REISEJOURNAL ILLMITZ – 5. Tag Kutschfahrt durch die Puszta

Ich hätte den Frosch mitnehmen sollen, denke ich mir, als ich um kurz nach sechs Uhr den Widerstand gegen das Fliegengekitzel aufgebe und die Beine aus dem Bett schwinge. Ein Blick vom Balkon verheißt Besserung. Nachdem es gestern den ganzen Nachmittag und die Nacht durchgeregnet hat (120 l/m²), scheint Petrus sich für heute eine Pause zu gönnen. Zwar ist es noch grau, aber trocken. Doch die Sintflut hat in der Landschaft Spuren hinterlassen. Der Kirchsee, unweit unserer Unterkunft, der sonst nur als schmaler Strich zwischen den Büschen zu erkennen ist, hat ungeahnte Ausmaße angenommen. Auf der Weide direkt unter dem Balkon stehen großflächige Pfützen und aus Erfahrung weiß ich, dass auch die schon fast ausgetrocknete Zicklacke wieder ordentlich Wasser führt, ähnlich den anderen Lacken, verteilt in der Puszta. Die Fahrt zum See spare ich mir heute Morgen auch, da mein Rädchen sonst Schwimmflügel für den mit Sicherheit überfluteten Radweg brauchen würde. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zu Vinzenz Gangl, einem Kutschfahrbetrieb, denn für 10:00 Uhr haben wir zwei Stunden bei Toni, unserem Haus- und Hofkutscher gebucht. Wir wählen die Runde zum Sandeck, wo die weißen Esel stehen und wir mit ein bisschen Glück auch die Wasserbüffel in der Uferregion zu Gesicht bekommen. Wir starten Richtung See, vorbei an dem traditionellen Ziehbrunnen und dem Schilfunterstand, beides in der Vergangenheit unerlässlich für durchziehende Hirten samt Herde. IMGP8614Weiter geht es entlang der Zicklacke, die wie vermutet auch deutlich mehr Wasser führt, in die Weingärten. Wir haben ein nettes österreichisches Pärchen mitgenommen und so kann Toni wieder referieren was das Zeug hält. Meine Mädels verstehen kaum ein Wort, doch das stört sie nicht, denn sie sind abwechselnd mit Kutsche lenken beschäftigt. Der Seewinkel ist bekannt für seine hervorragenden Sandweine. Unter der oft viele Meter starken Sandschicht bildet eine Lehmsohle den Abschluss, so dass das Grundwasser hier gestaut wird und den Reben auch in trockenen Sommern zur Verfügung steht. Im Gegensatz dazu stehen die Weingärten, die auf zwar sehr humusreichen Grund gut gedeihen, der aber wiederum Schotter als Grundlage hat, durch den das Regenwasser abfließen kann und somit für volle Ernte eine Bewässerung nötig macht. Auch die Tierwelt scheint sich über diesen reichlichen Regen gefreut zu haben und da die Sonne nicht prall am Himmel steht, suchen sie nicht im Gebüsch Schatten, sondern präsentieren sich in ihrer ganzen Vielfalt. Reiher, Kiebitze, Uferschnepfen, Strandläufer, Graugänse, Störche, Hasen, Fasane, Rehe, Kampfläufer und vieles mehr zeigt sich uns. Am Wegesrand zieht eine große Rinderherde vorbei, begleitet von einem Hirten samt zwei Hütehunden. Wir nähern uns dem Sandeck und schon von weitem hebt sich der Aussichtsturm gegen den Horizont ab. Ursprünglich handelte es sich dabei um einen Grenzturm, der zur Überwachung der ungarisch-österreichischen Grenze zu Zeiten des Eisernen Vorhanges diente. Als dieser fiel, wurden die Türme überflüssig und so manch einer kam als Aussichtsturm weiterhin in Lohn und Brot. Unterhalb des Exgrenzturmes haben die weißen Esel ihr Quartier. Dabei handelt es sich nicht um Albinos, sondern durch jahrhundertelange Auslese und Zucht wurde den Tieren die weiße Farbe angezüchtet. Früher waren sie ein Zeichen von Wohlstand, heute sind sie vom Aussterben bedroht und werden vornehmlich in Zoos gehalten. Im Nationalpark soll die Nachzucht unter Freilandbedingungen erfolgen, doch klappt es nicht so wirklich, Jungtiere sind selten. IMGP8643Tatsächlich sind auch die Wasserbüffel direkt am Schilfrand in der Nähe des Zauns zu sehen. Sie vermehren sich prächtig und zusammen mit den Eseln und den ungarischen Graurindern sorgen sie durch die stetige Beweidung dafür, dass das Schilf nicht alles überwuchert. IMGP8625Übrigens ist der komplette österreichische Teil des Neusiedler Sees weiterhin im Privatbesitz der Fürstin Melinda Esterhazy, die in der Schweiz lebt. Die zwei Stunden sind viel zu schnell vorbei, wir nehmen für dieses Jahr Abschied von Toni und seiner Schwägerin, der Frau Gangl, nicht ohne vorher noch ein Glas Wein zu bekommen. Um die Uhrzeit beschwingt mich das ungemein und die Heimfahrt mit dem Radl hat was ganz Spezielles!

http://www.vinzenzhof-gangl.at/kutsche.htm

Da der Himmel immer mehr aufreißt, fahren wir noch mal kurz zum See. Mir reicht die Temperatur zum Baden nicht, dem Rest der Familie aber schon.

Donnerstag ist Ruhetag im Gasthof Zentral, wir müssen wohl oder übel eine Ausweichfutterstelle suchen. Unsere Wirtin hat uns vor einigen Jahren einmal den Illmitzer empfohlen, doch dort waren wir nicht sehr glücklich. Wir gehen jetzt immer ins Bartholomäus Stüberl, benannt nach der benachbarten Bartholomäus Quelle.

http://www.bartholomaeusstueberl.at/

1930/31 wurde dort die Erstbohrung vorgenommen, um Illmitz mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Zwar hatte fast Jeder einen Brunnen auf dem Hof, doch bedingt durch den flachen Grundwasserspiegel und die intensive landwirtschaftliche Nutzung und damit Düngung mit Mist und Gülle, war das Grundwasser durch das abfließende Oberflächenwasser stark nitratbelastet und wenig gesund. Man bohrte also in tiefere Regionen und bei 188 Meter wurde man fündig. Das Quellwasser schafft es aus eigener Kraft an die Oberfläche. Es ist schwefelhaltig und eisenreich, man riecht und schmeckt es. Das tut der Beliebtheit jedoch keinen Abbruch, von weit her kommen die Menschen und füllen es ab. Inzwischen erhält der Seewinkel und damit auch Illmitz sauberes Trinkwasser aus einem Höhenzug am anderen Seeufer. Per Pipeline quer durch den See findet es seinen Weg in Illmitzer Wasserhähne.Bartholomäus Quelle

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