REISEJOURNAL ILLMITZ – 4. Tag Einmal Hölle und zurück

Ich brauche einen Frosch … jetzt und hier … sofort! Bitte!!! Nicht zum Küssen, meinen Prinzen habe ich längst gefunden, nein … aber eine einzige Stubenfliege hat mit ihrem permanenten Gekrabbel auf mir dafür gesorgt, dass die Nacht um 5.20 Uhr ein Ende hat. Ok, dann also Beine aus dem Bett schwingen und das übliche morgendliche Ritual starten. Kaffee, Balkon, Zigarette, Wetter betrachten. Sieht gut aus, große blaue Löcher in hellem Grau. Rauf auf den Drahtesel, ab zum See, Einsamkeit genießen, Melancholie spüren. Wieder zurück sorgt ein Frühstück für die körperliche Kraft, die der Geist am See getankt hat. Es folgt ein kurzer Einkaufstripp zum ortsinternen BILLA-Markt, der 3. Versuch in Illmitz ein kleines, scharfes Messer zu kaufen. Auch dieser scheitert. Also werden Paprika, Nektarinen, Pflaumen und Aprikosen weiterhin mit dem vorhandenen Brotmesser massakriert … no risc no vitamines! Auf dem Radelplan steht heute eine Tour nach Podersdorf, Rückweg über die Hölle, einem sehr weit außerhalb gelegenen Ortsteil von Illmitz. Da die drei Damen der kleinen Reisegruppe nicht genau nachvollziehen könne, was .. owwe oder unne rum … bedeutet, lassen wir den Herrn vorfahren. Mit seinen leuchtend roten, leicht angebrannten Waden weist er uns den Weg in das nächste, nördlich gelegene Dorf. Podersdorf ist der einzige Ort am See ohne Schilfgürtel und mit Sandstrand. Für meinen Geschmack zu sehr auf Schickimicki-Touristen eingestellt. Das einzig sehenswerte scheint mir der Leuchtturm draußen am Ende des Kais, wenigstens ein bisschen Romantik … IMGP8603Inzwischen wird es immer grauer um uns herum, um nicht zu sagen rabennachtschwarz. In der Ferne grollt es leicht, klingt wie die Aufforderung, uns in Richtung Hölle auf den Weg zu machen. Entlang des gut befahrenen Radwegs B10/B20 in Seenähe passieren wir einen imposanten Aussichtsturm, der einen ungehinderten Blick über den See und die davor gelegene Bewahrungszone bietet. Hier grasen Pferde-und Angusrinderherden, um den Schilfbewuchs Richtung Landesinnerem zu begrenzen, denn diese Pflanzen sind sehr trittanfällig und werden durch regelmäßige Beweidung in Zaum gehalten. Für Vogelfreunde ist hier das Paradies auf Erden, denn auch ohne Fernglas erkennt man unzählige Wasser – und Watvögel, so wie verschiedene Reiherarten. IMGP8600IMGP8608Vorbei an einem riesigen Gehege für Mangalizaschweine, einer alte Hausschweinrasse, die vor ein paar Jahren wieder entdeckt wurde und in guten Restaurants wie dem Zentral inzwischen einen Stammplatz auf der Speisekarte eingenommen hat, geht es weiter gen Luzifers Reich. Das Grollen hat sich zu einem ordentlichen Gedonner entwickelt, begleitet von spektakulären Blitzen … wir werden wohl schon erwartet! Gerade angekommen, öffnen sich die himmlischen Schleusen, doch zu spät, wir halten Einzug in den Schankraum, dessen Ambiente uns locker 30 bis 40 Jahre zurückversetzt. Die gemütlichen dunkel gebeizten Holzgarnituren laden zum Verweilen ein, in der Ecke eine Kachelofen, die Speisekarte klein aber ansprechend, der Ober bereits seit 30 Jahren im Dienst. Bei schönem Wetter ist der große Biergarten eine willkommene Zuflucht im Schatten. IMGP8606Kaum ist unser Höllenimbiss beendet, scheint auch Petrus genug zu haben und lässt den Regen versiegen. Wir machen uns wieder auf den Weg.  Nicht weit entfernt, direkt am Wasserwerk, wo durstige Radler ihre Trinkflaschen kostenlos auffüllen können, halten wir wieder. Nicht aus der Not heraus, sondern weil zu unserem großen Erstaunen in der Ferne eine Herde ganz besonderer Pferde zu erkennen ist. Es sind Przewalskypferde, das unzähmbare Bindeglied zwischen dem Urpferdchen und den heutigen Hauspferden. Ursprünglich in der Mongolei und Umgebung beheimatet, wurde dort das letzte Tier in den 70er Jahren erlegt. Inzwischen ist man in vielen Zoos bemüht, eine neue Population aufzubauen. Die hier beheimateten entstammen dem Tierpark Schönbrunn in Wien und werden auf die Rücksiedlung in die Mongolei vorbereitet. IMGP8610Da die Farbe des Himmels und die Lautstärke des Donners, sowie die Blitze immer bedrohlicher werden und anscheinend dabei sind, uns den Heimweg abzuschneiden, halten wir uns nicht lange auf, sondern starten Tour de France gleich durch … gen Unterkunft. Und wieder erreichen wir zeitgleich mit gewaltigen Regentropfen die trockenen Sicherheit. Zur üblichen Essenszeit hat Petrus wohl Mitleid mit den knurrenden Mägen seiner Erdbewohner und lässt kurzfristig die himmlischen Ventile schließen. Leider sind wir gezwungen, unser Abendbrot drinnen einzunehmen, denn Kellner und Speisen würden uns im Gastgarten nur sehr verwässert erreichen. Der Nachtisch ist verzehrt und wir machen uns zwischen den Regentropfen auf den Heimweg. Keine 20 Meter später sehe ich ihn … den Frosch … fröhlich über den Gehweg hüpfen … und wohl im Moment die einzige Kreatur in weitem Umkreis, die sich über die viele Feuchtigkeit freut!

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