REISEJOURNAL ILLMITZ – 6. Tag Seeumrundung Österreich

Nein, heute kein vorfrühstücklicher Ausflug mit dem Rad zum See, denn ich habe mir vorgenommen, den österreichischen Teil des Sees mit dem Rad zu umrunden. Das sind gut 80 Kilometer, das sollte reichen. Schon auf dem Weg zur Radfähre, die am Strandbad von Illmitz ablegt, merke ich, dass ich mir nicht den besten Tag für dieses Unterfangen angesucht habe. Der Wind bläst stramm, definitiv aus der falschen Richtung. Das bedeutet etwa 60 Kilometer bei Gegenwind. Nun ja, nur die Harten kommen in den Garten, oder wie war das!? Ich nehme die Fähre um 9:30 Uhr, sie braucht gut 20 Minuten bis nach Mörbisch. Als ich den Radweg Richtung Ort einschlage, es ist übrigens der B10, der rund um den Neusiedler See geht, passiere ich als Nummer 17 den Zähler auf dem Radweg. Bekannt ist Mörbisch wohl vor allem aufgrund seiner einzigartigen Open-Air-Bühne, die sich auf dem See befindet und auf der alljährlich im Sommer Operetten aufgeführt werden, aber auch andere Konzerte. Ich fahre nicht bis rein in die Weinbaugemeinde, der Radweg  Richtung Rust biegt vorher ab. Fährt man jedoch nach links, gelangt man nach Ungarn. Dort allerdings, wo früher noch der Grenzbaum Ungarn abgeriegelt hat, ist jetzt ein Übergang für Fußgänger und Radfahrer eingerichtet, nicht für den Autoverkehr. Bereits auf dem Weg nach Rust meldet sich mein innerer Schweinehund. Komm, spricht er, in Rust nimmst du die Fähre nach Podersdorf, spar dir den Rest. Mit 1,2,3 Leckerchen auf einer Bank kann ich ihn aber überzeugen, fortan die Klappe … äh das Maul zu halten. Rust ist auf jeden Fall einen Ausflug wert. Hier in der Freistadt Rust trifft historische Baukunst auf ländliches Leben. Der gepflasterte, leicht am Hang liegende Marktplatz ist umrahmt von Bürgerhäusern mit Barock-und Renaissancefassaden aus dem 16. – 18.Jahrhundert. Am oberen Ende liegt die Fischerkirche, die älteste Kirche des Burgenlandes, aus dem Mittelalter. Außerdem ist Rust die Stadt der Störche, kaum ein Gebäude ist ohne bewohnten Horst, das Geklapper begleitet den Besucher auf Schritt und Tritt.  Von hier führt mich der Weg weiter nach Oggau, das als älteste Rotweingemeinde Österreichs gilt. Als Wahrzeichen des Ortes gilt der sogenannte Hötzelstein, ein 60 Meter langes Kalksandsteinriff. Der Ort hat keinen direkten Zugang zum See, hier ist der Schilfgürtel zu breit. Das gleiche gilt für die nächste Gemeinde:  Donnerskirchen. Um dorthin zu gelangen, steigt der Radweg leicht an, man muss die sanften Ausläufer des Leithagebirges erklimmen. Sehenswert sind auf jeden Fall die alte Wehrkirche mit Seeblick, der Dorfpranger und einige Keltengräber. Knapp 10 Kilometer weiter und ich gelange nach Purbach. Touristisches Wahrzeichen ist der Türke, der von den kriegerischen Attacken der Osmanen zeugt und bei der Erstürmung der Stadt im Schornstein stecken geblieben sein soll. Also Kopf in den Nacken schmeißen, wenn man durchradelt! Auch die drei Türkentore erinnern an längst vergangene Zeiten. Purbach wiederum ist durch einem langen künstlichen Kanal mit dem See verbunden. Breitenbrunn streift man nur am Rande, der Türkenturm zeugt von den historischen Einschnitten und im Wehrturm befindet sich die älteste Turmuhr Österreichs. Das nördliche Ende des Sees wird von Winden, Jois, Neusiedl und Weiden eingerahmt. Winden ist ein sogenanntes Schmalangerdorf, die ersten Funde stammen aus der Jungstein-und Bronzezeit. Besonders erwähnenswert ist das Gotische Lichthäuschen und die zahlreichen Erdkeller in den Kellergassen, die zum Lagern des Weines genutzt werden. Jois wiederum ist vielen Seglern durch seinen großen Yachthafen bekannt. Auch hier gibt es alte Hügelgräber, aus der Hallstattzeit. Die barocke Georgskirche ist Mittelpunkt des blumengeschmückten Straßendorfes. Neusiedl ist für mich ein Spezialfall. Das erste Mal war ich Anfang der 70er Jahre dort. Ein kleines Dorf, dessen Hauptstraße noch nicht geteert war, mit einem putzigen Strandbad und wenig Tourismus. 