erkrankungen wie etwa psychischer Probleme, Suchterkrankungen oder auch psychosomatischer Beschwerden. Leider verbirgt sich hinter der deutschen Verwaltungsgründlichkeit mal wieder ein großer Stolperstein. Denn nur wer sich zu Transsexualität bekennt, also der festen Überzeugung ist, nicht mit dem richtigen Geschlecht zu leben, kann von der Krankenkasse Leistungen erwarten. Transgender allerdings, die genau genommen mit der ihrem Geschlecht zugeteilten Rolle in der Gesellschaft nicht einverstanden sind, kommen nicht in den Genuss dieser Leistungen. Dabei ist es für die Betroffenen immer eine unglaublich starke innere Notwendigkeit, sich nach ihren Gefühlen zu richten. Nur so können sie ihre geistige und seelische Gesundheit, die meistens schon in jahrelangen Eigenzweifeln bis zum Coming Out gelitten hat, neu erlangen.

Auch wenn im deutschen  Sprachgebrauch Transgender die meist genutzte Bezeichnung in diesem Themenfeld ist, kann sie im Höchstfall als Oberbegriff dienen. Theoretisch fallen darunter nämlich nur Diejenigen, die mit der ihnen zugeordneten gesellschaftlichen Rolle nicht konform gehen. Jene, die den Ursprung ihrer Probleme im aktuellen Geschlecht sehen, werden unter dem Begriff transsexuell zusammengefasst, natürlich mit vielen Abstufungen. Doch wie so typisch für unsere Gesellschaft, impliziert in der deutschen Sprache der Wortbestandteil „sex“ oftmals etwas ganz anderes. Transsexualität hat allerdings überhaupt nichts mit der sexuellen Orientierung, sexuellen Vorlieben oder gar sexueller Stimulation oder Fetisch zu tun. Sehr schön nachzulesen sind die Begriffsdefinitionen hier: Begrifflichkeiten . Transidentität ist eine alternative Begriffswahl, die vor allem bei unseren Nachbarn in Österreich genutzt wird.

Nach so vielen trockenen Informationen möchte ich nicht versäumen, ein paar alltags taugliche nachzuliefern. In welchem Alter erste Anzeichen für eine der vielen Formen des Transgender-Daseins auftreten, ist absolut unterschiedlich. Doch nur weil ein Kindergartenjunge sich eine Puppe zu Weihnachten wünscht oder ein Schulmädchen gerne an Autos rumschraubt, heißt das noch lange nicht, dass sie homosexuell, transsexuell oder transgender sind. Denn kindliche Neugierde gibt es auch noch! In der Pubertät kann es eine vorübergehende, Hormon bedingte Identitätskrise sein. Dem haltlosen Teenager offen und vor allem verständnisvoll entgegen zu kommen, hilft ihm, seinen richtigen Weg zu finden. Es gibt viele Anlaufstellen, bei denen Jugendliche sich auch alleine Informationen oder sogar Hilfe holen kann. Etwa in Frankfurt im  KUSS 41 . Auch in Darmstadt erweitert der Verein Vielbunt  nach dem Einzug in die  Oetinger Villa  sein Angebot. Erkennt man erst im Erwachsenenalter, dass Körper und Geist nicht zusammenpassen, hat man oft schone eine lange Leidenszeit hinter sich. Unstimmigkeiten im Alltag, Schwierigkeiten im Beruf, vielleicht Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen … nicht sofort wird klar, was die Ursache ist und dann braucht man auch den Mut, sich zu offenbaren, es zuzulassen. Eventuell eingebunden in eine Familie trifft die Entscheidung ja auch eigentlich unbeteiligte Menschen. Immer wieder wird über den Werdegang so Betroffener berichtet, den Hindernissen und Steinen im Alltag, hat er/sie eine Entscheidung getroffen, dem Unverständnis wenn man sich outet, die Blicke, wenn man vorsichtig beginnt, Kleidung und Körper anzupassen. Nicht leicht, bestimmt nicht. Doch kaum ein Außenstehender weiß, wie es bei den unfreiwillig Mitgehangen-Mitgefangenen aussieht, den Ehemännern – und –frauen, den Kindern, Lebensgefährten ….

Deshalb möchte ich einmal genau diese Seite aufzeichnen. Dazu darf ich die Geschichte einer zweifachen Mutter erzählen, deren Mann nun Frau ist. Ich danke ihr und der ganzen Familie jetzt schon einmal für das Vertrauen, dass mir entgegengebracht wurde und für die Erlaubnis, die andere – IHRE –  Seite authentisch beleuchten zu dürfen.

In diesem Sinne … schaut ab und zu rein und seht nach, ob es was Neues gibt!

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