REISEJOURNAL ILLMITZ – 10. Tag Die ungarische Runde um den See

Den frühmorgendlichen Ausflug zum See spare ich mir heute mal wieder, denn es geht heute mit der ganzen Familie auf die Reise durch Ungarn. Die Runde ist zwar wesentlich kürzer, als die auf österreichischem Gebiet, nur etwa 55 Kilometer, aber für die Kinder ist es eine Herausforderung, zumal der Wind ganz ordentlich pustet. Wir beginnen wieder auf der anderen Seite, soll heißen, auf zum Illmitzer Seehafen und von dort mit der Radfähre nach Mörbisch. Der für diesen See ungewöhnlich hoher Seegang kündigt an, dass der Wind uns zumindest auf dem Rückweg ordentlich zu schaffen machen wird. IMGP8735Die Gischt spritzt hoch, die Fähre tanzt. In Mörbisch halten wir uns diesmal links, müssen quer durch den Ort radeln. Der Straßenzug zum ehemaligen Grenzübergang zeigt einmal die Schönheit des kleinen Ortes, fernab von Seebad, Hafen oder Souvenirläden. Es geht bergan, ein paar hundert Meter hinter dem Ortsausgang nähern wir uns der Stelle, wo früher der Schlagbaum stand. Das alte Grenzhäuschen steht inzwischen in Mönchhof im Dorfmuseum, es wurde ein ordentlicher neuer Rad-und Fußweg angelegt, der auch rege genutzt wird. IMGP8751

Diesen gab es bereits kurz nach Öffnung des Eisernen Vorhanges. Ich bin ihn schon Anfang der 90er Jahre gefahren. Damals standen am Wegrand noch sehr viele Ungarn, die Most, Trauben, anderes Obst und Gemüse verkauften. Heute sind sie verschwunden, schade! In Anlehnung an die vergangenen Zeiten läuft hier parallel zum Radweg B10 der Iron Curtain Trail, ein europaweiter Radweg mit der Nummer E13, doch dazu später mehr. Bis nach Fetörákos ist es etwas hügelig. Vom höchsten Punkt hat man einen tollen Blick über den ungarischen Teil des Sees.

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Fetörákos ist einer der größeren Orte am See und der einzige auf ungarischer Seite, der einen kleinen Hafen und ein eigenes Seebad besitzt. Das Dorf geht bis zu den Römern zurück. Es liegt langgezogen an der Landstraße und die Häuser werden zusehends instand gesetzt. Oft sind es allerdings Österreicher, die hier ihr Feriendomizil errichten. Alle Orte haben gemeinsam, dass sie über oft unverhältnismäßig große Kirchen in sehr gutem Zustand verfügen. Ebenfalls typisch sind die Langhöfe an der zum See gewandten Straßenseite. Wie eine schmale Gasse ziehen sie sich oft 100 Meter und sind rechts und links mit kleinen Häusern bebaut, jedoch nur durch ein schmales Tor von der Straße aus zu erreichen. Von hier aus führt der Radweg auf der Landstraße bis Balf. Zum Glück ist die Straße in einem schlechten Zustand, sonst würde die Radler sicherlich auf dem engen Teerstreifen schnell von den oft sehr ungestüm fahrenden Einheimischen in den Graben gedrängt. Kurz vor Balf kämpfen wir uns den letzten Hügel für diese Strecke hoch, von nun an bleibt es relativ eben. Balf ist für sein schwefelwasserstoffreiches Heilwasser bekannt, das zur Behandlung von Gelenkerkrankungen und Rheuma dient. Hier kann man nach Sopron abbiegen. Am Ortsende beginnt ein sehr entspanntes Fahren, denn hier hat es Dank der großzügigen Unterstützung der EU einen neuen Radweg neben der Straße gegeben. Eine richtige Fahrradautobahn, mit zwei Spuren, getrennt durch eine Mittellinie. Der Radhighway wird lediglich durch übermäßig wucherndes Straßenbegleitgrün an manchen Stellen ein wenig eingeengt. Die nächste Ausfahrt heißt Fertöboz, klein und beschaulich. Der bis 1865 blühende Badebetrieb musste dann wegen der zunehmenden Austrocknung des Sees eingestellt werden. Weiter geht es nach Hidegseg, ein Ort auf den sich die Kinder besonders freuen, denn hier gab es beim letzten Mal erfrischende Getränke und eine Spielplatzrast. Das Getränkebüdchen hatte leider geschlossen, dafür war der Spielplatz völlig neu und sehr schön gestaltet. Es ist überhaupt auffallend, dass es zwar viele Radlerrastmöglichkeiten entlang dieser Route gibt, diese jedoch anscheinend oft nur am Wochenende geöffnet haben. Es empfiehlt sich also, ausreichend Proviant mitzunehmen, auf wenn die örtlichen Tante Emma Läden einen vor dem Verdursten retten würden. Dafür gibt es entlang der Strecke erstaunlich viele, erneuerte oder neuangelegte Spielplätze, so das für genügend Abwechslung für kleine Radler gesorgt ist. Wir fahren halt weiter bis nach Fertöhomok, dort kehren wir in einem sehr schönen Selbstbedienungsrestaurant ein.