20 Jahre lang boomte es, Hotelriesen wurden errichtet, ein Wellenbad gebaut, die Gemeinde wuchs und wuchs. Die Ruine Tabor schien das ganze aus luftiger Höhe zu bewachen. Ab Mitte der 90er Jahre verfiel die Stadt meines Erachtens zunehmend. Die Hauptstraße präsentierte sich dreckig, die Häuser verkamen, immer mehr neue Großmärkte am Rande der Stadt eröffneten. Inzwischen ist es absolut kein Ort mehr, der mich als Tourist verleiten würde, dort entspannten Urlaub zu genießen. Durch die Ausdehnung Neusiedls praktisch direkt angrenzend führt mich mein Weg nach Weiden. Einem langgezogenen Straßendorf, das geprägt wird durch Verkaufsstände vor den Hoftoren, in denen der Durchreisende vom Gemüse über Souvenirs gefertigt aus Stroh oder Schilf bis hin zum Selbstgebrannten alles bekommen kann, um die daheim Gebliebenen glücklich zu machen. Erwähnenswert sind die Zitzmannsdorfer Wiesen, eine Bewahrungszone des Nationalsparks mit Feuchtgebieten und Sandsteinhöhlen, die unter anderem als Nistplatz für den Bienenfresser dienen. Ab Weiden hörte dann auch endlich der Gegenwind auf und so war die Fahrt nach Podersdorf ein wenig entspannter. Zwar ist hier der Radweg nicht durchgängig befestigt, dafür aber landschaftlich um so abwechslungsreicher. Wie ich schon einmal erwähnte, halte ich Podersdorf auch nicht für die Erfüllung meiner Urlaubsträume, obwohl es der größte Touristenort am Neusiedler See ist. Oder gerade deshalb? Vier Kilometer Strand, viel Trubel, aber dafür auch der einzige Ort ohne Schilfgürtel, direkt am Seeufer gelegen. Kurz nach Podersdorf kommt mein Lieblingsort am ganzen See, die HÖLLE!!! Wie durch tausend Höllen gegangen fühle ich mich auch, als ich den gemütlichen Heurigen dort passiere. Der Schweinehund meckert und knurrt lautstark, denn ich lasse den einladenden Gastgarten links liegen und strampel verbissen weiter. Die Familie sitzt inzwischen bestimmt schon beim Essen und auch mein Magen sehnt sich nach einer anderen Füllung als Mineralwasser. Welch ein Segen, als ich endlich das reguläre Ortsschild Illmitz erkennen kann. Nochmal die letzten Reserven mobilisierend strampel ich vorbei am Naturparkinformationszentrum über den Güterweg direkt zum Hintereingang des Zentrals, wo man mich schon sehnsüchtig erwartet. Da es etwas später geworden ist, als geplant, hat die Familie bereits gespeist, doch auf meinem Platz liegt einladend ein Besteck. Kaum Platz genommen, da eilt auch schon Emmerich, mein Lieblingsober auf mich zu und stellt mir mit einem wissenden Lächeln einen G ´spritzen vor die Nase. Nach dem ersten Schluck habe ich wieder die Kraft, gleich einen weiteren zu ordern, dazu eine Portion Seewinkler Nudeln und diesmal gibt es auch einen Nachtisch: Hausbecher, sprich Vanilleeis mit marinierten, heißen Kirschen. Heute Abend fällt der Hammer schnell, nach dem Duschen noch ein Gute-Nacht-Wein auf dem Balkon, dann endlich lang machen im Bettchen!

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