 

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Für umgerechnet knapp drei Euro bekommt man hier ein Menü plus Getränk. Die meisten Bedienungen sprechen deutsch und es stellt kein Problem dar, in Euro zu bezahlen. Weiter geht es auf der Radautobahn über Hegykö und Fertöszéplak nach Fertöd, dem wohl größten ungarischen Ort am See. Hier ist man auf Touristen aller Nationen sehr gut eingestellt, denn am Ortsrand liegt das Schloss Esterházy.

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Was früher im typischen Schönbrunner gelb erstrahlte, wurde inzwischen beige getüncht. Meiner Meinung nach nicht sehr passend, denn der weiß gekieste Hof und die hellen Gebäude schmerzen in den Augen, nur die zaghaft angelegten Grünrabatten bieten ein wenig Ausgleich. Der Radweg B10 würde jetzt weiter nach Pamhagen gehen, doch wir wählen die Variante des E13, also den Iron Curtain Trail. Dieser biegt kurz vor dem Schloss links ab und über Nebenstraßen erreichen wir Sarród, das sich nahtlos an Fertöd anschließt. Von hier geht es wieder über die Landstraße weiter. Wenig Autoverkehr, viele Radler und jede Menge Gegenwind. Die Straße führt zwischen Feldern hindurch, ab und zu bietet ein kleiner Wald Windschatten. Nach etwa zwei Drittel des Weges zum nächsten Ort kommen wir an den Einserkanal.

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Das ist einer der wenigen Wasserwege, die zum See führen. Hier wird mittels Wehr der Abfluss geregelt, so dass die Seetiefe selbst bei drohendem Niedrigstand relativ konstant gehalten werden kann. Direkt hinter dem Kanal erhaschen wir aufgrund des feuchten Frühlings einen Blick auf den südlichsten Teil des Sees, den sogenannten Silbersee. In vielen Jahren ist hier allenfalls Sumpflandschaft zu erkennen, doch dieses Jahr können die unzähligen Wasservögel richtig plantschen.

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In diesem Zipfel des Nationalparks gibt es eine Sensation, denn es ist gelungen, die nahezu ausgestorbenen Seeadler wieder anzusiedeln. So einfach bekommt man sie nicht zu Gesicht, doch können interessierte Ornithologen an Exkursionen des hiesigen Nationalparkzentrums teilnehmen. Für Menschen, die diese Strapazen nicht auf sich nehmen wollen, gibt es eine Website mit Link zu einer Webcam: http://imperialeagle.hu/content/webcam            Jetzt ist es nur noch ein Katzensprung bis zum letzten Ort auf ungarischer Seite: Fertöújlak. Das wohl kleinste Dorf am Radweg hat einen ganz speziellen Charme. Es vermittelt die Weite der Puszta und eine Rast im kleinen Ortsgasthof ist absolute Pflicht. Kalte Getränke, den besten Kaffee in diesem Urlaub und unglaublich leckerer selbst gebackener Strudel in mindestens vier Varianten laden zum Schmausen ein. Entschädigung und Stärkung für den Gegenwind.

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Es folgen die letzten Kilometer auf dem Iron Curtain Trail, der dann wieder auf den B10 entlang der Landstraße Apetlon-Pamhagen trifft. Österreich hat uns wieder. Noch vor drei Jahren musste man durch den Straßengraben, um diesen Teil vom Radweg zu erreichen, denn die Gemeinde Pamhagen wehrte sich mit Händen und Füßen gegen einen Anschluss. Wohl aus Angst, die Radtouristen blieben ihrem kleinen Örtchen fern. Inzwischen ist der Graben zwar aufgefüllt, doch kommt man aus Apetlon, will die Ungarnrunde also andersrum fahren, so gibt es keinen Wegweiser, der einen auf den abzweigenden Iron Curtain Trail aufmerksam macht. Zum Glück ist er in neueren Karten verzeichnet.

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Kurz vor dem Ortseingang Apetlon erreichen wir reichlich abgekämpft unserer Lieblingsradlerrast, den Radlertreff Klinger. Betreiber ist der wohl größte Winzer Apetlons, der es sich aber  nicht  nehmen lässt, oft selbst anwesend zu sein, wenn auch mehr zum Plauschen, denn zum Arbeiten. Die Speisekarte ist voll mit leckeren einheimischen Jausen und man sollte es nicht verpassen, hier einen selbstgemachten Sirup, aufgefüllt mit Soda, zu probieren.

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Der Endspurt bis nach Illmitz ist jetzt angesagt, ordentlich durchgepustet, mit leicht schmerzendem Hinterteil und ziemlich hungrig erreichen wir unser Domizil, reif für ein lecker Abendbrot … wo wohl!?

 

 

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